Was du tun könntest, wenn Amber Heard deine Freundin wäre

Photo: Jon Kopaloff/FilmMagic/Getty Images.
Amber Heard hat kürzlich öffentlich gestanden das Opfer häuslicher Gewalt gewesen zu sein. Die Schauspielerin hat eine einstweilige Verfügung gegen ihren zukünftigen Ex-Mann Johnny Depp beantragt und vor Gericht ausgesagt, er habe sie im Laufe ihrer 15 Monate langen Ehe mehrfach körperlich misshandelt. Im Internet brachen infolgedessen natürlich passionierte Diskussionen aus, in denen es sich Nutzer nicht nehmen ließen, Partei für Heard oder Depp zu ergreifen. Wir möchten nun kurz innehalten und einen Schritt zurückgehen, weg von all den medial verbreiteten Gerüchten, den Paparazzi-Fotos und den widerwärtigen Hashtags, allen voran #ImWithJohnny und #TeamDepp, und unsere Reaktion unter einem anderen Aspekt betrachten: Was wäre, wenn wir Amber Heard kennen würden, wenn sie eine enge Freundin oder Verwandte wäre?

Wie Leslie Morgan Steiner, selbst Überlebende häuslicher Gewalt und Aktivistin, sagt: „Missbrauch gedeiht vor allem durch Schweigen“ – und doch wissen wir nicht, wie wir mit dem Thema Missbrauch umgehen sollen, wenn wir den Verdacht haben ein Opfer im näheren Umkreis zu wissen. Oder wie es gar zu handhaben ist, wenn eine uns nahestehende Person tatsächlich auf uns zukommt und davon erzählt, missbraucht worden zu sein.

Also wandte ich mich an Rachel Goldsmith, eine lizensierte klinische Sozialarbeiterin und Associate Vizevorsitzende der acht New Yorker Safe Horizon Unterkünfte für Opfer häuslicher Gewalt, und fragte nach, wie wir diejenigen unterstützen können, die wir in missbrauchenden Beziehungen vermuten oder die es uns offen sagen. Wenn du denkst, du würdest niemanden kennen, der sich in einer solchen Beziehung befindet, liegst du mit großer Wahrscheinlichkeit falsch. Die US-amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (dem Gesundheitsministerium untergeordnete Behörden, die der Kontrolle und Prävention von Krankheiten zugeschrieben sind) berichten aktuell, dass mehr als jede dritte Frau und jeder vierte Mann in den USA Vergewaltigung, körperliche Gewalt oder Stalking durch einen Partner oder eine Partnerin am eigenen Leib erfahren haben. Zudem werden in den USA jede Minute mehr als 20 Personen körperlich missbraucht.

„Die Wahrscheinlichkeit, dass sich unter allen Gewaltopfern eine Person befindet, die wir kennen, ist sehr hoch“, so Goldsmith, „darüber nachzudenken, was wir einem Freund oder einer Freundin in so einer Situation sagen würden, ist demnach sehr wichtig.“

Wenn du mehr darüber erfahren möchtest, wie du einer betroffenen Person mit ausreichend Mitgefühl, Einfühlungsvermögen und der notwendigen Unvoreingenommenheit beistehen kannst, kannst du hier weiterlesen.
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Missbrauch gedeiht durch Schweigen

Wie geht man am besten auf eine Person aus dem engeren sozialen Umfeld zu, von der man vermutet, sie befinde sich in einer missbrauchenden Beziehung?

„Bei Safe Horizon arbeiten wir klientenzentriert, was bedeutet, dass wir damit beginnen, unvoreingenommen die ganz eigene Situation des Individuums und seine Sorgen verstehen zu wollen, wobei die betroffene Person durchweg die Expertenrolle zur eigenen Lage beibehält. Wenn man nun mit einem Freund oder einer Freundin spricht, kann man dieselbe Strategie anwenden. Man sollte nicht mit seiner eigenen Agenda oder seinen Vorstellungen ins Gespräch starten, sondern offen bleiben und zuhören. Mit Dingen wie, ‚Ich habe in der letzten Zeit nicht viel von dir gehört und mache mir Sorgen‘ oder ‚Es scheint unruhig zu werden in eurer Beziehung, ich wollte einfach mal nachfragen, wie es dir geht‘ kann man ein solches Gespräch beginnen und offen verlaufen lassen.

