Warum ich es zugleich liebte und hasste, eine offene Beziehung zu führen

Photographed by Natalia Mantini.
Wir alle haben unsere eigene Definition davon, was „betrügen“ wirklich bedeutet und für mich sind das Heimlichkeiten. Ich wurde ganz sicher schon betrogen. Wenn mein Partner aber jemand anderen abschleppt und mir am nächsten Morgen davon erzählt, ist das für mich keine große Sache. Als mir aber einer seiner Freunde erzählte, dass mein Partner über Monate hinter meinem Rücken eine Beziehung mit einer anderen führte, fühlte sich das nach Betrug an. Und es fühlte sich nicht gut an.

Als ich jünger war, habe ich häufig betrogen – aber, nicht dass das eine Entschuldigung wäre, ich habe nie gelogen. Ich bin gewiss kein leuchtendes Beispiel an Moral. Ehrlichkeit ist mir allerdings ungeheuer wichtig. (Außerdem habe ich das schlechteste Pokerface überhaupt.) Die Sache ist die – und ich weiß, dass mag für manche schwer zu verstehen sein – ich hatte nie das Gefühl, dass ich etwas falsches tat. Wie kann an dem gegenseitig einvernehmlichen Ausdruck von Verlangen und Anziehung auch falsch sein? fragte ich mich.

Doch dann kam die Wende. Sieht so aus als teilten mittlerweile mehr Menschen die Meinung, dass so eine kleine Erfahrung außerhalb der Beziehung nicht zwingend auch das Ende eben dieser bedeuten muss. Plötzlich kannte ich Leute, die bis zu drei Beziehungen gleichzeitig führten – daher kam es auch niemandem seltsam vor, als meine Freundschaft mit Grace sich zu etwas physischem entwickelte, während ich eigentlich seit zwei Jahren in einer Beziehung mit Luke steckte. Zunächst taten Grace und ich unsere… als kleinen Ausrutscher ab, weil wir fürchteten damit unsere Freundschaft kaputt zu machen. Nachdem es dann aber doch mehrfach vorkam, war klar, dass wir wirklich etwas für einander empfanden. Und mir wurde klar, dass ich schon lange gewollt hatte, dass es passiert. Nach ein paar Monaten musste ich mir schließlich das Undenkbare eingestehen: Ich war verliebt. In zwei Menschen.

Als meine Gefühle für Grace stärker wurden, wartete ich natürlich darauf, dass die Gefühle für Luke weniger werden würden, als gäbe es eine Art Obergrenze für Emotionen – aber das passierte nicht. Im Gegenteil, ich liebte beide nur immer mehr mit der Zeit. Sie waren bei Weitem die wichtigsten Menschen in meinem persönlichen Universum. Aber tatsächlich mit mehr als einer Person zusammen zu sein, war so viel schwieriger, als ich es mir vorgestellt hatte.

Auf der einen Seite fühlte ich mich reich und gesegnet; da waren zwei wundervolle Menschen, die ich liebte. Aber da waren auch zwei Menschen, die ich enttäuschen konnte – und um die ich mich sorgte, denen ich Priorität geben wollte, zwischen denen ich pendeln musste. Als ich Luke das erste Mal von mir und Grace erzählte, sagte er, dass er glücklich darüber sei, dass ich Nähe in so vielen Situationen in meinem Leben finden kann. Ich ermutigte ihn dazu, auszugehen und auch jemand anderen zu finden, dem er sich nahe fühlen konnte – neben mir, nicht statt mir, aber das tat er nie. Mit der Zeit begann Luke mich zu fragen – auf seine liebenswürdige, herzliche Art – warum er mir nicht „genug“ war. Er wollte keinen Wettbewerb daraus machen, aber er wollte, dass ich mich entscheide. „Wenn Grace dich glücklich macht“, sagte er, „möchte ich das du gehst und mit ihr zusammen bist.“

Die Sache ist die: Ich wusste, dass wenn ich Luke verließ, würde ich das für den Rest meines Lebens bereuen. Er war mehr als nur mein Partner; er war meine Familie. Er hat mich zu jemandem gemacht. Durch ihn war ich liebenswürdiger, rücksichtsvoller, geduldiger. Grace, auf der anderen Seite, machte mich zu einem klügeren Menschen. Sie inspirierte und motivierte mich, so dass ich niemals selbstgefällig wurde und Dinge hinterfragte. Und sie war flexibel. Sie wusste, was mir die Beziehung mit Luke bedeutete und sie wollte dem nicht im Weg stehen.

