"Ich glaube an Karma und versuche, nicht nur an mich selbst zu denken"

Transparenz und Authentizität – zwei schöne Wörter, nicht wahr? Die Bedeutung ist noch besser, denn beide Substantive verpflichten – zur Ehrlichkeit und Glaubwürdigkeit. Sowohl Firmen als Werbebotschafter müssen sich damit auseinandersetzen, denn wir leben zum Glück in einer Zeit, in der Fragen gestellt werden. Ist ein Gesicht auf zu vielen unterschiedlichen oder unstimmigen Plakaten, verwässert das. Und die Botschaft geht unter. Eine, die sich wirklich Gedanken um ihre Rolle in der Öffentlichkeit und ihre Message macht, ist Barbara Meier. Sie wurde 2007 „Germany's Next Topmodel", hat im letzten Jahr ihr erstes Buch herausgebracht und arbeitet als Schauspielerin – als Botschafterin des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) wirbt sie für Umdenken im Kopf, für bessere Standards in der Textilwirtschaft.
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Die erste Amtshandlung der Botschafterin war es, sich vor Ort ein Bild der Lage zu machen. Wie geht es den Näherinnen in Afrika und Asien, wie sehen die Produktionsstätten aktuell aus und wie können wir die Umwelt in der Herstellung schonen? Zusammen mit Entwicklungsminister Dr. Gerd Müller und Refinery29 flog Barbara nach Äthiopien, Indien und Pakistan. („Im Kanzlerjet in Krisengebiete") Wir traten eine Reise an, die die Bedeutung von Kleidung und deren Herkunft und die Wertschätzung für uns verändert hat. Warum, das erzählt uns die 30-Jährige im Interview.
Was bedeutet es für dich, Verantwortung zu übernehmen?
Nicht nur an sich selbst zu denken auf der einen Seite. Es bedeutet auf der anderen Seite auch, sich als Teil einer Gemeinschaft zu sehen. In der Umsetzung heißt das dann, dass man etwas zurückgibt. Ich glaube schon – zumindest ein bisschen – an Karma. Das heißt, ich hätte mir dieses Leben nicht verdient, wenn ich nicht versuche, jemand anderem etwas dafür zu geben. Ich lebe in einem Land, in dem ich frei sein kann, ein selbstbestimmtes Leben führen kann. Auch als Frau. Ich kann mir viel leisten. Freizeit zum einen, schöne Dinge zum anderen.
Ein solches Geschenk vom Schicksal muss man nutzen – um etwas zu bewegen. Und zwar überdauernd. Ich finde, wenn man eine Verpflichtung eingeht und entscheidet, sich um andere zu kümmern, hat sich das mit einer einmaligen Spende nicht einfach erledigt. Entweder ganz oder gar nicht.
Es geht also sowohl um Selbst- als auch um Fremdverantwortung?
Mir fällt da gleich diese Sicherheitsdurchsage im Flugzeug ein. Einem wird gesagt, dass man die Sauerstoffmasken bei einem Druckverlust erst selbst anziehen soll, bevor man sich um seine Nachbarn kümmert. Das beschreibt das perfekt: Man darf nicht ausschließlich nach Aussen schauen und vollkommen ignorieren, wie es in dir drin aussieht. Das hat auch überhaupt nichts mit Egoismus zu tun. Erst wenn man mit sich selbst im Reinen ist, seine Werte kennt, kann man anderen auch wirklich helfen. Es hilft doch nichts, wenn man einfach in die Welt hinaus rennt und versucht einfach wahllos irgendetwas Gutes zu tun, ohne zu wissen, wofür man einsteht.
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Und warum entspricht die Textilbotschaft des Ministeriums deinen Werten?
Es ist aus verschiedenen Gründen wichtig, dass wir uns bewusst machen, was wir tragen. Die Haut ist unser größtes Organ und wenn wir die mit Giftstoffen einhüllen, tut das unserem Körper nicht gut. Und wir haben ja nur diesen einen. Mir fällt auch dieser Gestank auf von billigen Kleidern, die man sich im Geschäft kauft. Das kann doch nicht gesund sein, oder? Also: Auf meine Haut gehört gutes Material. Das ist die gesundheitliche Komponente. Und die ethische bezieht sich auf die Frage, ob wir wirklich Kleidung tragen wollen, bei deren Herstellung Menschen ausgebeutet werden. In Deutschland haben wir so lange für faire Arbeitsbedingungen gekämpft, dafür dass Frauen gleichberechtigt werden, dass wir für unserer Arbeit entsprechend entlohnt werden – ist es nicht total absurd, dass wir Missstände in anderen Ländern dann einfach so hinnehmen? Warum hört unser Sinn für Gerechtigkeit an der Grenze auf?
Wie lässt sich das ändern?
