Nein, liebe GNTM-Jury, ein Umstyling macht uns nicht automatisch besser

Foto: Germany's Next Topmodel.
Im ersten Drittel des Jahres kann man sich traditionell auf zwei Dinge verlassen: Draußen fühlt es sich zum ersten Mal nach Frühling an – und das große Umstyling sorgt bei Germany's Next Topmodel für abendfüllende Dramen.
Tatsächlich fließen auch in der zwölften Staffel nach der anfänglichen Ruhe vor dem Sturm wieder Tränen. Dabei gab sich Heidi Klum im Vorfeld beinahe visionär: „Ich finde es super, wenn wir echt mal eine Folge des Umstylings haben und keiner weint.“ Schon in den ersten Minuten wird deutlich, dass die Emotionen diesen Wunsch unbarmherzig in Stücke reißen werden. Da fällt auch schon mal ein halbernstes „es ist gegen die Menschenrechte". Oder das simple: „Digger, ich mach' mir keine verfickte Kurzhaarfrisur“.
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Ganz ehrlich: Ich kann sie verstehen. Einen radikalen Kurzhaarschnitt bekommt man in den meisten Fällen noch seltener empfohlen als sechs Wochen Urlaub am Stück. Wer würde seiner Kollegin, die man gerade mal zwei Wochen kennt – viel länger sind die Germany's Next Topmodel-Kandidatinnen auch noch nicht gemeinsam unterwegs – raten, doch morgen mal auf ungefähr vier Zentimeter Haarlänge zu gehen? Sogar, wenn man davon überzeugt wäre, dass es ihr wahnsinnig gut stehen würde? Und hey, wer weiß, wie die nächste Gehaltsverhandlung dann ausfällt?
Genauso argumentiert die Jury. Jahr für Jahr wird betont, dass es bei der Veränderung darum gehe, die Persönlichkeit in den Fokus zu rücken. Schüchternheit soll in Selbstbewusstsein umgewandelt werden. Das klingt wunderbar einfach, ist aber wenig plausibel. Warum sollte ich auf einmal gerne zum Telefonhörer greifen, wenn ich vorher bei jedem Handyklingeln mit aufgerissenen Augen auf den Screen gestarrt habe, nur weil meine Haarspitzen auf einmal kinn- statt schulterlang sind?
Natürlich halte ich die Jury nicht für komplett naiv. Neben dem Auge auf die Quote wirkt der tiefere Sinn des Umstylings auf den ersten Blick gar nicht so unlogisch: Je öfter dir gesagt wird, dass du jetzt ein ganz neuer Mensch ist, desto wahrscheinlicher ist es auch, dass du es irgendwann glaubst. Genauso denkbar ist jedoch, dass man sich auch in der fünften Woche als Neu-Blondine, -Brünette oder -Bobträgerin fremd fühlt.
So geht es zum Beispiel Allison Williams, die in Lena Dunhams Erfolgsserie Girls Marnie spielt, und gerade erst in einem Interview verriet, ihre Haarveränderung von Blond auf Braun zu bereuen. „Ich hatte 28 Jahre lang genau ein Gefühl für meine Haare“, erklärte sie zur Pflege und dem Umgang mit der neuen Frisur. „Das würde ich keinem empfehlen.“
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Wer sich einmal zumindest zu einem Pony überreden lassen und schon beim Friseur seufzend an die sechs Monate gedacht hat, die es dauern wird, bis man wieder halbwegs wie man selbst aussieht, weiß, wovon Allison spricht. Ein neuer Schnitt oder eine neue Farbe ist kein Sneakerkauf. Man wirkt anders – auf andere und vor allem auf sich selbst. Das fühlt sich dann im besten Fall tough an und im schlechtesten Fall nach einem bescheuerten Klischee, das man selbst im Kopf hat und nun glaubt, zu verkörpern.
Das Tückische an dem Besuch der Germany's Next Topmodel-Kandidatinnen bei Klums Stylistinnen und Stylisten des Vertrauens ist noch dazu, dass im Vorfeld nicht gesagt wird, ob die Haare nur ein bisschen geschnitten oder doch gleich ein kinnlanger Bob in Knallrot aus der langen Mähne wird. Da hilft auch kein „Ich habe nie die Dinge bereut, die ich getan haben, sondern nur die, die ich nicht getan habe“. Eine Weisheit, die man in einem handelsüblichen Glückskeks finden könnte, in dieser Folge aber aus dem Mund von Thomas Hayo hört.
Tatsächlich sind Drohungen wie „Dann werde ich aber total schüchtern!“ oder „Dann verlasse ich die Show“ kein künstliches Drama, sondern verständlich. Kandidatin Helena steigt im Laufe der Folge tatsächlich aus, bevor die Schere angesetzt wird. „Dieses Mädchen ist zu selbstbestimmt", sagt sie zur Verabschiedung feierlich in die Kamera. Das mag melodramatisch klingen, ist aber ehrlicher als der Mythos der Persönlichkeitsveränderung. Selbstbewusstsein und der Mut, neue Wege zu gehen, entsteht in einem Umfeld, das dir erlaubt, dich zu entwickeln. Die Einwirkzeit einer neuen Haarfarbe ändert daran vorerst nichts. Und erst recht keine Kurzhaarfrisur, Digger.
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