Ungewollt schwanger: Ich habe abgetrieben und bereue es bis heute

„Es waren die längsten Minuten meines Lebens. Kein Witz, es kam mir so vor, als wäre der Sekundenzeiger immer schwerer geworden, nur mühsam schleppte er sich weiter“, erzählt mir Sina* aufgebracht. Und dann war er da, der Strich. Der, der da nicht sein sollte. Sina war 26, als sie ungewollt schwanger wurde. „Also in einem Alter, in dem man die Verantwortung für ein Kind schon tragen kann, das meinen zumindest viele meiner Freunde und sicherlich auch ein Großteil der Gesellschaft“, sagt sie mir, die heute 32-Jährige, in einem kleinen Café in Berlin. Sechs Jahre ist es her, dass sie sich gegen das Kind entschieden hat, ein Kind, das sowieso nie geplant war. Sina und ihr Ex-Freund waren damals gerade ein knappes Jahr zusammen. Sie nahm die Pille und hatte kurz vorher eine Blasenentzündung. „Ich habe den Arzt noch gefragt, ob ich zusätzlich verhüten muss, wegen des mir verschriebenen Antibiotikums“, erzählt sie leise. „Aber er meinte, das sei so schwach, da gäbe es kein Risiko.“ Wenige Wochen später war Sina schwanger. Inmitten ihres unbeschwerten Studentenlebens. In einem Leben voller Partywochenenden, Abenden mit Freunden, Kurztrips ans Meer oder Fernreisen nach Thailand.
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Als der Strich, der da nicht sein soll, auftaucht, sinkt sie auf die Knie. Der Badezimmerteppich ist weich und flauschig, aber Sina spürt nur Kälte und Härte und merkt, wie sie mit der Stirn immer wieder gegen den Badewannenrand schlägt.

„Ich hatte vorher noch nie einen Schwangerschaftstest gemacht, habe nie ohne Kondom mit jemandem geschlafen, ohne dass wir vorher einen Aidstest gemacht haben, ich habe nie meine Pille vergessen“, sagt sie heute und wirft die Stirn in Falten. „Eine Schwangerschaft war für mich in etwa so weit entfernt, wie der Gedanke an meine Rente.“ Sie wirkt verantwortungsbewusst, wie sie so da sitzt und mir direkt in die Augen blickt. Sie, die den Arzt sogar noch gefragt hatte, weil sie eben nicht naiv war, sondern die Risiken kannte und vor allem wusste, was sie auf gar keinen Fall wollte: schwanger werden. „Aber seinem Arzt, dem glaubt man doch, oder?“, fragt sie mich und versinkt ein bisschen tiefer im Sessel, der auch bei meinem Großvater im Wohnzimmer stehen könnte. Jahrelang hat sie sich selbst gescholten, nicht noch mal in der Packungsbeilage nachgelesen zu haben. Hat immer wieder gedacht: Wenn ich einfach nur noch mal nachgesehen hätte.
Ihre Entscheidung stand schnell fest: Ich treibe ab. „Ich weiß, dass jeder zu dem Thema eine Meinung hat. Auch ich hatte eine, bevor mir das selbst passiert ist. Aber niemand kann auch nur ansatzweise nachvollziehen, wie das ist, ohne es selbst durchlebt zu haben“, erklärt die studierte Kulturwissenschaftlerin, während ihr Blick getrieben durch den Raum huscht, bis er an mir hängen bleibt.
Als der Strich, der da nicht sein sollte, auftauchte, sank sie auf die Knie. Der Badezimmerteppich war weich und flauschig, aber Sina spürte nur Härte und merkte, wie sie mit der Stirn immer wieder gegen den Rand der Badewanne schlug. „Mein ganzer Körper war ein Bündel der Ablehnung gegen das, was da in mir wachsen sollte. Tobi* und ich kannten uns ein knappes Jahr. Er hat Soziale Arbeit studiert, aber eigentlich nur, damit er weiter Unterstützung von seinen Eltern bekommt. Das war nichts Halbes und nichts Ganzes zwischen uns und für mich eigentlich vorbei – und das, obwohl es kaum angefangen hatte.“ Sina schlief eine Nacht darüber, eine zweite und eine dritte und dachte immer noch, das Kind muss weg. Ich will das nicht.
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Er hat mich gefragt, ob ich keine Kinder mag und gesagt, dass das okay wäre. Sowas wäre meist so, weil man keine eigenen hätte. Dann habe ich nur noch geheult. Sie war in etwa so alt, wie mein Kind, wenn ich es ausgetragen hätte.

