Nora Tschirner im Interview: „Meine Körpermaße sind nur meine Hülle“

Foto: Getty Images
Anfang der 2000er war sie das Aushängeschild von MTV, später hat sich Nora Tschirner mit Kinofilmen wie „Keinohrhasen“ oder „What A Man“ sowie ihrer aktuellen Kommissarinnenrolle in „Tatort“ einen Ruf als eine der schlagfertigsten und gewitztesten Darstellerinnen Deutschlands erspielt. Von einer ernsten Seite ist die 35-Jährige ab heute als Mit-Produzentin des Dokumentarfilms „Embrace“ zu erleben, in dem sie sich gemeinsam mit der australischen Regisseurin Taryn Brumfitt gegen falsche Schönheitsideale und für mehr Vielfalt, Akzeptanz und Selbstliebe einsetzt.
Was war der Auslöser, dich mit dem Thema Bodyshaming auseinander zu setzen?
Ich habe in den letzten Jahren immer wieder Frauen in meinem Umfeld beobachtet, die äußerlich zwar dem gängigen Schönheitsideal entsprachen, die tolle Berufe und tolle Beziehungen hatten und die auch sonst unfassbar schlaue Köpfe waren, die aber einen unglaublichen Fokus auf eine gewisse narzisstische Komponente legten. Das war der Auslöser, mich zu fragen, warum wir als Gesellschaft an bestimmten Punkten einfach nicht weiterkommen. Natürlich bin ich in meiner bisherigen Biographie auch nicht gänzlich frei von diesem Schönheitsdenken gewesen, konnte mich aber irgendwann ganz gut frei machen.
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Ein natürlicher Entwicklungsprozess?
Es hat wahrscheinlich schon etwas mit dem Erwachsenwerden zu tun. Wenn sich jemand mit Anfang 20 auf Instagram in allen Posen ein bisschen in seinem eigenen Narzissmus wälzt, das ist nichts anderes, als das, was wir früher auf MTV gemacht haben. Oder vor zweihundert Jahren auf einem Ball. Das würde ich ein bisschen als Vorrecht der Jugend durchgehen lassen. Dass dieses Verhalten neuerdings bei Menschen so ausgeprägt ist, die fest im Leben stehen und die im Grunde jede Menge andere Anknüpfungspunkte haben, hat mich wirklich schockiert.
Bei MTV warst du Anfang der2000er das Role Model einer ganzen Generation. Hast du heute noch eine gewisse Vorbildfunktion?
Bei MTV habe ich es auch nicht so empfunden, weil ich gefühlt sehr viele Leute kannte, die so wie ich drauf waren. Ich kam mir nicht so besonders vor und erst recht nicht als Role Model.
Heute denke ich, irgendwie sind wir das potentiell alle für einander. Die Frage ist, wie wir damit umgehen. Und was wir daraus machen. Taryn hat unglaublich viel daraus gemacht. Sie stellt für mich eine Art menschliche Goldgrube dar. Sie hat ähnliche Gedankenprozesse wie ich durchlaufen; wir treffen uns bei diesem Thema bei einem Punkt, der sehr in die Tiefe geht und der viel mehr behandelt als nur die Frage: Wer ist eigentlich Schuld am Schönheitswahn? Es geht nicht um Schuld. Das ist Ursachenforschung auf einem anderen Level. Ich beschäftige mich schon lange mit der Frage, was Menschen davon abhält, ihre Erfüllung im Leben zu finden.
Das klingt extremphilosophisch!
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Das ist eine Frage, die mich schon seit Anfang 20 umtreibt. Ich wollte irgendwann Vergleichende Religionswissenschaften studieren. Mich hat immer die Frage interessiert, was Menschen antreibt und was sie sich als Konstrukt suchen, um durchs Leben zu kommen. Mich interessieren zwischenmenschliche Beziehungen, zwischenmenschliche Gruppierungen, Institutionen und die Frage, wie wir uns als Gruppe sortieren. Und natürlich die Frage, wie wir mit unseren Ängsten umgehen. Mit diesen Dingen beschäftige ich mich im Selbststudium, seit ich denken kann. Und genau deswegen sind mir vermeintliche Sündenböcke wie „die doofen Männer“ oder „die schlimmen Medien“ als Erklärung für diesen momentanen Schönheitswahn zu platt und zu simpel.