„Etwas, das wir unbedingt vermeiden wollen, ist dem Opfer Schuld zuzuweisen. ‚Was ist los mit dir, dass du mit so jemandem zusammen bist?’ und ‚Warum lässt du dich so behandeln?’. Das sind Worte, mit denen man Betroffene eher von sich distanziert als sich ihnen anzunähern. Ich rate daher die Betonung auf die eigene Besorgnis und Fürsorge zu legen. ‚Da gibt es einige Dinge, die mir in der letzten Zeit zwischen euch aufgefallen sind’, wenn man dann noch Beispiele hat, können diese überaus hilfreich sein.“

Sie machen deutlich, dass sich Schuldzuweisungen an das Opfer nicht nur über Vorwürfe äußern, den Missbrauch provoziert zu haben. Auch das Suggerieren von Verantwortung dafür, dass man mit dem Täter oder der Täterin zusammenbleibt, oder Bemerkungen über das vermeintliche Ausbleiben einer besseren Handhabung vermitteln klare Schuldzuweisung.


„Absolut. Es ist sehr wichtig zu verstehen, wie kompliziert und vielschichtig der Sachverhalt häuslicher Gewalt tatsächlich ist. Nicht allen Betroffenen ist mit derselben Maßnahme geholfen. Während eine Person Beratung im Gespräch benötigt, braucht eine andere rechtliche Unterstützung und eine dritte wiederum sucht hauptsächlich eine sichere Unterkunft – das alles ist nicht zwangsläufig eine Entscheidung, die schnell getroffen ist. Ein weiterer Aspekt, der Leuten bewusst sein sollte, ist, dass es auch um Faktoren der Sicherheit geht. Gegebenenfalls muss das Beenden einer Beziehung im Voraus geplant werden, damit das Opfer unversehrt hervortritt. Ohne Weiteres seine Sachen zu packen und zu gehen ist keine Option, wenn dabei die Sicherheit der Betroffenen, bzw. ihrer Kinder, kompromittiert wird. Es darf also kein Druck auf Gewaltopfer ausgeübt werden diesbezüglich voreilig Entscheidungen zu treffen.“
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Beginne das Gespräch nicht mit deiner eigenen Agenda — sei offen und hör zu

Was tun Sie, wenn Sie sich jemandem bezüglich des Gewaltthemas annähern und er oder sie abblockt?

„Ich lasse sie wissen, dass es Hilfsmittel gibt, die ihnen zur Verfügung stehen. Bei Safe Horizon haben wir beispielsweise eine 24-Stunden-Hotline eingerichtet, die man jederzeit anrufen kann um einfach mit jemandem zu sprechen. Eine Rund-um-die-Uhr-Hotline ist besonders wichtig, weil man vielleicht nicht unbedingt dann bereit ist über alles zu sprechen, wenn die beste Freundin gerade nachfragt, sondern einen stillen Moment in der Nacht oder am frühen Morgen bevorzugt.“

„Die nächste wichtige Information für betroffene Personen ist, dass sie unbedingt auch einfach nur über ihre Beziehungen und deren Probleme sprechen können, ohne unmittelbare Änderungen vornehmen zu müssen. Ich glaube, dass viele Leute denken, Wenn ich mich jetzt an jemanden wende und über meine Beziehung spreche, muss ich sofort eine Entscheidung treffen, was dann folglich bedeute, Ich muss es jetzt beenden. Viele denken, dass ihnen jemand sagt, sie müssten alles abbrechen und Dinge tun, die sie gar nicht tun wollen, aber das ist wirklich nicht der Fall. Ich betone immer wieder, dass jederzeit einfach nur gesprochen werden kann, um gemeinsam Informationen einzuholen. Unser Job ist es nicht, jemandem etwas vorzuschreiben. Unser Job ist es, als helfende Stütze in der Handhabung einer Beziehung zu fungieren – wenn du das deinem Freund oder deiner Freundin genauso vermitteln kannst, dass sie auch einfach nur ihre Fragen mit jemandem besprechen können... Da ist niemand, der dir sagt, was du zu tun hast oder nicht. Es sind lediglich Menschen, die dir dabei helfen, all deine Optionen auszuloten.“

Wie sollte ich reagieren, wenn sich mir eine betroffene Person anvertraut?

„Ich würde mit klarer Anerkennung beginnen und sagen, ‚Danke, dass du das mit mir teilst. Es war wahrscheinlich schwer mir das zu erzählen und ich rechne es dir hoch an, dass du mit mir darüber sprechen möchtest. Ich kenne fachkundige Leute, mit denen du über alles noch viel detaillierter sprechen kannst.’ Ich glaube, es ist besonders schwierig, wenn man der betroffenen Person sehr nah steht, weil man oft beide Dinge verkörpern möchte – man möchte Freund und Therapeut gleichzeitig sein, die eine Person, die alle Probleme lösen kann, obwohl man eigentlich einfach da sein und verdeutlichen sollte, dass man unterstützen möchte.“

Wie sieht eine unproduktive Reaktion aus?

