Warum die deutsche Sprache ein Problem mit der Vagina hat

Anna Sudit
Ist die deutsche Sprache eine Muschi? Warum sonst wird die Vagina im Sprachgebrauch entweder ausgeschlossen oder aber sogar verunglimpft: Während man eben mit „Pussy" oder „Möse" beleidigt, gilt der Mensch mit Penis schon fast wie ein Würdenträger.

Fangen wir ganz von vorne an: Das Wort Vagina kommt aus dem Lateinischen und bedeutete in seinem Ursprung Meeresbucht, wurde dann im mittellateinischen zur Scheide. Bei den alten Griechen bedeutete es Mutterschoß. Die Vagina ist das primäre Geschlechtsorgan weiblicher Säugetiere und der Frau – die Begriffserklärung ist durchaus wichtig, wenn man bedenkt, dass die meisten Menschen die Vagina mit der Vulva verwechseln: Was wir äußerlich entdecken können, ist die Vulva (und die Klitoris), innerlich verbindet die Vagina als Teil des Geburtskanals den äußeren Muttermund und den Scheidenvorhof. Die kleine Abschweifung meinerseits in Richtung Biologieunterricht finde ich deshalb so wichtig, weil wir die richtigen Begrifflichkeiten nur finden und nutzen können, wenn wir diese auch verstehen. Vaginawissen ist Macht, Vaginasprache ebenso.

Als Kleinkind wurde ich auf ein weißes Töpfchen in Schildkrötenform gesetzt. Mit den Motivationsgesprächen, um endlich mal die Windel abschnallen zu können, fiel dann auch DAS Wort: Scheide. Meine Eltern lehrten mir weder Verniedlichungen wie Mumu oder Muschi, noch das (zugegeben für Kids schwierige) Wort Vagina. Interessant ist aber, dass ich das Geschlechtssteil meines Bruders ganz anders artikulieren konnte: Der hatte einen Pipi, einen Pullermann, Pipimatz oder einen Schniedel. Der hatte eigentlich alles in der Hose außer einen Penis.
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Die erneute Ausschweifung in meine persönliche Töpfchen-Biografie soll deutlich machen, dass wir schon als Kinder die Sprache wie eine Waffe in die Hand gedrückt bekommen, einsatzbereit um die Gleichstellung der Geschlechter zu erledigen.

Fotze steht sogar im Duden

Es wäre gelogen zu behaupten, dass es viel mehr Synonyme für den Penis gibt. Doch gelten wenige dieser Bezeichnungen als Schmipfwörter: Fotze, Pussy, Muschi, Möse – weder klingt's schön, noch ist es schön gemeint – deshalb wird die Vagina auch so selten thematisiert. Dr. Klaus Heer schrieb in seinem Buch „WonneWorte": „Wer sich nur maßvoll exponieren möchte, sagt einfach 'zwischen den Beinen'." Das kann es aber auch nicht sein?! Wie habe ich mich aufgeregt, dass selbst in den Büchern von „Shades Of Grey" die Rede von „da unten" ist. Wenn wir das Thema selbst nicht ernstnehmen und die Dinge aussprechen, dann können wir auch nicht erwarten, dass Männer ordentlich damit umgehen.

Geschmacklos neben der Vulgärsprache mit den eindeutigen Begriffen finde ich aber auch die sprachlichen Exkursionen in die Kulinarik: Fischbrötchen, Wirsing, Käsetasche, Hamburger oder Pflaume – schmeckt mir gar nicht, wichtige Organe von Erwachsenen so mit Essen zu beschmutzen.

SEXISTISCH GEPRÄGTE STRUKTUREN WIRKEN NOCH IMMER IN DER DEUTSCHEN SPRACHE

LANN HORNSCHEIDT
Ja, ich finde die deutsche Sprache zeigt an vielen Stellen ihre Frauenfeindlichkeit – doch im Intimbereich ist es ganz eindeutig. Während den Mann lediglich das Schamhaar betrifft, müssen wir zusätzlich mit dem Schamhügel, dem Schambereich und der Scham an sich leben. Heutzutage das primäre Geschlechtsteil und seine Hood vom Wort „schämen" abzuleiten, finde ich echt daneben.

„Sprache ist Macht und wird in Deutschland als hohes Kulturgut angesehen. So wird besonders auf dem Althergebrachten und Bekannten beharrt. Das zeigt aber auch, dass sexistisch geprägte Strukturen noch wirken", erklärt Lann Hornscheidt. Hornscheidt hat eine Professur für Gender Studies und Sprachanalyse an der Humboldt-Universität Berlin.

Alle Wörter die zur Tabuisierung beitragen, gehören meiner Meinung nach aus dem Duden verbannt. Eben alle Begriffe, die Frauen degradieren, unterordnen oder unsicher in ihrer Körperlichkeit machen. Das ist ein wichtiger emanzipatorischer Schritt für alle Frauen hier, für ganz Deutschland. „Für mich bedeutet der bewusste Umgang mit Sprache Freiheit, Weiterentwicklung und Mitgestaltung. Eine bestimmte Form festzuhalten, macht keinen Sinn. Wir sprechen schließlich auch nicht mehr wie im 19. Jahrhundert miteinander“, sagt Julia Lemmle, Coach und Dozentin, die Seminare zum Thema Rhetorik, Genderkompetenz & Empowerment hält.

Und genau das ist der Punkt: Unsere Gesellschaft hat sich verändert, aber die Sprache kommt nicht mit. Aus diesem Grund ruft Hornscheidt auf, unsere Welt durch die richtige Sprache ein bissschen besser zu machen: „Leute sollten Lust bekommen, kreativ und bewusst mit Sprache umzugehen. So können wir gesellschaftlich wirken." Also Schluss mit der Scheide.

#r29vaginawoche
Die Vagina schenkt uns das Leben, wir sollten ihr auch 'was zurückgeben: Uns zuliebe müssen wir anfangen, sie zu verstehen und eben auch zum Thema zu machen. Mit der Aktionswoche feiert Refinery29 das weibliche Geschlechtsorgan.
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