Warum ich trotz 2016 Optimistin bleibe

Ich würde mich als eine Person bezeichnen, für die das Glas halb voll ist. Zumindest in den allermeisten Fällen. Insgesamt blicke ich – von vereinzelten Stimmungstiefs und gelegentlich mieser Tagesform mal abgesehen – positiv in die Zukunft. Man könnte mich kurz und knapp als Optimistin bezeichnen.

Um gleich alle Missverständnisse aus dem Weg zu räumen: Optimistisch zu denken bedeutet nicht, mit einer rosaroten Brille auf der Nase unbeschwert durchs Leben zu hüpfen und immer wahnsinnig happy zu sein. Auch Optimisten fallen hin und sind traurig. Aber sie stehen wieder auf und versuchen eben auch dem Hinfallen etwas Positives abzugewinnen.

In der Philosophie steht der Optimismus für eine Denkrichtung, in der unsere Welt die beste aller möglichen Welten ist. Optimisten haben den festen Glauben, dass alles gut ist, so wie es ist. Wie auch immer die aktuelle Situation auch aussehen mag, sind sie der Überzeugung, dass sich die Dinge letztendlich zum Besseren entwickeln. Ihr Blick in die Zukunft ist ein rundum positiver.

Das vergangene Jahr stellt Optimisten auf eine harte Probe. Denn lässt man jetzt im Dezember 2016 noch einmal Revue passieren, kann man mit Fug und Recht behaupten: Das Jahr war mies. Die vergangenen zwölf Monate waren sogar richtig deprimierend. Doch noch lange kein Grund, auf die dunkle Seite der Macht zu wechseln. In Zeiten wie diesen ist kein Platz für Pessimismus.
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In der Philosophie steht der Optimismus für eine Denkrichtung, in der unsere Welt die beste aller möglichen Welten ist.

Im Juni schockierte der Brexit. Entgegen der Prognosen stimmten die Briten für Leave. Diese Entscheidung gegen die EU kann als klarerer Warnschuss für Europa, so wie wir es kennen, interpretiert werden.

„Bald brauche ich ein Visum fürs UK. Und jetzt wo ein Anfang gemacht wurde, treten ganz sicher auch andere Staaten aus der EU aus“, heult der Pessimismus. „Der Brexit wird die anderen abschrecken!“, kontert der Optimismus. „Departugal, Italeave, Fruckoff und Byegium stehen 2017 nicht auf der Agenda.“

„Aber Europa steckt doch in der tiefsten Krise ever. Populisten, wo man hinguckt!“, mault P. „Guck dir doch mal Österreich an. Klar, da war es knapp und ja, es war bereits der dritte Anlauf – aber gereicht hat es trotzdem. Der FPÖ-Politiker Hofer hat es nicht geschafft. Mit der Wahl von Alexander Van der Bellen zum Bundespräsidenten haben die Österreicher das Ruder gerade noch einmal herumgerissen“, kontert O.

„Aber die größte Katastrophe ist ja schon im November passiert“, jammert P. „Was sollen wir denn verdammt nochmal mit Donald Trump als Präsidenten der USA machen? Der Typ wird 2017 wirklich und wahrhaftig regieren. Dabei ist er ein unberechenbarer Egomane. An der Spitze einer der größten Demokratien der Welt?“

P blickt mit traurigen Augen in Richtung O.

„Vielleicht wird doch alles gar nicht so schlimm wie gedacht. Trump rudert ja schon in vielen Punkten zurück…“, hält O zaghaft dagegen.

„Aber findest du nicht auch, dass es einfach nur zum Kotzen ist, dass auf den ersten schwarzen Präsidenten ausgerechnet ein weißer, alter Mann folgt? Ein Populist, dem die Wahrheit egal ist?“

O kommt das erste Mal ins Straucheln. Denn es stimmt, dass die politischen und wirtschaftlichen Konsequenzen dieses Wahlergebnisses noch in den Sternen stehen. Aber irgendetwas muss es doch geben. Da hat O einen Geistesblitz: „Wenigstens haben die Amerikaner im gleichen Atemzug für die Legalisierung von Marihuana in weiteren Bundesstaaten gestimmt…“

„Vielleicht ist das Drama damit etwas leichter zu ertragen“, schiebt O etwas zynisch nach.

