Die Menstruation muss aus ihrer Problemkindecke heraus

Luisa Stömer und Eva Wünsch / Ebbe & Blut / Gräfe und Unzer Verlag
Jede Frau hat sie rund 444 Mal im Leben: die Periode. Und trotzdem wird sie ganz schön stiefmütterlich behandelt. Lästig oder gar eklig wird sie geschimpft. Außerdem wird ihr die Schuld für Launen in die Schuhe geschoben und dann gibt es auch noch viele böse Gerüchte, obwohl kaum jemand so richtig Bescheid über sie weiß. Zwei, die sich aber auskennen, sind Luisa Stömer und Eva Wünsch. Die beiden Freundinnen sind sozusagen zu Perioden-Expertinnen geworden. In ihrer Bachelorarbeit an der TH-Nürnberg widmeten sie sich 2016 einer Liebeserklärung für den Uterus, den Unterbauch, die Regel, das Blut, na eben alles rund um den Zyklus. Die Abschlussarbeit ging durch die Medien, wurde mehrfach ausgezeichnet. Warum? Weil die zwei Grafikerinnen es schaffen, locker, selbstbewusst und ungekünstelt über die Periode zu sprechen, sie darzustellen und greifbar zu machen, aufzuklären und Mythen zu entkräften. Am 29. April erscheint nun ihr Buch Ebbe & Blut bei Gräfe und Unzer, mit all den wundervollen Illustrationen und Texten.
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Luisa und Eva schreiben von der „Schönheit des Mittelschmerzes, der Ästhetik vollgebluteter Unterhosen und erläutern die Raffinesse der Eisprungphase“. Auf 240 Seiten ist Ebbe & Blut ein herrliches Werk für wirklich alle – für die, die denken, sie wüssten schon alles über die Menstruation, für Töchter, für Mütter, für Väter, für Brüder und Partner. Warum, das erklären uns die beiden Autorinnen am besten selbst:
Luisa Stömer und Eva Wünsch / Ebbe & Blut / Gräfe und Unzer Verlag
Gab es für euch einen Schlüsselmoment, bei dem ihr dachtet 'Wir müssen ein Buch über den Zyklus schreiben'?
Ich glaube diesen einen Moment gab es nicht, es war eher eine „Schlüsselmoment-Phase“. Eine Phase in der wir sehr viel über unseren Körper nachgedacht haben und uns ausgetauscht haben darüber wie das bei uns so funktioniert mit der Periode, dem PMS, der Verhütung. Dabei ist uns aufgefallen, wie wenig wir eigentlich wissen über unseren eigenen Körper und über die Menstruation, die uns ja schon seit über 10 Jahren begleitet. Wir konnten uns viele Fragen nicht beantworten, z.B.wie genau eigentlich die Pille wirkt und wie die Pille danach. Warum man denn eigentlich blutet jeden Monat und wie dabei die Schmerzen entstehen. So kam es zu der Idee, ein Buch über den weiblichen Zyklus zu schreiben UND ganz wichtig, zu gestalten.
Wie kamt ihr auf den Titel „Ebbe und Blut"?
Ebbe & Blut war von Anfang an unser Arbeitstitel. Der ist ganz unverhofft abends in einer Kneipe entstanden. Dieser Arbeitstitel hat sich im Laufe der 10 Monate, in denen wir an dem Buch gearbeitet haben, nicht mehr verändert. Uns wurde nämlich immer mehr bewusst, wie sehr der Titel doch zum weiblichen Zyklus passt. Denn dieser ist ganz ähnlich wie die Gezeiten ein Wechselspiel aus Stimmungen und Hormonen in einem bestimmten Rhythmus.
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Warum sollten gerade auch Männer euer Buch lesen?
Unser Buch ist auf jeden Fall etwas für Frauen UND Männer. Grundsätzlich kann es absolut nützlich sein, als Mann zu verstehen, wie sich Frauen während eines Zyklus verändern. Dadurch könnte auch zum Beispiel ein viel besseres Verständnis für Frauen während und bevor sie ihre Tage haben geschaffen werden. Gedacht ist Ebbe & Blut aber natürlich in erster Linie für unsere Generation – Frauen Mitte 20, die super aufgeklärt scheinen, aber doch erhebliche Wissenslücken in dem Gebiet haben. Ebenso ist Ebbe & Blut für jüngere Mädchen, die mit dem Buch einen Begleiter finden auf dem Weg zum Frau sein.
Fotos: Katharina Pflug.
Ihr sagt, Frauen sollen stolz auf ihre Periode sein, statt sie zu tabuisieren...
Eine Periode zu haben bedeutet, dass der Körper gesund ist und die Möglichkeit besteht, neues Leben zu schenken. Monat für Monat ist eine Eizelle bereit, befruchtet zu werden. Und das ist absolut toll und sinnvoll.
Warum ist die Periode überhaupt ein Tabu-Thema in unserer Gesellschaft?
Die Periode war in den letzten Jahrhunderten und ist in vielen Kulturen auch bis heute noch, ein Ereignis das totgeschwiegen, weggesperrt und ekelbehaftet ist. Das Tageblut galt als unrein, als Schwäche und Makel des weiblichen Körpers. Irgendwie - und frag uns bitte nicht warum, wir können es nicht mehr nachvollziehen - ist das bis heute in den Hinterköpfen gespeichert. Man redet nicht offen darüber, Frauen und Mädchen schämen sich für ihre Tage. Dabei gehört das Bluten grundsätzlich zum weiblichen Unterbauch, genau wie das Pinkeln zu absolut allen Unterbäuchen des Planeten Erde. Zwar betrifft die Menstruation uns Frauen - also ungefähr fünfzig Prozent der Bevölkerung - aber indirekt und nicht weniger bedeutend, auch die anderen fünfzig Prozent, die einem gesunden und blutenden Uterus entstammen. Warum das Thema Tage so peinlich und lächerlich pingelig diskutiert wird, liegt sicherlich am tabubehafteten Image und der Vergangenheit. Höchste Zeit, dass wir uns alle vor Augen führen, wie unnötig es ist, sich zu schämen und wie schön, offen darüber zu reden. Lets Go!
