„Alles ist schon kompliziert genug, da will ich nicht auch noch scheiße aussehe“

Dieser Artikel erschien zuerst bei Neon / Instagram / Facebook 
NEON trifft bis zur Wahl junge Politiker dort, wo sie offen reden: in der Kneipe. Julia Schramm erzählt, wie sie Marx und Designertaschen vereinbart.
Patrick Desbrosses
Julia Schramm blieb den ganzen Abend beim Weißwein. Sechs Stunden diskutierte sie mit NEON über die deutsche Politik und das große Ganze.
Ein Montagabend im März. Hinter der Kottbusser Brücke in Berlin leuchtet an einem frei stehenden Backsteinhaus ein blauer Anker. Die Kneipe heißt Ankerklause. Ziemlich maritim dafür, dass hier nur der Landwehrkanal fließt. Drinnen sitzt die Politikerin Julia Schramm, 31, bekannt geworden als ein Gesicht der Piratenpartei, als Verfechterin eines liberalen Urheberrechts und als Twitter-Stimme. Sie hat über 18.000 Follower. 2016 wechselte sie mit anderen Piraten zur Linken, nun ist sie im Landesvorstand der Partei in Berlin.
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Die Ankerklause ist charmant abgeschrabbelt, es liegt Rauch in der Luft, man bestellt am Tresen. Wir ordern Weinschorle beziehungsweise Bio-Riesling aus Rheinhessen, dazu Mineralwasser, "dann bekommt man den besseren Wein", sagt Schramm. Für die Ankerklause hat sie sich entschieden, einfach weil sie "da mal hinwollte". Sie ist die erste Politikerin, die NEON in der Serie "Auf ein Glas mit …" porträtiert. Bis zur Bundestagswahl stellen wir in jeder Ausgabe junge Politiker vor, die für den Bundestag kandidieren.

Julia Schramm: "Eh schon alles kompliziert genug"

Wir setzen uns. Natürlich sind die Zeiten, in denen man Menschen ihre Parteizugehörigkeit sofort ansah, längst vorbei. Das macht ja alles so kompliziert. Auch inhaltlich verschwimmen die Grenzen immer mehr. Neben Schramm steht eine cognacfarbene Designertasche von MCM, die im Laden um die 600 Euro kostet. Rosa Top, schwarze Herzchen, Designertasche - das ist dann irgendwie trotz allem überraschend. "Ach, es ist eh schon alles kompliziert genug, da will ich nicht auch noch scheiße aussehen", sagt Schramm. Schlagfertig ist sie.
Und, wie ist es bei den Linken? "Ich fühle mich da sehr wohl", sagt sie. Zum Warmwerden die Klassiker: Regierungsbeteiligung der Linken, falls Martin Schulz, SPD, Kanzler werden sollte? "Ja, aber nur, wenn die SPD das Thema soziale Gerechtigkeit auch wirklich ernst meint." Linke tun sich ja mit dem Konstrukt des Nationalstaates schwer. Ihr Deutschlandverständnis? Wir reden eine knappe Stunde darüber. Um es kurz zu machen: Sie ist gegen Nationalgrenzen, aber für Verwaltungseinheiten, darüber hinaus sei Deutschland halt eine Kulturgemeinschaft, "antideutsch" sei sie nicht, sie macht und machte aber gerne mal antideutsche Witze.
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Mal ganz konkret: Wenn sie Bundespräsidentin würde, würde sie dann bei der Vereidigung die Nationalhymne singen? Sie überlegt. "Ich denke, ich würde die Hymne nicht singen. Aber sie können sie gerne spielen." Bereut sie, dass sie den provokanten Reim "Sauerkraut, Kartoffelbrei, Bomber Harris, Feuer frei" twitterte? Der Brite Harris ordnete Bombardements deutscher Städte an. Nein, es sei einfach ein Gag gewesen. Er wurde wahnsinnig oft retweetet. Ich meine, etwas Stolz zu erkennen.
Ein Obdachlosenzeitungsverkäufer kommt zum Tisch, es ist klar, dass Schramm ihm etwas geben muss. Tut sie auch. Fünf Minuten später kommt ein Mann vorbei, der Süßes gegen eine Spende anbietet. Schramm kauft uns Raffaello.

