Das Land, in dem täglich 15 Frauen getötet werden – nur, weil sie Frauen sind

Gemeinsam mit Allison Rapson und Kassidy Brown, den Gründerinnen des Medienunternehmens We Are the XX, hat Refinery29 eine Dokumentarreihe produziert, die das Leben von Frauen auf der ganzen Welt erforscht. „A Woman’s Place“ zeigt die ermutigenden Geschichten von Frauenrechtsaktivistinnen, die sich in ihrer Heimat für echte Veränderungen einsetzen. Diese Geschichte basiert auf den Gesprächen, die Rapson und Brown geführt haben, und auf der Berichterstattung von Refinery29 in New York.
Im Durchschnitt werden in Brasilien jeden Tag 15 Frauen getötet, nur weil sie Frauen sind. Diese Zahl hat die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff genannt. Frauenmord ist im größten Land Südamerikas noch immer ein ernstzunehmendes Problem. Das brasilianische Recht definiert Frauenmord mittlerweile als Verbrechen, das „mit häuslicher Gewalt, Diskriminierung oder Geringschätzung gegenüber der Frau einhergeht und zu ihrem Tod führt“.
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Bis 2006 galt häusliche Gewalt in Brasilien noch nicht einmal als Straftat: „Übliche Formen der Bestrafung bei häuslicher Gewalt waren Bußgeldzahlungen und das Spenden von Lebensmittelkörben für wohltätige Zwecke“, heißt es in einer Studie, die in der Fachzeitschrift Columbia Human Rights Law Review erschienen ist.
Dies änderte sich, als 2006 ein Gesetz gegen häusliche und familiäre Gewalt, das sogenannte Maria-da-Penha-Gesetz, in Kraft trat. Da Penha war selbst Opfer von häuslicher Gewalt durch ihren damaligen Ehemann geworden. 1983 hatte er sie brutal im Schlaf attackiert und auf sie geschossen, sodass sie teilweise gelähmt blieb. Als man sie aus dem Krankenhaus entließ, so da Penha, habe er versucht, sie mit einem Stromschlag zu töten.
Seitdem hat da Penha ihr Leben dem Ziel gewidmet, sich für brasilianische Frauen einzusetzen, die Ähnliches erlebt haben.
„Bevor das Gesetz kam, betrachtete man häusliche Gewalt als minder schweres Vergehen“, sagte da Penha 2011 vor der Frauenrechtskommission. „Das hat sich geändert. Es ist wirklich so, dass überall, wo ich hinkomme und spreche, Frauen das Gesetz als ihre Rettung betrachten. Wir benötigen aber stärkere finanzielle Unterstützung, um das Gesetz umzusetzen und sein ganzes Potenzial auszuschöpfen. Das Problem ist nicht das Gesetz selbst, sondern seine Umsetzung. Leider funktioniert dies bisher nur in den großen Städten.“
Fast zehn Jahre nach Inkrafttreten des Mara-da-Penha-Gesetzes meinen Anwältinnen und Anwälte, es müsse noch mehr zum Schutz der Frauen getan werden. Allein in der Stadt São Paulo, heißt es beim Entwicklungsfonds der Vereinten Nationen für Frauen, komme es im 15-Sekunden-Takt zu Tätlichkeiten gegenüber Frauen.
Fotografiert von: Autumn Eakin.
Adriana de Mela hat das Projecto Violeta in Rio de Janeiro mit aufgebaut, ein Ressourcenzentrum, mit dessen Hilfe Opfer von häuslicher Gewalt schnell Schutz erhalten können.
Adriana de Mela betreibt das Projecto Violeta in Rio de Janeiro, ein Ressourcenzentrum, mit dessen Hilfe Opfer von häuslicher Gewalt schnell Schutz erhalten können. Mela, von Beruf Richterin, kämpft für eine Reform des brasilianischen Rechtssystems, damit Opfer besser geschützt werden.
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„Nach brasilianischem Recht muss eine Frau, die häusliche Gewalt bei der Polizei anzeigt, vier Tage warten, bis überhaupt eine Entscheidung gefällt wird“, sagt de Mela. „Das ist eine lange Zeit für eine Frau, die unter häuslicher Gewalt leidet. Sie kann nicht warten, sondern wird vielleicht ermordet werden.“
De Mela zufolge verfolgt das Projecto Violeta das Ziel, diesen Prozess von vier Tagen auf vier Stunden zu beschleunigen, sodass Frauen den erforderlichen Schutz auch schnell bekommen. Das Zentrum ermöglicht es den Frauen außerdem, mit Sozialarbeiterinnen und Psychologinnen zu sprechen.
„Ich diskutiere mit der Polizei darüber, wie wir Entscheidungsprozesse beschleunigen können“, erklärt de Mela. „Wir haben [in unserem Zentrum] einen Pflichtanwalt für die Opfer, nur für Frauen. Anwalt, Staatsanwalt, Richterin – in nur vier Stunden [hat es das Opfer geschafft]. Denn das Wichtigste für die Opfer ist, dass schnelle Entscheidungen getroffen werden.“
Einige brasilianische Frauen haben den Kampf gegen häusliche Gewalt aus dem Rechtssystem heraus und auf die Straße getragen. Die Künstlerin Panmela Castro sagt, sie habe 2005 damit begonnen, Wandbilder und Graffiti zu malen, um mit ihren Werken auf die Probleme der Frauen aufmerksam zu machen.

