Wie kann es sein, dass Männer Frauen heimlich unter den Rock fotografieren dürfen?

Illustration: Sydney Hass
Update: Die Engländerin Gina Martin rief im vergangenen Jahr eine Petition ins Leben, die das Ziel verfolgt, Upskirting unter Strafe zu stellen. Jetzt scheint es zumindest in England Bewegung in der Rechtsprechung zu geben, denn offenbar ist ein Gesetz auf dem Weg, dass „ungefragte Upskirt-Fotos“ unter Strafe stellen soll. Premierministerin Theresa May twitterte: „Upskirting ist ein Eindringen in die Privatsphäre, es würdigt die Opfer herab und verursacht Leid.“ Der aktuell diskutierte Gesetzesentwurf sieht vor, dass Täter mit bis zu zwei Jahren Haft bestraft werden können und zudem (in besonders schweren Fällen) in eine Datenbank für Sexualstraftäter aufgenommen werden. Auch Wales beteiligt sich an dem Gesetzesentwurf. In Deutschland wird Upskirting derzeit noch nicht als sexuelle Belästigung und damit Straftatbestand geführt, da die Beleidigung nicht körperlich oder verbal, sondern meistens heimlich ausgeführt wird.
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Gina Martin ist 25 Jahre alt. Gemeinsam mit ihrer besten Freundin besuchte sie im Sommer ein großes Festival im Londoner Hyde Park. Während sie zusammen inmitten einer großen Menschenmenge auf die nächste Band warteten, unterhielten sie sich sporadisch mit zwei Typen – wie man das eben so macht, auf einem Festival, bei gutem Wetter und ausgelassener Feierstimmung. Ganz geheuer waren den jungen Frauen die Männer jedoch von Anfang an nicht. Ein wenig später bemerkte Martin allerdings, dass besagte Typen sich über ein Foto auf ihrem Handy amüsierten. Aus dem Augenwinkel erkannte sie, dass es sich um ein sogenanntes Upskirt-Foto handelte. Ein Bild also, für das (meistens) Männer Frauen unter den Rock fotografieren – heimlich und ohne dass sie es bemerken.
In einem Interview mit der BBC erzählt Martin, dass sie sofort wusste, dass es sich um ein Foto von ihr gehandelt habe, woraufhin sie sich reflexartig das Handy schnappte und damit zu den Sicherheitskräften eilte, um sich Hilfe zu holen. Daraufhin wurde die Polizei alarmiert.
Was dann passierte, ist schier unglaublich. Zwar suggerierten die Polizeibeamten ihr Mitgefühl und bedauerten den Vorfall. Mehr könnten sie allerdings an dieser Stelle nicht für sie tun. Obwohl Martin später eine Anzeige stellte, wurden die Ermittlungen eingestellt. Die Begründung: Sie habe unter ihrem Rock noch Unterwäsche getragen, daher seien die Fotos nicht anstößig und somit auch nicht als Straftat zu behandeln.
Der Fall entfachte in den letzten Wochen hitzige Diskussionen darüber, ob Upskirting als Straftatbestand behandelt werden müsse oder nicht. Bisher wird dieses Vergehen weder in England noch in Deutschland strafrechtlich verfolgt. Dabei ist Upskirting unbestreitbar ein massiver Einschnitt in die Privatsphäre von Mädchen und jungen Frauen, die oftmals gar nicht mitbekommen, dass sie heimlich fotografiert worden sind.
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Steigt man in die Recherche zum Thema Upskirting ein, stößt man schnell auf unzählige Foren und Porno-Plattformen, auf denen genau diese Fotos zu finden sind und von den Nutzern kommentiert werden können. Frauen, die heimlich im Park, am Strand oder auf Treppen sitzend, abgelichtet wurden. Mindestens genauso angsteinflößend sind die Konversationen, in denen meistens Männer darüber fachsimplen, wie man Upskirt-Fotos am besten und unauffälligsten schießen kann. Man findet hier im Prinzip öffentlich zugängliche Anleitungen darüber, wie man am besten spannen kann. Da Upskirting nicht gesetzlich verboten ist, passiert das alles legal.
Auch wenn es in Deutschland bereits Upskirting-Fälle gab, ins Strafgesetzbuch der Bundesrepublik ist der Tatbestand bisher nicht aufgenommen worden. Aktuell wird Upskirting noch als Antragsdelikt geführt. Wenn die betreffende Person keine Strafanzeige stellt, wird der Fall nicht weiter verfolgt. Was insofern schwierig ist, da die meisten Opfer die Tat ja nicht einmal bemerken.
Gina Martin wollte das so nicht auf sich sitzen lassen und startete umgehend eine Petition, die bewirken soll, dass Upskirting als Tatbestand behandelt und zudem ins Sexualstrafrecht aufgenommen wird. Insgesamt haben bis jetzt schon 63.000 Menschen die Petition unterschrieben mit dem Ergebnis, dass die Polizei die Ermittlungen wieder aufnimmt. Ein gutes Zeichen, denn somit ist vielen Frauen in Zukunft vielleicht geholfen, weil das Phänomen endlich als sexuelle Straftat, die es ist, verstanden und wahrgenommen wird.
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