"Klick mich" und "Fifty Shades of Merkel"

Die Politikerin hat zwei Bücher veröffentlicht, sie haben die unfassbaren Titel "Klick mich" und "Fifty Shades of Merkel". Fürs erste Buch soll sie 100.000 Euro bekommen haben, dementiert hat sie die Summe nie. Und was hat sie mit dem Geld gemacht? "Ich konnte mir eine Weile praktisch selbst ein bedingungsloses Grundeinkommen zahlen und habe unter anderem ein Marx-Seminar belegt. Ich habe das 'Kapital' komplett gelesen. Der dritte Band war recht spannungsarm." Von dem Honorar, das sie von einem Verlag aus dem Bertelsmann-Konzern bekommen hat, finanzierte sie sich also das Marx-Studium. Dass das eine gewisse Ironie hat, gibt sie zu. "Ich bin ja auch Teil des Systems, ich muss wie jeder Mensch einer Lohnarbeit nachgehen. Aber das bedeutet nicht, dass ich nicht dagegen sein kann. Es ist einfacher, Missstände aus einer privilegierten Position zu bekämpfen", sagt sie. Es ist wie mit der Tasche: Schramm sieht keinen Widerspruch darin, sich für Arme einzusetzen und eine Monatsmiete am Arm zu tragen. Ist es einer? Oder ist das nur ungewöhnlich?
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Angela Merkel soll mal gesagt haben, Schramm müsse noch "viel über die Welt lernen". Schramm hat kein Problem damit, zuzugeben, dass sie oft naiv war. Es kommt noch ein Obdachlosenzeitungsverkäufer vorbei. Schramm hat kein Bargeld mehr, es tut ihr leid. Manchmal scheitert die Umverteilung ganz banal.
Ihr rosa Oberteil sei übrigens von der Billigkette Primark, sagt Schramm. "Ich habe mich damit beschäftigt, und die Produktionsbedingungen sind auch nicht schlechter als bei H&M." Ich: "Kann das der Standard sein?" Sie: "Ich glaube, an der Primark-Kritik schwingt ganz viel Armenverachtung mit." Die Diskussion sei bei vielen Grünen elitär. "Viele Arme können sich einfach keine teuren Klamotten leisten und freuen sich über bezahlbare Mode." Man kann sagen, was man will, es ist ein interessantes Argument.
Um zehn Uhr essen wir Pommes. An den Fingern trägt Schramm mehrere Ringe, einer sieht aus wie Lady Dis Verlobungsring. "Das ist mein Scheidungsring!" Ach? "Ja, den habe ich mir selbst geschenkt." Sätze, die man nicht so oft hört.
Solche Sätze sind es, über Privates und Politik, die einen Abend mit Schramm interessant machen: Sie hat neue Ideen, selbst gedachte Meinungen, nicht nachgeplapperte. Ihr Exmann Fabio Reinhardt, ein Piraten-Politiker, und sie hätten sich schon vor Längerem getrennt, es habe nur niemand mitbekommen. Auf Wikipedia steht noch, dass die beiden verheiratet sind. "Die Scheidung hat sich etwas dahingeschleppt." Seit Januar ist sie vollzogen. Das letzte Jahr war nicht einfach für Schramm. Scheidung, Parteiwechsel, und vor einem halben Jahr brachte ihr Ex-Piraten-Kollege Gerwald Claus-Brunner einen 29-jährigen Mann bestialisch um, er wurde der "Sackkarren-Mörder". Er hatte Schramm oft beleidigt. Sie sagt, sie habe seine Abgründe gespürt, habe gemerkt, dass er "troubled" sei. "Zuerst ging man ja nur von Suizid aus, und ich hab eine Träne verdrückt. Dann kam täglich mehr ans Licht. Das hat mich mitgenommen."
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Fünf Heiratsanträge von fünf Männern

Es ist nun nach Mitternacht, die Themen werden leichter. Schramm erzählt, wie sie einmal Herlind Kasner auflauerte, Angela Merkels Mutter, die an der VHS Englischkurse gibt. Sie wollte sie für ihr Buch interviewen, vergeblich. Ganz schön viel Merkel in Schramms Leben. Sie plaudert weiter, erinnert sich, dass ihre Grundschullehrerin ihr mal eine Schreibmaschine geschenkt hat. Dass sie fünf Heiratsanträge von fünf Männern bekommen hat. Kein schlechter Schnitt. Gerade fastet sie "Selfies und Männer". Selfies, weil sie "mehr über Inhalte wahrgenommen" werden möchte, und Männer, weil sie sich auf sich selbst konzentrieren will.
Das mit dem Männerverzicht ist sicher auch nicht einfach für den Nazi, der ihr ein Liebesgedicht mailte, das Schramm nun rezitiert. Er, der Rechte, liege wegen ihr, der "kalten Linken" , nachts wach. Das Gedicht endet damit, dass sie bald "gemeinsam" für "unser schönes Abendland" kämpfen. Die Stimmung ist bestens. Um zwei Uhr zieht Schramm ihren kamelfarbenen Mantel an, den sie für 15 Euro bei Primark gekauft hat. Die Naht im Innenfutter ist gerissen, sie hat sie selbst geflickt. Im Zickzack. Nicht perfekt, aber eigen.
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