Schusswaffengewalt – und wie man sie überlebt: Bewegende Bilder, die man gesehen haben muss

Foto: Zur Verfügung gestellt von Kathy Shorr/SHOT.
Diese Geschichte wurde ursprünglich im April 2015 veröffentlicht, aber seitdem hat es in den USA über 215 Massenschießereien gegeben (von Mass Shootings Tracker definiert als ein Ereignis, bei dem mindestens drei Menschen durch Schüsse verletzt werden), und das Thema hat mit der erschütternden Attacke auf einen Club in Orlando wieder neue Brisanz gewonnen. Nach einem Amoklauf an einem Community College in Oregon im Jahr 2015 reagiert US-Präsident Obama mit seiner bisher hoffnungslosesten Rede: „Das alles ist inzwischen schon zur Routine verkommen. Die Berichterstattung ist Routine. Meine Reaktion hier an diesem Pult wird zur Routine. Die Diskussion danach. Wir sind alldem gegenüber inzwischen abgestumpft.“ Kathy Shorrs Fotoserie, die traurigerweise wohl immer aktuell sein wird, zeigt, dass hinter dieser epidemischen Schusswaffengewalt Gesichter und Namen sowie menschliche Erfahrungen stecken.
Estefania saß bei ihrer Schwester auf dem Sofa und sah fern, als eine Kugel durch das Fenster flog und sie im Gesicht traf. Sahar ging gerade über den Times Square, als die Polizei bei einer Verfolgungsjagd auf einen Verbrecher schoss, ihn verfehlte und stattdessen sie traf. Moni war an diesem Tag im Jahr 2012 in Aurora, Colorado, im Kino. Alle drei Frauen haben überlebt.

Dieses Jahr werden schätzungsweise 32.514 Menschen in den USA an Schussverletzungen sterben – und mehr als 500 davon werden Frauen sein, die von ihrem Lebensgefährten erschossen werden. Die Statistik ist düster, so viel ist sicher. Aber wenn wir über sie diskutieren, übersehen wir oft eine andere Gruppe: diejenigen, die angeschossen werden und überleben.
In ihrer Fotoserie SHOT beleuchtet die New Yorker Fotografin Kathy Shorr das Leben nach der Gewalt. Für einige der von ihr Porträtierten gehören hierzu auffällige Narben, die sie in ihren Bildern schonungslos zeigt. Andere tragen nur unsichtbare Wunden, aber jede der Frauen nimmt die stolze Haltung einer Überlebenden ein, die weiß, was es heißt, etwas überstanden zu haben.
„Darum geht es bei SHOT: die Menschen anzusehen – sie wirklich zu sehen –, die von Schusswaffengewalt betroffen sind, und die Menschen aus dem ganzen Land zu sehen, die angeschossen wurden. Das ist viel eindrücklicher als zu hören, dass zwei Drittel der Opfer von Schussverletzungen überleben. Das ist zu abstrakt. Es ist viel weniger bedeutsam“, erzählt uns Shorr.
Natürlich sind die von ihr Dargestellten diejenigen, die Glück gehabt haben. RH Reality Check zitiert eine Studie aus dem Jahr 2003, nach der die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau in einer Situation von häuslicher Gewalt getötet wird, um 500 % steigt, wenn eine Schusswaffe im Haus ist – auch wenn es ihre eigene ist – und jeden Tag sterben in den USA statistisch gesehen acht Kinder und Jugendliche im Zusammenhang mit Schusswaffengebrauch. Obwohl es statistisch gesehen wahrscheinlicher ist, dass man bei Schusswaffengewalt kein tödliches Ende findet, sondern mit Narben und Wunden überlebt, sind Geschichten von Überlebenden in den Medien weitaus weniger präsent, was einer der Gründe war, der Shorr zu ihrer Fotoserie inspirierte.
Als Lehrerin hat Shorr erlebt, wie ihre Schüler der Schulkameraden gedachten, die sie an Schusswaffenverletzungen verloren hatten. „[Die Opfer] wurden quasi zu Mini-Volkshelden … und ich habe viel darüber nachgedacht, dass die Überlebenden sich einfach schnell wieder aufrappeln und ihr Leben weiterleben sollen und [nicht denselben] Respekt oder dieselbe Bewunderung bekommen.“
Abgesehen davon, dass die Medien sich vor allem auf die Todesfälle stürzen, berichten sie erschreckend oft über polizeiverursachte Morde und dramatische Schießereien zwischen Gangmitgliedern. Wenn sie falsch betrieben wird, kann die Berichterstattung über diese inzwischen abscheulich gewöhnlich gewordenen Vorfälle den Mythos stärken, dass Gewalt durch Schusswaffen nur in bestimmten gesellschaftlichen Gruppen vorkommt und dass ein halbseidener Lebensstil notwendigerweise ein Teil der Geschichte sein muss. Shorrs Serie enthüllt aber etwas noch Beunruhigenderes: Dieses Trauma kann jeden treffen; täglich werden unschuldige Menschen durch Kugeln verstümmelt.
„Menschen aus allen Teilen Amerikas und aus den unterschiedlichsten Gesellschaftsschichten können beim Betrachten der einzelnen Porträts sagen: ‚Oh, diese Frau ist genauso wie ich… Das hätte mir passieren können‘“, sagt sie und erklärt, dass sie Männer, Frauen und Jugendliche aus den verschiedensten gesellschaftlichen Schichten fotografiert hat. „Es gibt also eine Verbindung zwischen Menschen, die nicht von Schusswaffengewalt betroffen sind, und denen, die sie erlebt haben, und man erkennt dadurch, dass es jeden treffen kann.“
Für die Serie hat Shorr die Frauen, die wir im Folgenden zeigen, und die meisten der anderen Dargestellten zurück zu den Orten gebracht, an denen sie angeschossen wurden – für einige war es das erste Mal seit dem traumatischen Erlebnis. Die Fotografin führt gerade eine Fundraising-Kampagne durch, um ihre Reisen durch das Land zu finanzieren, und will bis zum Ende ihres Projekts 100 Überlebende porträtieren und das Projekt noch in diesem Jahr als Buch veröffentlichen. Dann, so hofft sie, werden die Menschen anfangen, darüber zu reden.
„Wir müssen [einen] Dialog beginnen“, sagt sie. Sie hofft, dass die Betrachter die Bilder ansehen und sagen: „Das ist ein Problem, das wir in diesem Land haben – ein ernstes Problem – wie können wir als Amerikaner zusammenkommen und herausfinden, wie wir das für alle am besten erträglich machen?“
Was ihren eigenen Standpunkt betrifft, ist es nicht Shorrs Anliegen in diesem Thema, das für sie voller „Grauzonen“ ist, für irgendeine Seite Partei zu ergreifen. Sie möchte eine Diskussion entfachen – an der sie sich aber nicht unbedingt beteiligen möchte. „Nicht ich bin diejenige, die in dieser Angelegenheit etwas zu sagen hat – ich finde, die Stimmen der Überlebenden sind die Stimmen, die gehört werden müssen.“ Unmissverständlich sagt sie: „Die Bilder werden die Geschichte erzählen.“
Hinweis der Redaktion: Die folgenden Bilder und Geschichten enthalten heikles Material, das auf einige Menschen belastend wirken kann.