Mehr als 91% aller deutschenFrauen sind mit ihrem Körper unzufrieden und mehr als 40% aller 10- bis 14-Jährigen machen regelmäßig Diät – schockierende Zahlen. Warst du auch selbst geschockt?
Teils, teils. Es hat mich nicht total gewundert, weil ich in meinem Lebens bisher selten Frauen getroffen habe, die mit ihrem Körper völlig zufrieden waren. Wenn man diese Daten dann allerdings geballt vorgeführt bekommt, kann es einen tatsächlich umhauen. Frauen diese Dinge vor der Kamera aussprechen zu hören, ist sehr traurig.
Foto: Majestic
Auf dir als Schauspielerin lastet ein besonderer Beauty-Druck. Wie gehst du damit um?
Ich kann es nur in der Rückschau beobachten. Ich glaube, ich habe mich in den letzten Jahren zu einem großen Teil davon befreit. Ich habe für mich selbst relativ früh festgestellt, dass es mir zu anstrengend ist, irgendwelchen Trends hinter zu hecheln, sondern habe lieber meine eigene Marke entwickelt. Die Leute, die man am attraktivsten findet, haben nicht zwangsläufig etwas mit einem völlig symmetrischen Äusseren zu tun. Ihre Attraktivität macht eher eine gewisse Lässigkeit und eine gewisse Souveränität aus. An diesen selbstbestimmten Typus orientieren sich die Leute eher, als an Menschen, die „nur“ gut aussehen. Klar ziehe ich auch mal etwas Schönes an, aber in erster Linie trage ich als Hauptaccessoire das Gesicht von Nora Tschirner. Ob andere es schön finden oder nicht.
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Und bei Dates?
Ich habe in meinem Leben niemals ernsthaft gedatet, nach dem klassischen Prozedere. Aber auch in diesem Zusammenhang habe ich schon früh gemerkt, dass Ehrlichkeit am längsten währt. Ich bin ein großer Freund von Effizienz; eher früher als später würde man mich ja sowieso ohne Make-up und tolle Klamotten sehen. Um das abzukürzen, würde ich nicht mega -aufgehübscht zum ersten Date gehen. Irgendeine Verkleidung aufrecht zu erhalten, wäre mir viel zu anstrengend. Mit anderen Worten: Ich hatte schon früh das Bedürfnis, mich anderen so zuzumuten, wie ich tatsächlich bin. In allen Facetten. Es ist immer besser, gleich von Anfang an alles auf den Tisch zu bringen, statt darauf zu warten, dass es einem in spätestens vier Monaten um die Ohren fliegt. Trotzdem gab es Situationen, in denen ich diesen Beauty-Druck gespürt habe. Auf Roten Teppichen zum Beispiel. Ich habe gemerkt, dass ich keinen Bock mehr darauf hatte. Mittlerweile habe ich für mich einen Weg gefunden, diese Events ab und an als eine Art herrlich unterhaltsamen Zirkus zu betrachten.
Schönheit hat also nichts mit einem Ideal zu tun?
Für mich nicht. Es gibt natürlich diese Behauptungsebene, auf die man sich gesellschaftlich geeinigt hat. Doch die Leute, in die man sich als Mensch mit einem gewissen Reifegrad verliebt, sind nun einmal nicht immer werbungsschön. Wenn man sich mit einer menschlichen Augenweide nicht unterhalten kann und einem die Themen nach zehn Minuten ausgehen, ist man fertig miteinander. Man muss nicht Mutter Theresa heißen, um auf die so genannten inneren Werte zu achten. Man achtet automatisch auf innere Werte. Natürlich möchte jeder von uns geliebt werden, aber im realen Leben muss sich niemand von einem gewissen Schönheitsideal bedroht fühlen.
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In „Embrace“ gibt es eine Szene, in der sich Frauen auf der Straße in drei Worten beschreiben. Wie sähe deine Selbstbeschreibung aus?
Eine Selbstbeschreibung meines Körpers oder meiner Person? Ich würde selbst nicht als erstes auf die Idee kommen, meinen Körper zu beschreiben. Mich langweilen Außenbetrachtungen. Ich lebe aus mir heraus und will nicht den ganzen Tag über Labels nachdenken, wie ich wohl bin oder wie andere mich wahrnehmen. Ich würde mich als verantwortungsvoll, empathisch und intelligent charakterisieren. Als körperliche Beschreibung würde ich sagen: 1,75 m groß, lange Gliedmaßen und trotzdem Kurven. Oder so ähnlich. Ich fühle mich durch meine Körpermaße absolut null definiert. Das ist nur meine Hülle.
