303 beweist, dass die Sekunden vorher tatsächlich schöner sind als der Kuss selbst

Foto: Alamode Film
Für viele ist das, was Hans Weingartner (Die fetten Jahre sind vorbei) in 303 mit extrem viel Liebe zum Detail aufzeigt, die absolute Traumvorstellung eines Urlaubs: Man nehme einen alten Bulli, etwas Proviant, aber wenig Zeug und fahre los. Im Fall von Jule (Mala Emde), die genau so unterwegs nach Portugal ist, kommt da noch ein Fremder hinzu. Jan (Anton Spieker) muss trampen und ist grob in dieselbe Richtung unterwegs. Die junge Studentin zögert vorerst und hinterfragt ihre Entscheidung, ihm die buchstäblich einzige Tür ihres geliebten Mercedes O 303s geöffnet zu haben. Liebe auf den ersten Blick? Fehlanzeige! Aber irgendwie können sie sich ganz gut riechen und es stellt sich schnell heraus, dass dieser Roadtrip beiden mehr Antworten auf längst fällige Fragen geben würde, als sie vielleicht je bereit gewesen wären, sich allein zu stellen.
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303 ist eine Reise durch Europa, die dort aber nicht endet

Und so beginnt eine Reise durch ein malerisches Belgien, Frankreich, Spanien und Portugal, die sich Zeit nimmt. Jede vom ikonischen Wohnmobil mit Leichtigkeit überquerte Kreuzung zeigt mehr und mehr Schönheit in der Natur und im Menschen auf, und während der Motor sein Bestes gibt, tut dies auch Weingartner. Mit einer deutschen Sprache, die schöner wohl kaum einzusetzen ist als in endlos, aber nicht rastlos scheinenden Dialogen zweier junger Menschen, die die Welt mit all ihren Missständen auch in so jungen Jahren schon recht gut verstanden haben und doch mit den vermeintlichen Antworten unzufrieden scheinen. Mit einer Weltanschauung die so brandaktuell ist, dass man kaum glauben kann, was die Darsteller*innen beim Interview verraten: „Das Drehbuch und die Idee für diesen ganz besonderen Roadmovie gibt es bereits seit 20 Jahren.“ Doch 2018 – das manchmal von sofort geforderter und auch sofort gegebener Befriedigung und Egozentrik geprägt sein kann – ist der perfekte Zeitpunkt für diesen Film, den kaum jemand ohne ins Nachdenken zu geraten verlassen werden kann.
Nachdenken über mehr Draußensein in der Natur und unter Menschen statt drinnen auf der Couch mit Instagram oder Tinder auf dem Smartphone-Bildschirm. Mehr Ruhe und Geduld statt Termine und Gehetze. Mehr Mit- statt Gegeneinander und viel mehr langsame, aber dafür echte Liebe.

Es ist eine Entscheidung, ob man jemanden stufenweise kennenlernen möchte oder einfach nur auf der Jagd nach der nächsten Möglichkeit ist – sei es jetzt sexuell oder beziehungstechnisch.

Anton Spieker
Miteinander ist ein gutes Stichwort, denn es ist ein zentrales Thema in 303. Auf das für mich recht einsame Schauen des Filmes im Büro folgt ein Interview im Freien mit Emde und Spieker, das sich eher anfühlt, wie das Genießen netter Gesellschaft in einem Berliner Café in Spreenähe, während man über die zahlreichen Themen, die im 145-Minüter aufgegriffen werden, gemeinsam philosophiert. „Das Drehbuch gibt mit seinen 180 Seiten so viel her, ohne dabei nur an der Oberfläche zu kratzen“, erinnert sich Emde. Wie wahr. Jule und Jan beschnuppern sich (im wahrsten Sinne des Wortes) und die Ansichten des*der jeweils anderen so charmant, spielerisch und doch erwachsen und tiefgründig, dass man ihnen an den Lippen hängt.
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303: Ein Plädoyer für die langsame Liebe & die Sekunden vor dem ersten Kuss

Ähnliches passiert mir bei Emde und Spieker. Letzterer ist eher ein Fan der langsamen Liebe und hat für Dating-Apps wenig übrig: „Ich finde es absurd, dass es Programme gibt, die dir sagen, zu wie viel Prozent jemand dein Match ist – als ob Liebe ein mathematischer Algorithmus ist. Ich glaube, dass es eine Entscheidung ist, ob man jemanden stufenweise kennenlernen möchte oder einfach nur auf der Jagd nach der nächsten Möglichkeit ist – sei es jetzt sexuell oder beziehungstechnisch.“ Emde fügt hinzu: „Dabei entsteht so ein Druck sich verlieben zu müssen. Jule und Jan haben diesen nicht, ganz im Gegenteil – sie nehmen sich Zeit und die schafft Vertrauen. Sie lernen sich kennen und haben einfach Lust miteinander zu reden.“
Ich fühle mich neben den Zweien fast wieder wie im Kino und könnte noch stundenlang ihren Gesprächen lauschen. „In viele Themengebiete des Filmes, wie die Idee von Konkurrenz versus Kooperation, die Komplexität der DNA und das Phänomen 'jemanden gut riechen zu können' haben wir uns beide tiefer eingelesen.“ Das habe ich auch und möchte den Film definitiv zum zweiten Mal in Gemeinschaft schauen, um danach bei einem Glas Wein an der Spree wieder so schön philosophieren zu können. Aber dann bitte mit jemandem, der meinen ganz individuellen Riechtest bereits bestanden hat.
Wer tatsächlich gerade in der Urlaubsplanung steckt und sich auf die Spuren von Jule und Jan begeben möchte, kann Weingartners 3.826 Kilometer lange Route exakt nachfahren. Verlieben wird man sich dabei mit ziemlicher Sicherheit – ob in seine*n Beifahrer*in, die Landschaft oder gar beides, bleibt abzuwarten. Hier gehts zum Plan.
303 läuft ab Donnerstag, den 19. Juli in den Kinos.
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