„Alltagssexismus wird oft gesellschaftlich durchgewunken"

Foto: Babette Conrady
Die Sexismus-Debatte ist für viele wie Kaugummi. Totgekaut, unnötig, zu lange in aller Munde, an Geschmack verloren – für mich ist die Diskussion eher wie Zähneputzen. Essentiell, ein Automatismus des gesunden Lebens, geschlechtsunabhängig. Wer sich mit dem Thema auseinandersetzt, übernimmt Selbstverantwortung und kümmert sich um die Rechte der Mitmenschen. Um so mehr man darüber redet, desto klarer sind Grenzen.
Wo fängt Sexismus an? Dieser Frage geht die Sendung Blue Moon bei Radio Fritz morgen Abend um 22:00 Uhr nach. Und: Refinery29 darf mitreden. In der zweistündigen Liveshow werden Moderatorin Babette Conrady und ich erörtern, wo wir in Deutschland wirklich stehen. Wodurch sich Männer, Frauen und Transmenschen aufgrund des Geschlechts diskriminiert fühlen.
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„Sexismus ist nach wie vor ein Thema, das mit sehr vielen Klischees behaftet ist. Viele Frauen wissen gar nicht, dass sie gerade diskriminiert wurden, weil der Alltagssexismus mittlerweile oft einfach so hingenommen und gesellschaftlich durchgewunken wird. Man sollte über Ursache und Wirkung nachdenken und sich für das Thema sensibilisieren", sagt Babette.

Sexismus ist die älteste Diskrimierung der Welt, weil Frauen im Prinzip ab Tag 1 Unterdrückung ausgesetzt waren

Babette Conrady
Das Thema liegt mir sehr am Herzen: Als Features Editor bei Refinery29 Germany schreibe ich tagtäglich Artikel zum Thema Gleichberechtigung, spreche mit Frauen, die in Männerdomänen arbeiten und gegen alle Geschlechterklischees leben. Ich bin stolz auf die starken Menschen, die mit Mustern brechen und Sexismus smart begegnen. Und trotzdem kann ich nicht immer drüberstehen: So sehr ich das Frau sein auch feier', wenn ich ehrlich bin, habe ich immer wieder Momente, in denen ich mir vorstelle, wie einzelne Situation ablaufen würden, wenn ich einen Penis hätte. Sicherlich anders. Ich sage nicht pauschal besser, aber definitiv anders. Auch ich wurde schon als „Mäuschen" bezeichnet, wurde im Vorstellungsgespräch über meinen Beziehungsstatus und meinen Kinderwunsch ausgefragt oder habe Sprüche gehört wie: „Du bist hübsch und hast noch was im Kopf?!" Sicherlich kann jede Frau in Deutschland Anekdoten beitragen.
Auch Babette redet Klartext: „Kürzlich haben Kraftklub einen Song rausgebracht, in dessen Text es heißt: 'Du verdammte Hure, das ist dein Lied'. Ich war sehr überrascht, dass meine Facebook-Timeline voll von Leuten war, die das relativiert haben. Da hieß es, man kann auch übertreiben mit der Correctness, man solle sich nicht immer gleich so anstellen und man hätte die Ironie nicht verstanden. Hätte jemand 'Neger' gesungen, wäre das Urteil anders ausgefallen und es hätte einen gemeinschaftlichen Aufschrei gegeben", so die Musikexpertin. „Ich mag Kraftklub als Band und bin mir auch sicher, dass sie keine Sexisten sind. Und obwohl ich hoffe, dass die meisten ihrer Fans diesen Text jetzt nicht als Legitimation begreifen, Frauen unwidersprochen als „Huren“ zu bezeichnen, ist die Vorstellung, dass bei Festivals jetzt 40.000 Jungs 'du verdammte Hure' brüllen und 10.000 Mädchen dabei mitmachen, weil sie die Band halt so sonst irgendwie cool finden, dennoch gruselig."
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Einig sind wir uns auf jeden Fall, dass die Sprache eine große Rolle spielt. Warum gibt es so viele abwertende Bezeichnungen für das weibliche Geschlechtsteil? Warum gibt es immer noch Leute, die Fräulein sagen, obwohl es auch kein Herrlein gibt? „Möchte man seine Exfreundin richtig beleidigen, sagt man Hure oder Schlampe. Ein vergleichbares männliches Pendant gibt es nicht. Mich stört, was hinter den Worten steht. Eine Frau, die viel Sex hat, ist schlecht. Was sagt uns das? Wir bestehen zu 95% aus Unterbewusstsein und natürlich macht das was mit uns. Worte haben Macht und sind nicht bedeutungslos, sie prägen uns. Da stelle ich mich also schon an", stellt Babette klar.

Es sind auch die Frauen, die einander unterstützen und sich solidarisieren sollten. Da liegt der Hase im Pfeffer

Babette Conrady
Während sie seit Jahren auf Sendung geht, ist es für mich die erste Liveshow. Da das Thema so polarisiert, so streitbar ist, stelle ich mich auf krasse Geschichten und Sexismus-Verleugner unter den Zuhörern ein: „Ich hatte schon einen männlichen Anrufer, der der Meinung war, dass uns Frauen nur eingeredet wurde, dass sie nicht unaufgefordert angefasst werden wollen. Es haben dann aber eben auch viele Männer angerufen, die ihm vehement widersprochen haben. Überhaupt ist es wichtig, dass sich Männer und Frauen gleichermaßen an der Diskussion beteiligen", erklärt Babette.
Genau wie Männer wegen der Benachteiligung der Frauen protestieren sollen, sollen es auch die Frauen für die Männer tun. Mir ist es wichtig zu betonen, dass Sexismus keine Einbahnstraße ist. Männer und Transmenschen leiden ebenso unter Stereotypen. Neulich im Supermarkt sah ich ein Grillset für „echte Männer" – was soll das denn? Was ist schon ein „echter Mann"? Muss der grillen? Isst er auch Gemüse oder gar – Achtung, ganz verrückt – auch nur einen Salat? „Ja, auch Männer haben häufig mit Klischees zu kämpfen. Zum Beispiel sehen sich Erzieher mit sexistisch motivierten Vorurteilen konfrontiert."
Babette Conrady & Edith Löhle diskutieren live am Donnerstag, den 4. Mai von 22:00 Uhr bis 0:00 Uhr bei Radio Fritz. Wer mitreden will, kann unter 0331/7097 110 anrufen.
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