Das Gender-Pay-Gap-Experiment: Eine Person, zwei Gehälter

Kaum zu glauben, dass wir im Jahr 2018 noch über dieses Thema reden müssen, aber nun gut, dann machen wir eben noch einmal darauf aufmerksam, dass es auf der ganzen Welt noch eine Lohnungleichheit zwischen Männern und Frauen gibt, der sogenannte Gender Pay Gap. Frauen werden nach wie vor strukturell und wirtschaftlich benachteiligt und es ist beinahe unmöglich, als Frau das gleiche Gehalt wie die männlichen Kollegen zu bekommen oder wie sie im Job aufzusteigen. Zudem werden gleiche Qualifikationen völlig unterschiedlich zwischen den Geschlechtern bewertet. Frauen müssen extra hart für ihre beruflichen Ziele kämpfen, und wenn sie das tun, werden sie oft als „schwierig“ oder „zu ehrgeizig“ bezeichnet, Männer hingegen gelten bei gleichem Verhalten als „zielstrebig“ und „echte Führungspersönlichkeiten“. Der Gender Pay Gap wird in zwei Kategorien unterteilt. Man unterscheidet zwischen einem bereinigten und unbereinigten Gap, wobei beide zwar die Ungleichheit in der Bezahlung beschreiben, dabei allerdings unterschiedliche Daten zur Auswertung der Lohndifferenz heranziehen. Es ist kompliziert.
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Unbereinigte Pay Gap
Beim unbereinigten Gender Pay Gap erfasst das Bundesamt für Statistik die Gesamtheit der Lohnungleichheit zwischen den Geschlechtern. Dabei werden alle strukturellen Ungleichheiten berücksichtigt und ein Bruttodurschnittsgehalt ermittelt. Zur Zeit liegt das Durchschnittsgehalt der Frauen rund 21 Prozent unter dem von Männern. Das liegt vor allem daran, dass Frauen weniger oft leitende Positionen einnehmen oder in schlechter bezahlten Berufsfeldern wie Pflege und Service beschäftigt sind.
Bereinigte Pay Gap
Der bereinigte Pay Gap beschreibt die Lohndifferenz zwischen zwei Männern und Frauen mit vergleichbaren Referenzen. Wenn sich also ein Mann und eine Frau auf ein und den gleichen Job bewerben und vergleichbare Qualifikationen aufweisen, beide aber trotzdem unterschiedlich viel verdienen, haben wir es mit einem bereinigten Gender Pay Gap zu tun. In Deutschland ist liegt der bereinigte Gender Pay Gap bei 5,5 Prozent und ist somit gar nicht mal so klein.
Das Gender Pay Gap Experiment
Gemeinsam haben Jung von Matt/Saga und Terres des Femmes ein Experiment gewagt, das es so noch nicht gab. Sie schickten drei Transgender-Personen jeweils als Mann und als Frau ins gleiche Bewerbungsgespräch und wollten so herausfinden, wie groß der Unterschied zwischen den Geschlechtern nach wie vor ist. Für zwei wurden sogar fast identische Lebensläufe entwickelt, trotzdem bekamen beide Personen als Frau und als Mann jeweils völlig unterschiedliche Gehaltsvorschläge. In einem Video wird das Experiment ganz gut zusammengefasst. Die Kampagne fordert unter anderem eine allgemeine Quotenregelung und einen Auskunftsanspruch über Entgeldstrukturen in allen Unternehmen. Das heißt, dass Beschäftigte sich darüber informieren dürfen, was eine Person des anderen Geschlechtes in der gleichen Position im Unternehmen verdient. Bisher gibt es diese Möglichkeit nur für Unternehmen, die über 200 Leute beschäftigen. Außerdem sind auf der Webseite noch diverse Tipps aufgelistet, wie eine Frau ihr Gehalt im nächsten Bewerbungsgespräch bestmöglich verhandelt. Leni und Oliver haben an dem Experiment teilgenommen. Wir haben sie befragt, wie sie das Experiment erlebt haben.
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Ihr seid zweimal in das gleiche Vorstellungsgespräch gegangen. Wie viel Zeit lag zwischen den Gesprächen?
LENI: Bei mir war es am gleichen Tag und es lagen etwa vier Stunden dazwischen, aber sie haben trotzdem nicht erkannt, dass ich die gleiche Person war. Beim ersten Mal bin ich als Mann reingegangen und dann als Frau. In dem Moment, als der Personaler mir die Hand gegeben hat, gab es eine Sekunde, in der er mich quasi gescannt hat. Da dachte ich schon, dass er es gemerkt hat, aber es ist nicht aufgeflogen.
OLIVER: Die Interviews fanden innerhalb von drei Tagen statt. Ich glaube, ich bin an einem Freitag zum ersten Gespräch gegangen und am darauffolgenden Montag zum nächsten. Der Personaler und die anderen Personen in der Firma haben mich absolut nicht erkannt.
Inwiefern haben sich die Bewerbungen von einander unterschieden?
OLIVER: Die Bewerbungsschreiben wurden auch hier von der Produktion und den Leuten hinter der Kampagne verfasst. Die Frauenrolle hatte viel mehr Erfahrungen beim Militär, ein Berufsfeld, in dem meine beiden Charaktere Qualifikationen aufwiesen. Der Lebenslauf der Frau war dem des Mannes gleichwertig, konnte aber von dem Personaler wahrscheinlich nicht so erkannt werden, weil er mit den militärischen Begrifflichkeiten nichts anzufangen wusste.
Was war der größte Unterschied zwischen den beiden Gesprächen?
