Der Alltag einer Mutter in Syriens Kriegshauptstadt Aleppo

Foto: Halil Fidan/Anadolu Agency/Getty Images.
In Afraas Wohnzimmer in ihrem Haus in Aleppo sitzen ihre Kinder in der Ecke und flüstern ihren Papierpuppen Geheimnisse zu. Die Puppen haben sie selbst ausgeschnitten. Sie tragen die Namen ihrer bereits getöteten Freunde, die im Spiel wieder zum Leben erwachen. „Sie sprechen mit diesen Puppen, als wären sie lebendig“, erzählt Afraa. „Sie vertrauen ihnen all ihre Erinnerungen an. Das bricht einem das Herz.“

Von draußen dringt der dröhnende Lärm der Flugzeuge in die Wohnung, man hört Luftangriffe, Einschläge, die mal näher, mal weiter entfernt zu sein scheinen. Das Haus bebt. Aleppo, die von Rebellen vereinnahmte Enklave, Syriens größte Stadt, befindet sich im Belagerungszustand: der Westen der Stadt durch alliierte Truppen des syrischen Staatspräsidenten, Baschar al-Assad. Oppositionelle Rebellen belegen den Osten Aleppos und setzen sich aus unterschiedlichen Fraktionen zusammen, wie etwa aus Mitgliedern der Freien Syrischen Armee und islamistischen Gruppierungen, wie z.B. der Al-Qaida-nahen Terrormiliz Al-Nusra-Front.

Syrien befindet sich im Bürgerkrieg, seit Staatschef al-Assad 2011 einen Volksaufstand im Zuge des Arabischen Frühlings unterdrückt hat. Bis April 2016 sind laut Schätzungen der UN seitdem 400.000 Menschen ums Leben gekommen, Millionen von Menschen sind mittlerweile heimatlos und auf der Flucht. Allein im September sollen durch Angriffe mehr als 1.000 syrische Zivilisten getötet worden sein – eine Zahl, die trotz mehrtägiger Waffenruhe voraussichtlich auch im Oktober nicht zurückgehen wird.

Das Haus, in dem Afraa mit ihrer Familie lebt, hat keine intakten Fenster oder Türen mehr. Immer wieder findet man Haufen von Glasscherben, nachdem vor einigen Wochen in unmittelbarer Nähe eine Bombe explodierte. Dabei hatte Afraas Familie sogar Glück: Ihre Nachbarn starben bei diesem Angriff, die Explosion legte ihr Haus in Trümmer.

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Wir glauben der Regierung kein Wort. Sie nehmen uns die Ehre, sie demütigen und foltern uns, weil wir frei denken.


Während die drei Kinder Wissam, Zain und Nye spielen, klingelt Afraas Telefon unermüdlich. Ständig leuchten neue Nachrichten von der Regierung auf, die ihr mitteilen, dass sie in Sicherheit wäre, wenn sie nur die besetzte Zone von Aleppo verlassen würde – den östlichen Teil, der mit seinen unzähligen Ruinen mittlerweile an eine dystopische Geisterstadt erinnert. Sie soll weiterziehen in den Stadtteil, der noch unter der Macht Assads steht. Dort würde es ihr besser gehen, ihre Kinder könnten auf der Straße spielen. Die Familie müsse sich dort angeblich keine Sorgen mehr darüber machen, ob die Decke über ihnen zusammenbricht. Doch Afraa glaubt den Nachrichten nicht.

„Natürlich lügen sie“, erzählt sie. „Ich kann meine Stadt nicht einfach so verlassen. Meine Stadt ist meine Seele. Wir glauben der Regierung kein Wort. Sie nehmen uns die Ehre, sie demütigen und foltern uns, weil wir frei denken. Warum sollte ich ihre Schlichtungsversuche wahrnehmen, nach allem, was sie meiner Heimat und meinem Volk angetan haben?“

Aleppo ist zweigeteilt. Durch ihr Fenster kann Afraa die Lichter sehen, die im Regime-nahen Stadtteil leuchten. Während der seltenen Stunden, in denen Strom fließt, sieht sie im Fernsehen Bilder von gesunden, wohlgenährten, kräftigen Syrern. Sie leben in den Gegenden, in denen Assad die Oberhand behält. Afraa sieht saubere Plätze und alte, instandgehaltene Bauwerke. Sie sieht lebensfrohe Menschen an langen Stränden und tanzende Körper in Nachtclubs. Ein Video, das im September vom syrischen Tourismusministerium veröffentlicht wurde, zeigt pittoreske Strände, strahlend blaues Wasser und eine auf Hochglanz polierte Moschee.

Staatliche Propagandakanäle erwähnen nicht ein einziges Mal, wie es um den Alltag im kriegsgeplagten Aleppo steht. In der geteilten Stadt, in der selbst die Einwohner der von Assad regierten westlichen Seite über Nahrungsknappheit und kontinuierliches Bombardement durch die Rebellen klagen. Ganz zu schweigen vom surrealen, noch viel tragischeren Kriegsalltag der Menschen in Ost-Aleppo. Zwischen dem Waffenstillstand im September, der von den USA und Russland gemeinsam veranlasst wurde, und der weiteren am Samstagabend beendeten Feuerpause, steht die Bevölkerung Aleppos stärker unter Beschuss durch die Rebellen als es in den vergangenen fünf Jahren jemals der Fall war.