„So lange das Zeug noch wächst. Wenn Trump auch noch aus dem Klimaschutzabkommen aussteigen will, geht doch sowieso alles den Bach runter… 2017 wird schrecklich!“, erwidert P niedergeschlagen.

„Vielleicht hängt die Zukunft im 21. Jahrhundert nicht mehr nur vom US-Präsidenten ab, sondern von uns allen. Jeder einzelne kann und muss etwas gegen den Klimawandel tun! Man muss es nur wollen“, appelliert O motivierend an seine Umwelt.

In dieser Form könnten O und P ewig weiter argumentieren, denn schaut man genauer hin, kann man auf die meisten Fragezeichen optimistische Antworten finden. Und dann gibt es eben auch noch solche Ereignisse, die beim besten Willen nicht von einem positiven Standpunkt aus betrachten werden können. Auch von der Sorte bot 2016 jede Menge. Der nicht enden wollende Syrien-Krieg wäre so ein Beispiel. Oder die Terroranschläge in Brüssel, Nizza, Würzburg und Ansbach.

Festzuhalten bleibt, dass wir über schreckliche Ereignisse wie diese heute sofort informiert und dadurch digital praktisch live dabei sind. Diese Unmittelbarkeit kann traumatisieren, den Blick trüben und Angst schüren. Aber nicht nur echte News, auch unwahre Informationen verbreiten sich in rasender Geschwindigkeit. Auch sie tragen ihren Teil bei, sorgen für Verwirrung und geben dem Pessimismus so Aufwind.

Alles, was wir online tun, beeinflußt die Realität, die wir online sehen.

Es ist also kein Wunder, dass für einen pessimistischen Blick in die Zukunft auch immer schnellere und oft weniger sorgfältig geprüfte Informationen verantwortlich gemacht werden. Diese News kursieren oft unkontrolliert online. Eine besondere Rolle fällt im Zirkus der „gefühlten Wahrheiten“ den sozialen Medien zu. Tweets, Facebookposts, Snaps, Likes. Alles, was wir online tun, beeinflußt die Realität, die wir online sehen. Die für jeden ganz individuell gestaltete News-Bubble, durch Micro-Targeting perfekt zugeschnitten, gaukelt uns je nach Gusto und analysierten Likes unterschiedliche Realitäten vor. Algorithmen auf der Basis von Big Data-Analysen beeinflußen – wie ein zur Zeit heiß diskutierter Magazin-Artikel argumentiert – auch Einstellungen und Verhalten. Doch ganz so einfach ist es auch wieder nicht.

Selbst wenn die vermeintlichen Sündenböcke schnell identifiziert sind, hapert es oftmals an der viel beschworenen Medienkompetenz. Und genau wie in Sachen Klimaschutz kann sich in diesem Zusammenhang jeder an die eigene Nase fassen. Denn es sollte nicht um einen kompletten digitalen Rückzug, sondern viel mehr um einen bewussteren Umgang mit den neuen Medien gehen.

Bei all den auf uns einprasselnden Push-Nachrichten sollten wir uns darüber im Klaren sein, dass Medien nach bestimmten Regeln funktionieren. Ein Ereignis muss bestimmte Kriterien erfüllen, um als Nachricht publiziert zu werden. Einer dieser sogenannten Nachrichtenfaktoren ist Negativität. Je „negativer“ ein Ereignis, desto stärker oftmals die Beachtung in den Medien. Es ist also kein Wunder, dass man aufgrund des ständigen Online-Seins empfänglicher für eine kleine Prise Weltuntergangsstimmung wird. Vor allem in Kombination mit der durch akuten Serotoninmangel ausgelösten Winterdepression malt man gerne mal schwarz. Mediale Totalverweigerung oder eine „Was ich nicht weiß macht mich nicht heiß“-Mentalität sind jedoch auch keine Lösung.

Aber vielleicht hilft ein bisschen Digital Detox à la Kendall Jenner, den Blick für das Wesentliche zu schärfen und offline durchzuatmen. Digital Detox als guter Vorsatz fürs neue Jahr und eine effektive Strategie, um den Optimismus aus dem Winterschlaf zu wecken. Denn wer will 2017 schon als Pessimist starten? Bis es soweit ist, befindet sich in meinem optimistisch halb vollen Glühweinglas auf jeden Fall ein bisschen mehr als in dem von P.
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