LENI: Ich hatte das Gefühl, dass der Personaler mich in der Frauenrolle nicht wirklich hat aussprechen lassen. Ich habe mich abgefertigt gefühlt. Ich habe geredet und dann hat er mich unterbrochen und die nächste Frage gestellt. Das ist mir in der Männerrolle nicht passiert. Da konnte ich viel ausschweifender antworten und mich selbst präsentieren. In der Frauenrolle war das alles knapper.
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OLIVER: In der Männerrolle musste ich meine Qualifikationen nicht beweisen, während ich in der Frauenrolle einen Online-Test ausfüllen musste. Als Mann waren meine Qualifikationen einfach ein gegebener Fakt, als Frau musste ich meinen Wert aber erst durch diesen Test beweisen, was ja einen Mehraufwand bedeutet und deutlich macht, mit welchen Schwierigkeiten sich viele weibliche Bewerberinnen konfrontiert sehen. Außerdem wurde mir in meiner männlichen Rolle nicht nur mehr Geld angeboten, sondern mir wurde auch gesagt, dass mein Gehalt zukünftig um das 1,5-fache steigen kann. In meiner Frauenrolle wurden mir das nicht angeboten. Der Personaler hat sich bei der männlichen Rolle fast schon für den Gehaltsvorschlag entschuldigt.
Haben sich die Fragen von einander unterschieden? Wenn ja, wie?
LENI: Nicht direkt. Das einzige, was er mich in meiner Frauenrolle gefragt hat, war, welches Sternzeichen ich denn sei. War komisch.
OLIVER: Mir wurde in der männlichen Rolle mehr Redezeit eingeräumt, um meine Qualifikationen anzupreisen. Ich hatte das Gefühl, dass der Personaler mir aufmerksamer zugehört hat, während ich in der Frauenrolle erst gar nicht nach meinen Qualifikationen gefragt wurde.
Wenn ihr die gleichen Antworten gegeben habt, hat euer Gegenüber jeweils gleich reagiert?
LENI: Ich hatte das Gefühl, dass er mich in meiner Frauenrolle schon eher lenken wollte. Es ging in der angebotenen Position auch darum, ob man lieber in Berlin oder einer anderen Stadt die Position annehmen möchte. Ich habe mehrmals gesagt, dass es mir lieber wäre in der anderen Stadt zu arbeiten. Als Frau wollte er schon eher, dass ich in Berlin bleibe. Als Mann hat er einen Ortswechsel sofort akzeptiert. Es wurde in der Männerrolle mehr auf meine Wünsche eingegangen.
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OLIVER: ​Der Personaler war freundlicher, ein besserer Zuhörer und hat in meiner Männerrolle auch offener mit mir gesprochen. In der Frauenrolle wurden meine Aussagen eher angezweifelt und der Personaler war viel zurückhaltender.
Wie wurde der je weile Gehaltsvorschlag begründet?
LENI: Damit, dass das eben das Einstiegsgehalt sei und da noch Luft nach oben ist. Jetzt wusste ich natürlich, als ich das zweite Mal als Frau in das Gespräch gegangen bin, dass ich als Mann mehr bekommen hätte, aber das konnte ich ja leider nicht als Argument nutzen, damit das Experiment nicht auffliegt. Deshalb musste ich mich dann mit dem Gehalt zufrieden geben und habe auch nicht nachverhandelt.
OLIVER: ​Der Vorschlag wurde gar nicht begründet. Mich hat am meisten überrascht, dass das Gehalt bei der männlichen Rolle so viel höher ausfiel als das der Frau. Ohne Erklärungen. Verhandlungen gab es auch keine.
Wie viel hättest du mehr bekommen als Mann?
LENI: Ich hätte 400 Euro Brutto mehr im Monat bekommen.
OLIVER: Als Mann hätte ich 43.646 Euro im Jahr bekommen, als Frau 31.175 Euro. Auf einen Stundenlohn runter gerechnet waren das 15-17 Euro als Frau und 20,50-21 Euro als Mann. Als Mann wurde mir gesagt, dass das Gehalt gestaffelt sei und sich zukünftig noch steigern wird. Als Frau gab es keinerlei solcher Versprechen, obwohl es sich um ein und dieselbe Position handelte.
Welche Tipps hast du persönlich für Bewerberinnen?
OLIVER: Der beste Rat, den ich geben kann, ist selbstbewusst in ein Vorstellungsgespräch zu gehen. Also sollte man sich auf jeden Fall informieren, wie viel in dem angestrebten Job ungefähr bezahlt wird und bis zu welcher Summe man verhandeln kann. Man sollte sich über seinen Wert im Klaren sein und diesen im Zweifel auch mit Nachdruck in einem Vorstellungsgespräch deutlich machen und welchen Vorteil man der Firma bringt. Auf der Terre de Femmes-Webseite gibt es noch viele weitere nützliche Tipps. Ich kann nicht oft genug betonen, wie wichtig eine gründliche Recherche ist. Selbst Tariflöhne bieten Raum für Verhandlungen nach oben, da der Lohn hier von der Gruppe abhängt, in die man eingestuft wird.
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Was ist mit Frauen, die nicht so extrovertiert oder schüchtern sind?
LENI: Wenn man schüchtern ist und nicht so gut verhandeln kann, kann man sich seine Argumente vorher ja aufschreiben. Was kann ich besser als andere? Wieso verdiene ich es, mehr zu verdienen? Dann kann man sich da besser strukturieren und viel besser argumentieren. Es gibt ja sogar Plattformen, auf denen Leute ihre Erfahrungen mit bestimmten Firmen teilen. Ich kenne das auch noch von früher bei meinen Studentenjobs, ich habe mich auch nie getraut beim Bewerbungsgespräch das Gehalt auch nur zu erfragen. Dabei ist das ja nichts Schlechtes.
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