„Die Bombenangriffe lösen nur noch Hysterie aus“, sagt Afraa. „Wenn es anfängt, packe ich meine Kinder und wir rennen zusammen in den Flur, dort ist es am sichersten. Sie bitten mich dann oft darum, sie fest in den Arm zu nehmen. Sie wollen, dass das aufhört. Sie haben Angst, können kaum schlafen. Wir wissen nie, ob wir diesmal an der Reihe sind.“

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Afraa, 35, und ihre Familie

Die Familie schläft mittlerweile in einem Zimmer auf kleinstem Raum zusammen, damit sie im Falle eines nächtlichen Bombenangriffs nicht getrennt sind. Afraa hat starke Schmerzen wegen langjähriger Nierensteine, doch sie verweigert die Medikamente, weil diese sie schläfrig machen. Sie hat zu große Angst davor, dass sie nicht schnell genug reagieren und ihre Kinder in einem Notfall schützen kann.

Seit der Bürgerkrieg begann, hat keins der Kinder eine öffentliche, reguläre Schule besuchen können. Selbst eine Lehrerin, gab Afraa bisher Unterricht in einem Luftschutzbunker, der sich unter dem Haus der Nachbarn befindet – doch auch dieser Ort wurde ihnen vor vier Wochen genommen.

Nachdem der erste Waffenstillstand für beendet galt, schossen russische Alliierte sogenannte „Bunker Buster“ über Ost-Aleppo ab, die der Zerstörung von Waffeninstallationen der Rebellentruppen im Untergrund dienen sollten. Ihre Explosionskraft ist so hoch, dass sie bei der Detonation eine enorme Tiefe erreichen können. „Sie sind nicht alle explodiert und jetzt besteht jederzeit die Gefahr, dass eins der Häuser in die Luft geht“, berichtet Afraa. Trotzdem besteht sie darauf, ihren Kindern einen nur irgend möglichen Schulalltag bieten zu können: „Wir müssen sie vom Krieg ablenken, ihnen eine Parallelrealität bieten. Sie brauchen ein letztes bisschen Kindheit.“

Bevor der Bunker von Trümmern bedeckt war, hatte Afraas Nachbarschaft dort eine Feier veranstaltet. Alle Familien und Nachbarn kamen zusammen, die Kinder vergaßen ihren wüsten Alltag und tanzten, klatschten und malten. Doch der von Geschossen und militärischen Razzien geprägte Kriegsalltag ließ nicht lange auf sich warten. Bald darauf kehrten alle wieder zu ihrer Routine von einer Mahlzeit am Tag zurück. „Normalerweise gibt es Linsensuppe. Wir hungern nicht, weil wir es nicht mehr gewohnt sind, über Essen nachzudenken“, erzählt Afraa. „Wir haben seit Monaten kein frisches Gemüse gegessen. Meine zwei ältesten Kinder können sich noch an Pizza erinnern und an Äpfel und Bananen.“

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Sie sind immer auf alles gefasst, auch darauf, dass ihr Leben jeden Moment vorbei sein könnte.


Die Regierung Assads behauptet, dass die Rebellen, von denen manche auch international anerkannte Terroristen sind, die Zivilbevölkerung im Osten Aleppos gefangen halten und ihnen den Weg nach West-Aleppo versperren – eine Aussage, die Afraa und viele andere Bürger und Bürgerinnen abstreiten. Sie glauben, dass sie spätestens am Grenzübergang von Ost nach West von regierungsnahen Milizen erschossen oder gefangen und gefoltert werden. „Es ist unser freier Wille, hier zu bleiben. Niemand zwingt uns dazu“, betont sie. „Nur die Belagerung zerstört alles. Der Besatzungszustand nimmt uns die letzte Hoffnung.“

An den meisten Abenden sucht sich die Familie einen sicheren Ort und bleibt dort, bis es hell wird. Sie sind immer auf alles gefasst, auch darauf, dass ihr Leben jeden Moment vorbei sein könnte. Doch zwischendurch gibt es immer wieder Lichtblicke, Erinnerungen an das Leben vor dem Krieg: „Meine Kinder erinnern sich noch an ihr altes Leben“, erzählt Afraa. „Sie erinnern sich an grüne Gärten und an das blaue Meer. Sie vermissen ihre Freunde und Verwandte. Sie haben kein Verständnis für den Tod, sie glauben noch immer, dass sie sie eines Tages wiedersehen.“

Afraas Kinder malen ihre toten Freunde bunt. Viele haben Muskeln und Heldenkostüme mit Umhängen. Andere wiederum werden auf Papierschiffen festgeklebt – auch das Bild der fliehenden Menschen hat sich in ihre Netzhäute gebrannt. Sie haben viele Freunde, die sich mit ihren Eltern auf den gefährlichen Weg nach Europa gemacht haben. Dass viele von ihnen nicht überleben, wissen sie nicht.

„Keiner weiß, wann unser Ende naht. Aber uns ist bewusst, dass wir für viele auf der Welt nur Zahlen sind“, mahnt Afraa. „Genauso wird es in die Geschichte der Menschheit eingehen und jedem wird das zuteil, was ihm zusteht.“


@louiseelisabet ist die Türkei-Korrespondentin der The Sunday Times

Übersetzt von Rea Mahrous
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