„Für wen kleidest du dich so offenherzig?“ – Gedemütigt von der Schuldirektorin

Dieser Artikel erschien zuerst am 24.10.2017 auf HuffPost.
Foto: Brayden Olsen
Ich war 14 Jahre alt, als ich zum ersten mal belästigt wurde. „Entweder du fickst mit mir oder ihr steigt aus!“ Das war eines Abends um 21 Uhr, in einem Auto, mitten im Wald.
Er schien nett. Meine Freundin und ich wollten abends mit ihm und seinem Kumpel was trinken gehen. Doch dazu kam es nicht. Wir stiegen aus und liefen im Regen nach Hause. Knapp 4 Stunden. Ohne dicke Jacken. Im November.
Ein paar Wochen später vergewaltigte er ein Mädchen auf einem Parkplatz nahe einer Disko und wurde zu drei Jahren Haft verurteilt.

Wir hatten zwei Männer an der Schule – unter 600 Frauen

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Ich war 16 Jahre alt, als mich ein Junge gegen meinen Willen anfasste. Wir hatten eine Abschlussfeier und übernachteten im Schrebergarten eines Mitschülers. Es wurde viel getrunken und ich schlief in einem Zelt ein.
Als ich aufwachte, war meine Hose offen, mein T-Shirt hochgezogen und seine Hand in meinem Höschen. Es war ein Mitschüler. Er dachte, es wäre okay, mich anzutatschen. Dabei verstanden wir uns nicht mal sonderlich gut. All die Jahre, die wir zusammen in einer Klasse waren, da meinte er wohl, das wäre okay.
Mit 17 Jahren griff mir ein Mann mitten auf der Strasse zwischen die Beine. Ich war mit meiner Freundin unterwegs, hatte einen Wintermantel und eine Hose an.
Mit 17 Jahren erzählte mir auch die Direktorin in der Schule, in der ich die Ausbildung zur Kindererzieherin genossen habe, dass ein knielanger Rock zu offenherzig ist. Sie fragte mich, für wen ich mich so offenherzig präsentiere. Wir hatten 2 Männer an der Schule - unter 600 Frauen.

„Ich würde mich ja sonst auch nicht so zieren“

Mit 26 Jahren vergewaltigte mich mein damaliger Freund. Wir waren betrunken und er wollte Sex. Ich sagte zwar Nein, aber er ging nicht weiter darauf ein. Es war in der Wohnung meines besten Freundes, wo wir beide zu Besuch waren.
Vor lauter Scham und auch um die Stimmung nicht zu zerstören, sagte ich nichts am nächsten Tag. Wohl auch aus Ungläubigkeit, dass es überhaupt so weit gekommen war. Bis zum Schluss wollte er von der Vergewaltigung nichts wissen. Ich würde mich ja sonst auch nicht so zieren, meinte er.
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Er dachte, ich mache Witze. Nee, ist klar. Sehr oft Nein sagen, ihn wegschieben und mich wehren klingt nach extremen Spass, oder? Alles in allem habe ich ihn mir irgendwann mit Gewalt vom Hals geschafft. Weil es nicht anders ging.
Vor einem Jahr traf ich mich mit einem Stadtblogger im Casablanca und tauschte mich mit ihm aus. Am Ende dieses Austausches offerierte er mir eine eventuelle Jobmöglichkeit. Im zweiten Satz bot er mir eine lockere Affäre an. Er ist verheiratet.
Ich war so perplex, dass ich gar nicht wusste was sagen. Klar, ich fühlte mich irgendwie geschmeichelt, denn er und seine Lebensgeschichte imponierten mir sehr und ein wenig hatte ich auch zu ihm heraufgeschaut.
Andererseits, sorry - gehts noch?
Nachdem ich ihm die endgültige Arbeitsprobe zugeschickt hatte, habe ich nie wieder was von ihm gehört. Für mich war also damit klar, auf was das ganze hinauslaufen sollte. Aber ich bin keine Frau, die ihren Körper einsetzt, um einen Job zu bekommen.
Umso mehr erstaunt hat es mich gestern, seinen Beitrag zum Thema „Harvey Weinstein“ zu lesen. Wer im Glashaus sitzt, sollte nämlich lieber nicht Steinen werfen!
Bei mir auf dem Facebookprofil fand gar eine Dame, das sei doch rechtlich keine sexuelle Belästigung, man dürfe ja wohl mal fragen. Ja, klar. Immer. Aber nicht, wenn du mir erst einen Job in Aussicht stellst und mir dann deinen Penis anbietest.

Nein, es ist nicht der Ausländer

Gern hört man dann die rechte Ecke skandieren, wir hätten uns das Problem der Belästigungen und Vergewaltigungen selber ins Land geholt.
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Doch ich verrate euch was: Ich habe in einem Flüchtlingsheim gewohnt, später in der Schweiz und dort ein Jahr lang jede Woche ein paar Stunden Deutsch in deinem Durchgangsheim unterrichtet.
Und es waren nicht diese Menschen, die mich belästigt haben. Es waren „Freunde“, Bekannte, Partner - eben Deutsche. Es war nie jemand aus dem Flüchtlingsheim. Und die Thematik war schon aktuell, bevor die Flüchtlinge kamen. Es wurde einfach nur nicht darüber gesprochen.

Wer schweigt, ist Teil des Problems

Nicht nur Männer, auch Frauen machen andere Frauen runter. Ob es nun eine offene gelebte Sexualität ist, für die man dann als Schlampe oder Hure tituliert wird, oder das Single-Leben.
Anscheinend fühlen sich manche Frauen besser, wenn sie andere denunzieren und ihre Entscheidungen oder ihr Leben verurteilen. Das muss aufhören. Wenn Frauen schon unter sich nicht zusammen halten, dann weiß ich beim besten Willen nicht, wer es tun sollte.
Auch das „Victimblaming“ ist unter Frauen sehr beliebt. Warum? Es könnten genau die Frauen, die andere verurteilen „selber schuld zu sein“, am nächsten Tag das Opfer werden. Oder ihre Kinder.
Denn meist passiert Missbrauch in der Familie. Sagen diese Damen (und Herren) dann auch zu ihren Kindern: „Selber schuld“?
Es wird Zeit, das Schweigen zu brechen! Es wird Zeit, Missbrauch sichtbarer zu machen.
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