Aber, ich hatte mich dabei zu sehr zurückgenommen, weil ich gehofft hatte beide glücklich machen zu können

Grace hatte ebenfalls eine zweite Beziehung. Manchmal hatte ich das Gefühlt, dass es für sie und mich ganz einfach war, der zweite Partner zu sein. An anderen Tagen schien die Nummer 2 nicht genug zu sein. Und trotz meiner überwältigenden Liebe für sie, war da dieses gewisse Ungleichgewicht in unserer Beziehung, dass das Ganze unberechenbar machte. Grace war mit ihrem anderen Partner noch nicht so lange zusammen, wie ich mit Luke und sie hatte das Gefühl, dass ihre Situation riskanter war; Ich dagegen dachte, dass Luke und ich mehr zu verlieren hatten. Alles in allem hatten Grace und ich beide Angst, dass wir zu viel investierten – und fürchteten auch einander zu verlieren. Außerdem hatte meine hochgeschätzte Ehrlichkeit begonnen zu leiden. Ich redete um den heißen Brei oder dachte mir Geschichten aus, ich ließ Details weg und war besonders vorsichtig mit emotionalen Gesprächsthemen, weil ich hoffte sie damit für uns alle einfacher zu machen.

Es war Grace, die schließlich den Schlussstrich zog. Sie war mutig genug sich einzugestehen, dass das Ganze zu viel für uns alle war. Keiner von uns hatte sich mehr umsorgt gefühlt oder das Gefühl gehabt dem anderen zu 100% vertrauen zu können. Hätte es funktioniert, wenn auch Luke noch einen anderen Partner gehabt hätte? Wenn Grace andere Beziehung eine so lange Geschichte gehabt hätte, wie die unserer? Wenn ich nicht so egoistisch gewesen wäre und daran festgehalten hätte, beide in meinem Leben zu haben? Wer weiß? Wie stehen die Chancen, dass deine Liebe, Offenheit und Verbundenheit mit derer nicht nur einer, sondern zwei oder mehrerer Personen zusammenpasst?

Viele meine Freunde, die eine offene oder polyamouröse Beziehung führen, halten noch immer daran fest und lieben es. Ich glaube mit meinem ganzen Herzen daran, dass Liebe etwas ist, dass ge- und verteilt und nicht unterteilt und isoliert werden sollte. Aber ich leider auch noch immer an einem chleuderträume von der letzten Beziehungskarussellfahrt. Und einer großer Teil der Offenheit in meiner Beziehung mit Luke und Grace fühlte sich letztlich (oder war es womöglich immer) erzwungen an.

Ein Therapeut hat mir mal gesagt, dass ich die beste Kandidatin für eine offene Beziehung sei, die sie je kennengelernt habe. Das Problem, wenn man nicht monogam ist, ist, dass zu viele Leute da hineinrutschen , weil sie nicht bereit sind 100% in einen Partner investieren. Ich jedoch hatte 100% in Luke und Grace investiert. Aber, ich hatte mich dabei zu sehr zurückgenommen, weil ich gehofft hatte beide glücklich machen zu können – und genau, weil ich das tat, machte ich am Ende gar niemanden glücklich.

Ich weiß nicht, ob ich für immer monogam sein werde – oder zumindest etwas, das in diese Richtung geht. Aber ich weiß, dass ich hier wieder „betrügen“ werde. Ich weiß genug über mich und meinen Partner, dass ich weiß, dass ich mich mit Lügen oder selbst nur gedehnten Wahrheiten nicht mehr wohlfühle. Von nun an wird jede weitere Beziehung oder Affäre nach meinem Partner kommen und nicht davor. Wir reden darüber und treffen gemeinsam eine Entscheidung. Ich werde Luke und Grace immer dankbar sein, dass sie mir gezeigt haben, dass Liebe keine Grenzen hat, was ich zuvor niemals geglaubt hätte.

*Name wurden geändert.


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