Warum ich durch den Brazilian-Butt-Lift den Glauben an Ärzt*innen verlor

Foto: Ashley Armitage
Abends beim Durchstöbern meines Instagram-Feeds entdeckte ich die Insta Stories der Influencerinnen Sandra Lambeck und Tali Quindio. Beide erzählten von einem operativen Eingriff, den sie jeweils machen ließen – dem Brazilian-Butt-Lift. Kurzzeitig überkam mich ein kleiner Schock, da es mir schwerfiel nachzuvollziehen, wieso sie sich einer Operation unterzogen haben. Mein zweiter Gedanke war dann aber doch objektiver. Denn die Beweggründe dahinter sind mir nicht bekannt, also ließ ich mein vorschnelles Urteil wieder fallen. Mein dritter Gedanke führte mich zu der Recherche, was es mit dem Brazilian-Butt-Lift eigentlich genau auf sich hat.

Der Brazilian-Butt-Lift

Als Brazilian Butt Lift (kurz: BBL) bezeichnet man eine Po-Vergrößerung mit Einsatz von eigenem Körperfett. Das Fett wird gezielt an den gewünschten Stellen abgesaugt und exakt dort hineingespritzt, wo die Vergrößerung erwünscht ist. Das Interessante am BBL ist, dass bei einer professionellen OP nicht nur das Fett, sondern auch die Fettzellen, in denen es schwimmt, transferiert werden. So kann sich das Fett nicht woanders im Körper verteilen und den gewollten BBL-Effekt wieder abklingen lassen.
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An der abgesaugten Stelle bildet sich kein neues Fett mehr, da die Zellen dafür nicht vorhanden sind. Klingt definitiv nach einer natürlicheren Variante als beispielsweise das Einsetzen von Implantaten. Nach dem Eingriff heißt es mehrere Wochen Schonfrist und Kompressionshosen tragen. Bei professioneller und erfolgreicher Behandlung hat der BBL eine langfristige Wirkung. Der Eingriff liegt in der Regel zwischen 4.000 € und 8.000 €.

Dass Frauen* hier als „Stellas" betitelt werden und diese den Sexismus mit euphorischen Kommentaren feiern, ist nur die Kirsche auf der Sahnetorte

Mit der Neugierde wuchs die Verwirrung

Nachdem ich mich über die Methode per se informiert hatte, musste ich erfahren welche Ärzte für diesen Eingriff bekannt sind. Hier überkam mich das Schockgefühl erneut und wer gerade diesen Artikel liest und dabei gemütlich ein paar Snacks zu sich nimmt, sollte sich darauf einstellen, dass diese gleich viel weniger gut schmecken werden.
Ich habe die Instagram-Accounts von Dr. Samary aus Düsseldorf (DE) und Dr. Michael Salzhauer aus Miami (USA) entdeckt. Mit Sicherheit sind sie nur zwei von Hunderten Ärzt*innen, die visuelle Vorteile von Social Media für ihre Arbeit nutzen, aber der Anblick hat gereicht, um mir den Glauben an die Ethik und Moral von Schönheitschirurg*innen zu nehmen.
Diese Instagram-Feeds mit bis zu 800.000 Followern(!) zeigen Fotos und kleine Videos mit Vorher-Nachher-Bildern der entsprechenden Eingriffe. Videos einer Fettabsaugung an den Innenseiten der Oberschenkel oder die Endergebnisse diverser BBLs. Die Gesichter der Patient*innen sind in der Regel nicht zu sehen. Aber Boomerangs, Bitmojis mit „poppin' Champagne bottles“ und das Funkeln der KiraKira+ App dürfen natürlich nicht fehlen. Und was wären diese Bilder ohne einen richtig guten Beat? Also werden sie direkt mal mit einem funky Technobeat unterlegt. Dass Frauen* hier als „Stellas“ betitelt werden und diese den Sexismus mit euphorischen Kommentaren feiern, ist nur die Kirsche auf der Sahnetorte.
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Ich habe mich dabei erwischt, wie ich lachte. Nicht, weil es mich amüsiert hat, sondern weil ich geschockt, völlig irritiert aber zugleich auch entertaint war. Leider. Ich konnte nicht aufhören mir die Bilder anzuschauen und diesen sogenannten „Ärzten“ noch mehr Klicks zu geben. Etwas, das mich ärgert und ganz eindeutig zeigt, wo das Problem liegt.

Schönheits-OPs zwischen Entertainment, Moral und Ethik

Vor einigen Jahren schienen Operationen in jeglicher Hinsicht etwas Privates zu sein. Egal ob nur ein Leberfleck entfernt oder gebrochenes Bein operiert wurde, es gab keine Veröffentlichungen.

Dass der Körper neben dem Gedankengut, das Intimste ist, das ein Mensch besitzt, wird unerheblich. Der Körper wird zur Showbühne für instagramable Posts.

Mittlerweile ist die plastische Chirurgie in den sozialen Netzwerken angekommen. Schönheitschirurg*innen prahlen mit den Ergebnissen, der Leichtigkeit der Eingriffe und machen OPs mainstream-tauglich. Dass dahinter aber zum Teil riskante Operationen stehen, die plastische Chirurgie zur Unfallchirurgie gehört und Menschen sich unter Vollnarkosen befinden, geht hierbei völlig verloren.
Die traurige Realität erlaubt es den Ärzt*innen sogar. Die Rechtsanwälte Wiencke & Becker aus Köln veröffentlichten erst im November 2017 Informationen der Handhabung von Patientenfotos. Diese besagt: „Im Zusammenhang mit der Werbung für die ärztliche Tätigkeit ist es inzwischen rechtlich zulässig [...] Vorher- und Nachher-Bilder von Patienten auf der Praxishomepage zu veröffentlichen oder in der Praxis auszustellen“. Ärzt*innen werden rechtlich zum Urheber der Lichtbilder, wenn sie diese selbst schießen und erwerben damit umfassende Rechte an diesen. Das Recht am eigenen Bild des/der Patienten/in zwingt die Urheber allerdings dazu, eine Einwilligung der Patient*innen einzuholen. In einem Interview bestätigt Dr. Samary: „Die Patienten bekommen ein Formular zu Bildveröffentlichung und unterschreiben dieses, können aber Einschränkungen für die Nutzung vorgeben".
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Mir leuchtet ein, dass in Zeiten von Instagram und Snapchat visuelle Eindrücke unverzichtbar geworden sind. Ich werde jedoch nie verstehen können, weshalb Menschen in diese Form der Veröffentlichung einwilligen. Braucht die Gesellschaft wirklich das Innenleben eines Gesichts im Instagram-Feed, um zu verstehen wie ein Face-Lifting funktioniert? Oder Hintergrundmusik und Bitmojis, die Operationen zu einer Party machen, die mehr dem Entertainment statt der Informationsvermittlung dienen, und alle feministischen Anstrengungen unzähliger Frauen zunichtemachen?
Ist es nicht absurd, dass Instagram-Bilder von nackten Frauen* verbannt aber das Innenleben eines Menschens mit einem blauen Häkchen belohnt wird?
Ärzt*innen werden mit dem Begriff „Hilfe“ assoziiert. Aber nachdem ich diese Videos gesehen habe, in der Körper zur geschmacklosen Werbefläche werden, kann ich nicht mehr daran glauben, dass es den Ärzt*innen in erster Linie darum geht zu helfen und nicht um Gewinne zu erzielen.
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