Neue Serien: Warum es sich lohnt, für Westworld alles stehen & liegen zu lassen

Foto: John P. Johnson/HBO
Was würdest du tun, wenn du wüsstest, dass dein Handeln keine Konsequenzen hat?

Mit dieser Frage beschäftigt sich die neue HBO-Serie Westworld, die zum Start mehr Zuschauer in ihren Bann ziehen konnte als die erste Folge von Game of Thrones.

Vielleicht, weil sie die Antwort, die man befürchtet, gleich mit dazu liefert: Westworld ist ein Freizeitpark, der es möglich macht, einen Tag lang in der Kulisse eines klassischen Westerns zu leben. Statt Achterbahnen und Zuckerwatte sind die Hauptattraktion darin aber täuschend echte Zeitgenossen – wie Dolores Abernathy, eine der Bewohnerinnen des Westworld-Städtchens Sweetwater. Sie höflich zu begrüßen und bei einem ausgedehnten Spaziergang näher kennenzulernen wäre eine Option. Es ist aber genauso möglich, ihre Eltern vor ihrem Zuhause zu foltern, ihren Freund zu erschießen und sie anschließend hinter sich herzuschleifen, um sie zu vergewaltigen.

So beginnt eine der großen Geschichten der ersten Folge. Dolores, gespielt von Evan Rachel Wood, ist ein sogenannter Host, eine Gastgeberin der Westworld. Sie sieht aus wie ein Mensch, spricht wie ein Mensch und verhält sich wie ein Mensch. Doch sie ist keiner: Wie bei allen anderen Bewohnern handelt es sich auch bei Dolores um einen Roboter, der am Ende des Tages von dem Team hinter dem Park wieder aufgehübscht wird. Was sie an dem Tag durchmachen musste, ist unerheblich. Erinnern kann sie sich ohnehin nicht. Und so beginnt jeder Tag in der Westworld gleich idyllisch: Was daraus wird, bestimmen die Newcomer, also die Gäste des Parks. Sie zahlen mehrere zehntausend Euro, um die Westworld betreten zu können und darin unverwundbar zu sein.

Dieses Ticket scheint sich Dolores' Vergewaltiger nicht zum ersten Mal geleistet zu haben – der mysteriöse, schwarz gekleidete Mann wirkt nicht so, als würde er auf unbekanntem Terrain agieren.

Die Vergewaltigung wird – anders als zum Beispiel bei Game of Thrones – zwar nicht explizit gezeigt, es besteht jedoch kein Zweifel daran, dass sie stattfindet. Die Darstellung sexueller Gewalt sorgte bereits im Vorfeld der Premiere für Diskussionen. „Als Person, die die Geschichte erzählt, hast du die Verpflichtung, ein Bewusstsein dafür zu schaffen und den Horror auch darzustellen, sodass die Zuschauer nicht abstumpfen. Ich glaube nicht, dass es daran etwas Erregendes gibt – es ist alles furchtbar und so soll es auch wirken.“ erklärt Dolores-Darstellerin Evan Rachel Wood laut Buzzfeed News dazu. „Du kannst eine Geschichte über Unterdrückung nicht erzählen, ohne die Unterdrückung zu zeigen.“, ergänzte Executive Producer und Star Wars-Regisseur J.J. Abrams bei der Serienpremiere in Los Angeles.

Dazu stellt Autorenteam-Leiter Jonathan Nolan fest, dass Moral kein Problem wäre, wenn man in Grand Theft Auto ein paar Fußgänger überfahren würde. Die offensichtliche, fiktive Darstellung sorgt für Abgrenzung. Sobald die eigentlich klassischen Nonplayer-Charaktere jedoch ein gewisses Intelligenzlevel überschreiten, ist es weitaus schwieriger, eine Grenze zu ziehen.

Genau hier setzt Westworld an. Die Roboter sind nicht nur nahezu menschlich, sondern wirken in der ersten Episode auch noch sympathischer als die echten Menschen. R29-Autorin Tina Hunt erklärt, dass sie sich in Dolores gerade deshalb besonders gut hineinversetzen kann. Dolores' Darstellung als Objekt und die damit verbundene Behandlung steht sinnbildlich für die Objektifizierung, der sie sich als Frau in unserer Gesellschaft täglich ausgesetzt sieht. Darüber hinaus wirft Westworld die Frage auf, ob es im Kontext des Freizeitparks überhaupt gegenseitiges Einvernehmen geben muss. Kann etwas gegen den Willen eines Roboters geschehen, wenn sie objektiv betrachtet keinen freien Willen haben?

In der ersten Episode deutet sich an, dass genau dieser Konflikt die Geschichte bestimmen wird. Ein Software-Update sorgt plötzlich dafür, dass die Westworld-Gastgeber über ihre Programmierung hinaus agieren – und auf einmal erschlägt auch Dolores die Fliege an ihrem Hals, die jeden Tag um sie herumschwirrt und sie früher nie gestört hat.

Westworld wird seit dem 2. Oktober 2016 in den USA ausgestrahlt und ist in Deutschland über Sky Go zu sehen.
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