„Es mag tatsächlich nicht produktiv sein zu sagen, ‚Oh, wie schrecklich, so sollte dich niemand behandeln,’ oder ‚Ich werde auf jeden Fall mit deinem Freund oder deinem Ehemann darüber sprechen’... Mit dem Aggressor zu sprechen kann in manchen Fällen sogar zu einem großen Sicherheitsrisiko führen. Oftmals wird häusliche Gewalt durch Schweigen kultiviert: Alles spielt sich im stillen Kämmerchen ab und sobald das Mysterium gelüftet wird, können dabei Sicherheitsrisiken für die Betroffenen entstehen. Ich möchte Außenstehende wirklich davon abhalten in eine solche Beziehung einzugreifen und zu intervenieren, das ist möglicherweise keine zuverlässige Option für die von der Gewalt betroffene Person.“

Unser Job ist es nicht dir etwas vorzuschreiben — unser Job ist es dir zu helfen

Welchen Wortlaut empfinden Sie für angebracht und von welchem raten Sie ab, wenn man mit einer gewaltbetroffenen Person über ihre Erfahrungen sprechen möchte?

„Leute reagieren unterschiedlich auf unterschiedlichen Sprachgebrauch. Manche empfinden es als Bestätigung die Wörter Missbrauch und Angriff zu benutzen. Man ist auf jeden Fall damit wohlberaten, den Wortlaut zu übernehmen, der von der Person benutzt wird, die sich einem anvertraut. Nehmen wir an, sie sagt, ‚Zwischen meinem Freund und mir ging es gestern richtig zur Sache.’ Auf solche Aussagen kann man mit Folgefragen anknüpfen, ‚Was heißt das konkret, wenn es bei euch richtig zur Sache geht? Kannst du das genauer erklären?’, so bekommt man ein besseres Gefühl dafür, was das eigentlich bedeutet. Letzten Endes geht es gar nicht so sehr um das Benennen, sondern vielmehr darum, dass der betroffene Mensch seine eigene Erfahrung versteht und für sich eine Entscheidung fällen kann, was er mit diesem neu gewonnenen Verständnis unternimmt.“

„Wir können es einen ‚Angriff’ nennen, wir können es ‚häusliche Gewalt’ nennen, ultimativ muss die Person, die davon betroffen ist, die nötige Hilfestellung erhalten. Ihren eigenen Wortlaut zu übernehmen kann den Prozess begünstigen, denn manche Menschen hören Wörter wie ‚Angriff’, sind aber selbst noch nicht bereit den Zustand als solchen anzuerkennen und fühlen sich von dieser Feststellung vollkommen überwältigt.“

Was sollte man sich zusammenfassend immer vor Augen führen, wenn man sich mit einem Opfer häuslicher Gewalt auseinandersetzt?

„Die Betonung auf das ganz persönliche Anliegen und die Fürsorge zu setzen, anstatt zu urteilen, ist immer ein guter Anfang. Die Gewissheit, dass es da draußen Leute gibt, die sich der weiteren Unterhaltung annehmen können – professionelle Berater, die dein Freund oder deine Freundin kontaktieren kann, auch wenn es nur darum geht mittels fundierter Gespräche Emotionen zu artikulieren, die man in Bezug auf die Beziehung und die damit verbundenen Erfahrungen hat.“

„Weiterhin geht es darum, wirklich zu verstehen, dass jede von Missbrauch betroffene Person andere Bedürfnisse hat. Das ist keine einseitige Angelegenheit. Es geht vielmehr darum herauszufinden, wie jemandem geholfen werden kann und dahingehend Unterstützung bei der Vermittlung zu bieten.“

„Außerdem dürfen wir den Faktor Sicherheit nicht aus den Augen verlieren. Es kann immer sein, dass wir nicht über alles Bescheid wissen, was vorgeht, deshalb ist im Zweifel Vorsicht angesagt, und allen Betroffenen ist die Zeit einzuräumen gemeinsam mit fachkundigen Helfern eine sichere Lösung zu finden.“

Übersetzt von: Rea Mahrous

Wenn du selbst von häuslicher Gewalt oder Missbrauch betroffen bist oder eine Person in deinem Umkreis kennst, die Hilfe benötigt, kannst du die Fachkräfte vom Hilfetelefon des Bundesamts für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben “Gewalt gegen Frauen” 24 Stunden lang telefonisch unter 08000 116 016 erreichen oder die Webseite besuchen. Der Service ist kostenfrei; es sind nach Absprache Dolmetscher und Dolmetscherinnen in 15 Sprachen verfügbar.
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