Zuerst müssen wir uns von dem Gedanken des kratzenden Jutebeutels verabschieden – Nachhaltig produzierte Mode kann heutzutage auch wirklich schön sein! Und wenn ich als jemand, der in der Modebranche arbeitet, versucht das zu transportieren, glaube ich, dass das irgendwann auch bei der Masse ankommt.
Du trägst also nachhaltig produzierte Kleidung?
Ja und das macht mich so einen Tick glücklicher im Alltag. Ich weiss dann: 'Dafür hat niemand leiden müssen.' Man sollte stolz sein, fair produzierte Kleider zu tragen. Man tut damit ja indirekt etwas Gutes, indem man etwas Schlechtes verhindert.
Würdest du damit auch Designer direkt konfrontieren?
Kommt darauf an. In Deutschland produzierende Designer halten meines Wissens alle nötigen Standards ein. Einen deutschen Designer, der im Ausland produzieren lässt: auf jeden Fall. Schlagkräftiges Videomaterial aus solchen Fabriken hätte ich dazu zur Genüge auf meinem Handy bereit.
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Wirkt sich deine Einstellung auf deine Arbeit aus? Auf Werbeverträge zum Beispiel?
Es ist schwierig ausschließlich umweltfreundliche Produkte zu bewerben. Solche, die komplett abbaubar sind gibt es nämlich kaum. Ich muss daher immer abwägen, inwieweit ich etwas vertreten kann. Im Bereich Textil ja, aber in allen anderen Bereichen ist es unmöglich nachzuvollziehen, ob bei jedem einzelnen Produktionsschritt die Arbeitsbedingungen eingehalten wurden. Vieles wird auch nicht offengelegt. Daher kann ich da nicht zu Hundert Prozent darauf achten – das wäre in meinem Berufsfeld unrealistisch.
Ist das nicht auch deine Verantwortung als Botschafterin, dafür einzustehen, dass all das transparenter wird?
Ja, aber auch persönlich erlaube ich mir, mich dem Tragen von ausschließlich nachhaltiger Kleidung langsam und Schritt für Schritt anzunähern. Daher ist es klar, dass sich bei so einem großen Handelszweig nicht alles von heute auf morgen ändern läßt.
Step by Step ist deine Botschaft?
Genau. Ich versuche meinen Kleiderschrank Step by Step umzustellen, versucht es doch alle mit mir. Aber jeder sollte sich seine Zeit nehmen, die er braucht.
Neben deinem Engagement für faire Arbeitsbedingungen setzt du dich für den WWF und gegen Geisternetze ein.
Ja, auch da will ich eine Botschaft nach Außen tragen, Aufmerksamkeit auf das Problem zu richten: 10 Millionen Tonnen Plastik gelangen pro Jahr ins Meer. Ungefähr 10 Prozent davon sind eben diese Netze. Der WWF sucht derzeit nach einer Möglichkeit, diese vom Meeresgrund zu bergen, ohne alles was sich darunter verbirgt zu zerstören und zu recyceln. Deshalb besichtige ich auch bald eine Fabrik, in der Strumpfhosen aus Plastikfäden hergestellt werden.
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Warst du dir dieser Dimensionen bewusst?
Überhaupt nicht. Keiner kann sich das wirklich vorstellen. Wenn das so weitergeht wird 2015 vermutlich verhältnismäßig mehr Plastik im Meer sein, als Fische darin leben. Und das Plastik gelangt dann durch die Fische, die das Mikroplastik aufnehmen in unseren Magen.
Barbara Meier und Entwicklungsminister Dr. Gerd Müller
Ist das Bewusstsein in Deutschland für soziale oder ökologische Missstände größer?
Im Textilbereich sind es die sozialen – aber wie weitreichend die ökologischen Probleme sind, das wissen wir nicht. Bevor ich begann mit dem WWF zusammenzuarbeiten, war mir ja auch nicht bewusst, dass sich aus billig produzierter Kleidung Plastikteilchen lösen, die dann beim Waschen ins Grundwasser gelangen.
Was wäre denn dafür ein wichtiger Schritt?
Zum einen haben wir jetzt mal dieses Textilbündnis. Dort kann man sich bereits informieren, welche Labels dabei sind. Dann gibt es leider noch kein Siegel dafür – daher müssen die Verbraucher selber recherchieren, welches Brand auf nachhaltig produzierte Mode setzt. Ein bisschen gesunder Menschenverstand gehört da aber auch dazu, ein Shirt für fünf Euro kann zum Beispiel unmöglich fair produziert worden sein.
Was wäre ein realistisches Ziel für die nächsten fünf Jahre in Bezug auf die Unternehmen?
Ich weiss nicht, wie realistisch das ist, aber ich fände es wichtig ein Siegel dafür zu produzieren. Dazu sollte aber in den nächsten Jahren die Nachfrage auch wirklich steigen, nur so steigen die Unternehmen darauf ein. Nur so wird der Markt auch irgendwann nachziehen.
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