Wie ich erfuhr, dass meine erste große Liebe heroinsüchtig wurde

Foto: Jessica Nash.
Die Menschen sind besessen von der Vorstellung einer Zombie-Apokalypse, in der die Untoten in Horden umherziehen und mit leeren Blicken und hungrigem Lechzen durch die Straßen irren, als wären sie von permanenten Schmerzen geplagt. Als würden sie die Körper und Seelen der Lebenden aussaugen, bis wir alle Zombies sind, gequält, einsam und eiskalt.

Ein ähnliches Szenario habe ich aus nächster Nähe miterlebt.

Soweit ich zurückdenke, habe ich gewusst, was Heroin ist. Mein Vater war Berater bei der örtlichen Drogenberatung und während meiner Kindheit war ich somit immer wieder mit seinen Patienten und Klienten konfrontiert. Es waren natürlich auch schöne Momente, Augenblicke, in denen sie meinem Vater gedankt haben, ihre Erfolgsgeschichten erzählten. Häufig sprachen sie mich auch direkt an und sagten: „Dein Vater hat mir das Leben gerettet.“ Seit jeher war ich mir dessen bewusst, dass Heroin das Schlimmste ist, was einem Menschen widerfahren konnte.

Dann trat Cody in mein Leben. Als ich ihn zum ersten Mal traf, ging ich eigentlich gerade mit einem anderen Jungen aus. Cody saß auf meinem Auto und spielte Gitarre, er trug Baggy Jeans, seine Haare hingen ihm ins Gesicht – als hätte ich jemandem eine Beschreibung meines Traumtypen gegeben, der anschließend auf dem Dach meines kleinen, grünen Zweitürers platziert wurde. Alles, was fehlte, war eine fette, rote Schleife. Mein Date und ich verbrachten den Abend mit einigen seiner Freunde, die allesamt hippe Musiker waren und sich getroffen hatten, um Cody zuzuhören. Der Abend verlief unerwartet und endete darin, dass Cody mich nach Hause fuhr. Stundenlang saßen wir noch in seinem Auto vor der Auffahrt meiner Eltern und redeten.

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Er hatte schon damals eine sehr düstere Seite, nur verpackte er sie in Musik, Bier und Gras – was Teenager eben so machen.


Eine Woche später ging ich ans College, wo ich mich weitere drei Wochen später von meinem damaligen Freund trennte und einige Monate danach Hals über Kopf in Cody verliebt wiederfand.

Er hatte schon damals eine sehr düstere Seite, nur verpackte er sie in Musik, Bier und Gras – was Teenager eben so machen. Wir sprangen von Klippen, entdeckten leer stehende Häuser und sangen schlechte Green-Day-Cover. Wir lebten den Moment, so wie es nur 18-Jährige können. Aus einem Jahr wurden zwei, drei, vier. Nach all der Zeit behielt er keinen Job länger als einen Monat und lebte noch immer bei seiner streng religiösen Familie, die ihn psychisch fertigmachte und bei keinem seiner Vorhaben unterstützte. Cody war niemals nicht am Trinken. Ich hatte dagegen geplant, demnächst nach New York zu ziehen und wollte unter keinen Umständen, dass er mitkommt. Er half mir noch beim Umzug, doch es brach uns beiden das Herz.

Als ich das erste Mal ein kleines Tütchen auf Cody Kommode fand, sahen wir uns zum ersten Mal nach meinem Umzug wieder und waren eigentlich nicht mehr zusammen. Ich war zu Besuch aus New York da und musste für ein paar Nächte bei ihm untergekommen, weil ich eine Pause von meiner vereinnahmenden Familie brauchte. Meine jüngere Schwester war zu diesem Zeitpunkt auch schon abhängig. Ich hatte es bemerkt, weil ich immer wieder Nadeln, Pillen und kleine Flaschen in ihrem Badezimmer gefunden hatte. Während sich meine Mutter über gestohlenes Geld wunderte, blickte ich in die Augen meiner Schwester und fand nichts als kalte Leere, Narzissmus und Gleichgültigkeit. Ich brauchte Ablenkung, also ging ich. Doch zu keinem Zeitpunkt war mir bewusst, dass ich eine Abhängige verließ, um mich dem nächsten zu widmen.