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Luisa Stömer und Eva Wünsch / Ebbe & Blut / Gräfe und Unzer Verlag
Haben euch in Gesprächen mit anderen Frauen manche Aussagen bezüglich der Periode überrascht?
Ja und Nein. Mittlerweile kann ich vieles nicht mehr nachvollziehen was andere Frauen von ihren Tagen denken und wie sie damit umgehen. Das liegt an der intensiven, langen Zeit, die wir uns jetzt schon mit dem Thema beschäftigen. Je mehr wir wissen und beobachten, desto mehr Hochachtung und Respekt muss man seinem Körper zollen. Das beeinflusst den Umgang mit hormonellen Verhütungsmitteln, mit Problemen mit dem Uterus und mit dem öffentlichen Umgang damit. Allerdings konnte ich viele Punkte die mir heute missfallen, früher unterschreiben - ich hatte ähnliche Probleme damit.
Zum Beispiel hatte ich vor kurzem ein Gespräch indem mir eine Freundin erzählte, dass sie die Pille ununterbrochen nimmt, um ihre Tage einfach überhaupt nicht zu bekommen. Eine andere Freundin sagt, dass sie nur Tampons mit Applikator benutzt, weil sie es furchtbar widerlich findet, mit ihrem Finger ihre blutende Vagina zu berühren.
Redet ihr mit euren Partnern oder Vätern über die Periode?
Insgesamt können wir Beide mit allen Leuten in unserem Umfeld offen über unsere Periode reden, wenn der Kontext passt. Und dann ist das auch völlig egal, ob die Person männlich oder weiblich ist. Den Partner miteinzubeziehen bzw. einen Partner zu haben, der sich mit der Thematik auskennt, finden wir Beide wichtig. Und was unsere Väter angeht wäre das gar kein Stress zu sagen: 'Du, Papa, kannst du mir Tampons mitbringen, ich hab meine Tage!'
Wo gibt es eurer Meinung nach die größten Unsicherheiten, wenn es um den weiblichen Zyklus geht?
Ein großer Punkt ist sicher der, wann man denn jetzt eigentlich genau schwanger werden kann und wann nicht. Wir haben da schon echt Haarsträubendes von anderen Frauen gehört, die dachten, kurz nach der Blutung sei man am fruchtbarsten. Da merkt man einfach, dass sich jeder sein Wissen selbst zusammengeschustert hat ohne Fakten als Fundament. Auch wie hormonelle Verhütungsmittel eigentlich wirken, ist vielen völlig unklar oder wie es dazu kommen kann, dass ein Zyklus mal länger ist als der andere, oder kürzer.
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Fotos: Katharina Pflug.
Wie glaubt ihr, kann man der Tabuisierung in Zukunft entgegenwirken?
Ein Tabu ist ein gesellschaftliches Konstrukt - gemacht von Köpfen und kann genauso nur in den Köpfen gebrochen werden. Dazu brauchen wir viele, selbstbewusste und mutige Frauen und Männer, die offen über die Menstruation reden. Die sich nicht scheuen, alle Facetten des weiblichen Zyklus zu thematisieren. Wenn erstmal jedem klar ist, wie unnötig es ist, sich für so etwas grundlegend Menschliches zu schämen, dann kann es nur bergauf gehen. Dann schaffen wir es vielleicht, dass sich auch die Werbeindustrie dem Faktum stellt, dass das Tageblut definitiv rot ist. Und nicht blau, wie in der Werbung immer dargestellt.
Wir müssen darüber sprechen. Wir müssen dafür sorgen, dass die Menstruation aus ihrer Problemkindecke heraus kann. Periode ist so normal wie Pinkeln oder Butterbrote - es ist nicht akzeptabel, dass die nötigen Artikel dazu, Tampons zum Beispiel, mit einer Luxussteuer von 19% belegt sind. Ein Blumenstrauß wird dagegen nur mit 7% besteuert. Die Periode ist kein Luxus.
Wir müssen uns also ändern - wir müssen laut sein und selbstbewusst und für unser Recht einstehen, dass wir menstruierende Menschen das Recht darauf haben, über unsere Blutungen Höschen zu reden, wenn wir wollen. Es offen sagen zu können, wenn es uns schlecht geht und warum und vor allem dass wir uns nicht in Unkosten stürzen müssen, weil wir diejenigen sind, die die Eizellen für den Erhalt dieser Zivilisation liefern. Kein Mensch würde doch gesunden Verstandes eine Luxussteuer auf Klopapier dulden.
Luisa Stömer und Eva Wünsch / Ebbe & Blut / Gräfe und Unzer Verlag
Hand aufs Herz: Glaubt ihr, dass der weibliche Zyklus jemals in der „Mitte der Gesellschaft" ankommen wird?
Das wäre auf jeden Fall ein erstrebenswertes Ziel und vielleicht gar nicht so weit weg wie wir denken. Man sieht ja, dass überall auf der Welt Frauen ihre Rechte einfordern und damit auch das Recht über ihre Weiblichkeit zu sprechen. In Italien sollen Frauen bald freibekommen, wenn sie sehr unter den Auswirkungen ihrer Periode leiden. Das ist schon mal ein sehr großer Schritt und zeigt, dass das Thema schon jetzt immer mehr in die Mitte der Gesellschaft rückt.
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