[VIER TAGE] SIND EINE LANGE ZEIT FÜR EINE FRAU, DIE UNTER HÄUSLICHER GEWALT LEIDET. SIE KANN NICHT WARTEN, SONDERN WIRD VIELLEICHT ERMORDET WERDEN.

Adriana de Mela, Projecto Violeta
Damals, sagt sie, habe sie noch gemeinsam mit einer Gruppe Männer gemalt: „Graffiti-Girls gab es noch nicht.“
„Ich wollte auf der Straße sein und dasselbe machen wie sie. Ich war super maskulin, weil ich so sprechen und mich so kleiden musste wie sie, damit sie mich akzeptieren“, erzählt Castro. „Denn wieso sollte ein Mädchen bei den Jungs auf der Straße sein, wo doch dort alles Mögliche passieren kann? Ich glaube, damals ging es mit meiner Kunst so richtig los.“
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Heute hat Castro ihre eigene Gruppe von „Graffiti-Girls“. Ihre Organisation, Rede Nami, unterstützt andere Künstler. Mit ihrer Kunst, ihrer Unterstützung für 30 junge Frauen und dem Projekt „Graffiti gegen häusliche Gewalt“ macht sie auf das Maria-da-Penha-Gesetz und die Rechte von Frauen aufmerksam.
„Dieses ganze Problem mit der häuslichen Gewalt existiert nur wegen unserer Kultur, wegen der Art und Weise, wie Frauen gesehen werden oder wie sie in den Augen der Menschen zu sein haben“, sagt Castro. „Die meisten Frauen werden Opfer häuslicher Gewalt, weil sie nicht ‚gehorsam‘ waren. Darauf spiele ich in meinen Werken an.“
„Ich glaube, die Leute wollen, dass wir gehorchen, aber das müssen wir nicht immer“, so Castro. „Und die Frauen, die in der Vergangenheit nicht gehorcht haben, sondern getan haben, was sie wollen, haben uns sozusagen eine Tür geöffnet, sodass wir heute freier leben können.“
Diese Freiheit ist die Botschaft, die sich durch ihre Werke zieht. Eine Botschaft, die weit über die Stadtgrenzen von Rio hinaus Wirkung zeigt. Castro steht gemeinsam mit anderen Frauen aus der ganzen Welt auf einer Liste von „150 furchtlosen Frauen“, die von Newsweek und The Daily Beast veröffentlicht wurde. Sie selbst sagt, sie werde junge Menschen weiterhin drängen, ihre Botschaft mithilfe von Kunst auszudrücken.
„Graffiti findet auf der Straße statt, du musst dafür nicht um Erlaubnis bitten“, erklärt Castro. „Du kannst einfach rausgehen und deine Botschaft rüberbringen.“
Fotografiert von: Autumn Eakin.
Wandbild von Panmela Castro an einer Mauer in Rio de Janeiro