Warst du selbst irgendwann mitdem Thema Bodyshaming konfrontiert? Das erste Mobbing beginnt ja bereits in der Schule...
Mobbing würde ich es nicht nennen. Aber es gab die erste Spiegelung. Meine damalige und immer noch beste Freundin sollte mich im Russischunterricht beschreiben. Sie sagte: Nora hat sehr große Zähne. Sie meinte es sicher nicht böse, trotzdem bin ich richtig zusammen gezuckt. Alle haben gekichert. Diese Außensicht auf einen selbst war mir komplett fremd. Ich habe gegessen und konnte kauen. Das war das Verhältnis zu meinen Zähnen. Im Fokus zu stehen, ist mir bis heute unangenehm. Der Zustand der Selbstvergessenheit bedeutet für mich ein unglaubliches Glücksgefühl. Was gibt es Tolleres, als komplett in einem Gespräch oder in der Beschäftigung mit einer Sache zu versinken? Man muss sich nicht damit beschäftigen, wie man gerade aussieht. Oder dass man überhaupt irgendwie aussieht.
Gibt es ein Körperteil an dir, das du nicht so wirklich hübsch findest?
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Null. Dieses Denken habe ich mir abgewöhnt. Mich beschäftigen andere Dinge. Außerdem lerne ich gerade, auf mich selbst besser achtzugeben. Statt mich in Stressphasen gesund zu ernähren, pumpe ich meinen Körper üblicherweise mit Schokolade und Energydrinks voll. Früher habe ich zusätzlich noch sehr viel geraucht. So langsam gewöhne ich mir in Minischritten an, auch mal eine Kanne Tee zu trinken, mich auszuruhen, wenn ich krank bin und zuzulassen, dass sich dann jemand um mich kümmert. Bis vor Kurzem habe ich mich niemals auskuriert, sondern habe selbst mit hohem Fieber noch gearbeitet. Diese selbstzerstörerischen Tendenzen versuche ich so gut es geht abzulegen. Ich erziehe mich dazu, diesen Weg zu einer Art Lebensglück zu gehen, ohne mich selbst allzu sehr zu kasteien.
Klingt so, als wäre der Weg zum persönlichen Glück ziemlich steinig.
Ich bin nicht sicher, ob es unbedingt der steinige Weg sein muss. Das Erwachsenwerden ist schwer; es hat sicher mit unseren gesellschaftlichen Strukturen zu tun. Ich glaube, dass zum Beispiel Kinder per se sehr gut dazu in der Lage sind, ihre Bedürfnisse zu erkennen und zu äußern. Je älter man wird, desto mehr wird einem dieses natürliche Verhalten von unserer Gesellschaft abtrainiert. Natürliche Bedürfnisse wandeln sich dann teilweise in Schuld und Scham, weil man denkt, man macht etwas falsch. Am Ende muss man sich dieses ursprüngliche Verhalten wieder mühsam freischaufeln. Diese Strategien müssen wir definitiv als Gesellschaft nochmal überdenken. In unserem Film geht es nicht um eine Antihaltung gegen Make-up oder gegen Mode. Es geht darum, die Frage zu stellen, ob man sich im Leben so derartig davon einnehmen lassen will. Ob man das alles mitmacht, weil man Bock hat und um sich auszudrücken, oder weil es einen bestimmten Druck gibt, dem man nachgeben muss. Jeder soll für sich selbst entscheiden, ob das alles sein freier Wille ist, oder man sich nur einem fremdbestimmten Ideal beugt.
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Regisseurin Taryn Brumfitt zusammen mit Executive Producer Nora Tschirner bei der Verleihung des österreichischen Film- und Fernsehpreises “Romy”
„Embrace“ ist heute, am 11. Mai einmalig in zahlreichen teilnehmenden Kinos zu sehen und erscheint zeitnah auf DVD sowie als Video On Demand. Am Tag nach der Vorstellung lädt Nora Tschirner auf der Seite www.facebook.com/embrace.derfilm um 19 Uhr zu einer Livediskussion zum Thema ein.
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