Wir schmuggelten Whiskey ins Kino, machten in der Küche seiner Eltern rum, während sie schliefen, und taten so, als wäre alles beim Alten. Er sah hager aus, aber er war schon immer hager. Hatte viele blaue Flecken am Körper, doch auch die hatte er schon immer. Er sagte, das Tütchen wäre Koks, aber er habe damit nichts mehr am Hut. Ich beschloss, ihm zu glauben und ging zurück nach New York.

Ich sah ihn einen ganzen Sommer nicht, bis ich im Herbst zurückkehrte, weil es meinem Vater schlecht ging. Ich hatte jemand anderes kennengelernt und war mit einem Mann zusammen, den ich wirklich liebte. Abgesehen natürlich von der Tatsache, dass meine seine erste große Liebe nie voll und ganz vergisst. Mein neuer Freund fuhr mich fünf Stunden lang zum Krankenhaus, in dem mein Vater lag. Er blieb an meiner Seite, während ich Papa Harry Potter vorlas, um ihn von seinen Morphin-Zuständen abzulenken und zu beruhigen.

Als ich an einem Wochenende alleine kam, griff ich reflexartig zum Telefon und rief Cody an. Das Krankenhaus war nur wenige Kilometer von seinem Haus entfernt und ich wusste, dass er meinen Vater immer sehr gemocht hatte. Cody nicht in die Umstände einzuweihen, wäre keine Option gewesen. Nach zwei Stunden tauchte er auf, stand vor meiner Tür und sah schrecklich blass-grau aus. Es war erschreckend, wie alt er plötzlich schien. Müde. Schwach. Als er ging, nahm mich meine Schwester – frisch auf Entzug – zur Seite, „Lyz, das ist Heroin“, sagte sie. Ich hatte ja keine Ahnung.

Als er mich ein paar Tage später anrief, um mir zum Geburtstag zu gratulieren, musste ich ihm im gleichen Atemzug erzählen, dass mein Vater gestorben war. Schluchzend saß ich im Auto meiner Mutter auf einem Parkplatz und er hörte einfach zu. Als ich mich ein wenig beruhigt hatte, fragte er vorsichtig, ob er zur Beerdigung kommen dürfe, ob das angebracht sei, und ich sagte, dass wir ihn gerne dabei hätten. Er kam nicht.

Über ein Jahr verging und ich hatte nichts als Gerüchte mitbekommen. Alte Freunde erzählten, dass er ihnen Geld schulde, dass er hier und da mit unterschiedlichen Frauen gesehen würde und immer wieder wegen leichter Überdosen im Krankenhaus landete. Irgendwann hörte ich, dass er mit seiner neuen Freundin nach Ohio gezogen war. Sie schien ihm gutzutun und ich ließ das Thema immer weiter hinter mir.
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Zwei weitere Jahre vergingen, bis ich plötzlich Anrufe aus Ohio erhielt. Ich ging die ersten Male nicht ran, bis die Anrufe so regelmäßig und hartnäckig wurden, dass ich sie kaum mehr ignorieren konnte.

Er war clean und single und einsam, meine Nummer wäre ihm im Traum erschienen und er musste einfach meine Stimme hören. Er klang gut, gesund, voller Leben. Ein bisschen traurig vielleicht, aber trotzdem energisch. Er fragte mich über meine Lebensumstände aus, erzählte mir von Meetings und Businessplänen, die er potenziellen Sponsoren demnächst vorstellen wollte, und dass er einen Job habe. Wir sprachen wie alte Freunde, es hing ein Hauch von Nostalgie in der Luft. Wir versprachen uns, dass wir häufiger voneinander hören würden. Als ich auflegte, machte sich in meinem Bauch ein wohliges Gefühl breit. Eine Ruhe, als wäre alles in Ordnung, weil ich mir keine Sorgen mehr um ihn machen musste.

Die Sucht ist ein Gespenst. Sie ist ein Wolf im Schafspelz. Sie ist ein Monster, das mal die Zähne fletscht und mal charmant zwinkert und lächelt.