Sina
Also trieb sie ab – so schnell wie möglich. „Als ich Tobi von dem Kind erzählt habe, ist sein Gesicht komplett entgleist. Er wollte es noch weniger als ich, sofern das überhaupt möglich war.“ Nur wenige Wochen nach den Gesprächen bei den Beratungsstellen und der Abtreibung zerbrach das Beziehungskonstrukt der beiden. „Ich war tieftraurig in der Zeit. Nicht wegen Tobi, sondern wegen der Sache an sich. Ich wusste, dass es so, wie es war, okay war, aber ich habe mich schuldig gefühlt. Und war voller Schmerz.“
Mit der Zeit wurde es dann besser – bis sich der Abtreibungstag zum ersten Mal jährte. Und Sina in ein Loch riss. „Ich bin aufgewacht und dachte, heute ist es ein Jahr her. Es ist ein Jahr her, dass ich ein Leben, das irgendwie existiert hat, wenn auch nur als kleiner Zellhaufen, zerstört habe“, sagt sie leise und blickt auf ihre zierlichen Hände, die an ihrer Jeans herumnesteln. „Ich konnte es mir nicht verzeihen.“ Die Wochen nach dem Jahrestag erlebte Sina wie hinter einem Milchglas. Sie funktionierte, schrieb ihre Abschlussklausuren, ging zu Geburtstagsfeiern und Coffee-Dates, hielt ihre Wohnung in Ordnung, telefonierte mit ihren Eltern in Bayern, die bis heute nichts von der Abtreibung wissen. „Ich weiß nicht, ob sie mich mehr für die ungewollte Schwangerschaft verurteilt hätten oder für die Abtreibung. Beides hätte ich nicht ertragen, meine eigenen Schuldgefühle waren groß genug“, sagt sie. Man merkt, dass ein Schleier auf ihr lastet, auch heute nach sechs Jahren noch. Einer, der ihr ein bisschen ihrer Unbeschwertheit zu nehmen scheint und sie blockiert. Das weiß Sina selbst: „Menschen, die mich nach diesem rabenschwarzen Tag kennengelernt haben, halten mich für schwermütig und melancholisch. Dabei war ich das nie.“
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Drei Jahre nach der Abtreibung lernte Sina Janusz kennen. Der blickte hinter ihre Verschlossenheit, hinter die Mauer, die sie sich aufgebaut hatte – und wurde ihr Freund. Nach einem halben Jahr gestand er ihr, dass er eine kleine, dreijährige Tochter hat. Als Sina sie kennenlernte, fühlte sie sich befangen. Als sie abends wieder bei Janusz waren, schwieg sie. „Er hat mich gefragt, ob ich keine Kinder mag, und gesagt, dass es okay wäre. So wäre es meist, wenn man keine eigenen hätte. Dann habe ich nur noch geheult. Seine Tochter war in etwa so alt wie mein Kind, wenn ich es ausgetragen hätte.“ Janusz war der Erste, dem Sina ihre Geschichte erzählte. Sie kam sich lächerlich vor, weil es doch schon drei Jahre her war. Aber Janusz fand nichts lächerlich, sondern nahm sie in den Arm und sagte, dass es okay sei. Am nächsten Tag lag auf dem Tisch die Telefonnummer einer Psychotherapeutin.
Es ist das Beste, was Sina seitdem widerfahren ist. Die Therapeutin half ihr, mit ihrer Trauer umzugehen, die Schuldgefühle abzulegen, die Schwermütigkeit zu ergründen. Nur bei einer Sache kann sie nur begrenzt helfen: bei der Reue.

Ich bin trotzdem unendlich glücklich, dass ich als Frau in einem Land lebe, in dem ich abtreiben darf und nicht wie in einige Ländern der Welt dafür bestraft werde.

Sina
„Ich bereue diese Abtreibung. Vielleicht hätte ich es damals geschafft – wahrscheinlich nicht nur vielleicht, ich hätte es geschafft“, sagt sie fast ein wenig trotzig. „Ich hatte zu viel Angst, ich habe mich gesträubt. Ich habe zwar drüber geschlafen, aber den Gedanken an alternative Lösungen keinen Raum gelassen. Weder an ein Austragen und die Möglichkeit der Adoption, noch daran, es zu behalten.“ Auch heute noch, drei Jahre nachdem Janusz ihr die Nummer der Therapeutin hingelegt hat, geht sie hin und lernt, mit dem Gefühl der Reue umzugehen. „Meine Therapeutin tut mir gut, sie hilft mir und sucht mit mir auch die Gründe für das Gefühl, dass ich einen Fehler gemacht habe“, sagt Sina mit einem zurückhaltenden Lächeln. „Ich muss einfach akzeptieren, dass das mein Leben ist. Und dass ich es so entschieden habe.“ Obwohl sie sich damals gegen das Kind entschieden hat und es heute bereut, ist Sina keine Abtreibungsgegnerin. „Ich bin trotzdem unendlich glücklich, dass ich als Frau in einem Land lebe, in dem ich abtreiben darf, und nicht wie in vielen anderen Ländern der Welt dafür bestraft werde“, sagt sie. „Aber ich würde anderen Frauen empfehlen, sich Zeit zu nehmen.“ Sie habe damals nur gewollt, dass es schnell geht, und deswegen auch die Beratungsgespräche, so schnell es ging, hinter sich gebracht. „Auch weil ich dachte, dass ich nicht mehr daran denke, wenn es schnell weg ist. Heute würde ich mir mehr Zeit nehmen. Um darüber nachzudenken, ob es vielleicht noch andere Lösungen gibt. Wenn es keine anderen Lösungen gibt, kann man sich immer noch gegen das Kind entscheiden.“
Als wir uns verabschieden, drückt sie kurz meine Hand. Es hat lange gedauert, bis sie bereit war, sich mit mir für ein Interview zu treffen. Aber jetzt ist sie erleichtert. „Vielleicht hat mir das auch geholfen auf meinem Weg.“ Ich blicke ihr nach. Als sie die Tür des Cafés aufstößt, um ins Freie zu treten, hilft Janusz ihr. Er hat die ganze Zeit draußen gewartet und hat ein kleines Mädchen an der Hand, vielleicht sechs oder sieben. Er nimmt Sina in den Arm und obwohl ich sie nicht kenne, habe ich das erste Mal in den letzten anderthalb Stunden das Gefühl, dass ihr Gesichtsausdruck friedlich ist.
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