Kurz darauf fing er an, mich nach Geld zu fragen – und fuhr das Ganze damit direkt gegen eine große Wand. „Nur 5 Dollar, bis ich meinen Job antrete“, sagte er mir immer wieder. Ich unterdrückte alles, was in mir vorging, und sagte eiskalt Nein. Dass wir nicht diese Art von Beziehung führten und dass es mir leid täte. Sein Ton kam mir unheimlich bekannt vor, mit einer Note Arroganz und Egoismus, wie ich es von meiner Schwester kannte, als sie sich noch spritzte. Ich konnte es fühlen, dieses unkontrollierbare Bedürfnis eines Abhängigen. Ich konnte auch mein Herz fühlen, wie es erneut brach und in mir zusammensackte, weil ich wusste, dass er von nun an lügen würde.

Cody fing an, meine Freunde über Facebook nach Geld zu fragen. Immer wieder erreichten mich Nachrichten, in denen mich Leute fragten, ob es mir gut ginge, ob ich wieder zu ihm zurückgegangen sei, was denn los wäre. Die Sucht ist eine Krankheit, die keine Grenzen und keine Scham kennt. Ich kontaktierte seine letzte Freundin, die mir erzählte, dass er ihr viel Geld gestohlen hatte und sie nun nicht mehr in Ruhe ließ. Ich gab ihr einige Nummern und Kontaktadressen von Drogenberatungsstellen und verabschiedete mich.

Es ging unbeschreiblich viel in mir vor. Ich hörte noch ein paar Mal von ihm – die letzten Telefonate begannen mit der Frage, ob ich einen Anruf aus dem Gefängnis entgegennehmen wollte. Ich wusste nicht, warum er hinter Gittern gelandet war, aber ich wollte es auch nicht wissen. Ich lehnte jeden Anruf ab,

Ich versuche, den Glauben an den Jungen aufrechtzuerhalten, den ich an einem Sommerabend singend auf meinem Autodach vorfand. Ich versuche, fest daran zu glauben, dass dieser warmherzige Junge noch irgendwo in ihm steckt. Und trotzdem habe ich das Gefühl, dass ich mit dieser Erinnerung jemandem hinterher trauere, der vor Jahren gestorben ist.

Die Sucht ist ein Gespenst. Sie ist ein Wolf im Schafspelz. Sie ist ein Monster, das mal die Zähne fletscht und mal charmant zwinkert und lächelt. Eine Plage, die in gemütlicher Kleidung aus der Kindheit daherkommt, voller Nostalgie und Anekdoten aus der Jugend, und immer mit einer tiefer gehenden Absicht im Hinterkopf. Die Sucht, sie krallt sich fest und lässt nicht los, bis sie allen das Leben nimmt, die ihr Leben geben, sie füttern – mit Geld, Sympathie, Mitgefühl, mit Zeit, Zahnpasta, Milch, Wasser, Handys und „20 Dollar per Western Union für den Einkauf“.

Meine Schwester ist mittlerweile clean. Nachdem ich zusehen musste, wie Heroin ihr so viele Momente der Jugend gestohlen hat, wie die Sucht ihren Körper zerstört, ihre Gesundheit kompromittiert und ihr Leben aufs Spiel gesetzt hat, ist sie meine Heldin. Zeugin ihres Kampfes zu sein, ihr Tag für Tag zur Seite zu stehen, ist meine Pflicht und meine Ehre.

Es gibt keine Heroinsüchtigen, die ihr Leben mit der Sucht leben. Alkoholiker haben es da anders, nicht leichter, nicht schwerer; aber die Sucht kann einen das ganze Leben begleiten. Heroin wird dich früher oder später umbringen.

Ich hoffe, dass ich eines Tages aufhören kann, die Traueranzeigen meiner Heimatstadt durchzugehen, in ängstlicher Erwartung, Codys Namen niedergeschrieben zu sehen. Ich hoffe, dass Cody clean wird. Ich hoffe es so sehr für ihn. Ich hoffe, dass er der Apokalypse entkommt und sein Leben zurückgewinnt.

Wenn du selbst drogensüchtig bist oder jemanden kennst, der es ist, kannst du dir Hilfe holen. Die Telefonseelsorge Deutschland bietet 24 Stunden lang kostenlose Hilfe, telefonisch unter 0800 - 111 0 111 oder 0800 - 111 0 222 oder online auf der Webseite.
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