Warum mich das Comeback der Backstreet Boys gleichzeitig freut & beschämt

Foto: GettyImages/ Tim Roney
Backstreet Boys oder N'SYNC: In den späten 90'er Jahren musste man sich entscheiden – zumindest wenn man Fan von Basic-Bubblegum-Pop war. Und das war ich zweifelsohne. Mir hatte es Nick Carter sofort angetan. Seinem Bubi-Haarschnitt, dem süßen Lächeln und expressiven Kiefer, und vor allem einer Stimme, die ohne Umwege direkt in mein kleines naives Herz traf, war ich spätestens im zarten Alter von zehn Jahren komplett verfallen. Bevor ich Hüfthosen tragend und in die Haarbürste Klänge von Britney Spears hauchend vor dem Spiegel stand, rastete mein vorpubertierendes Ich völlig aus, wenn As Long As You Love Me im Radio lief. Was Liebe war, wusste ich damals nicht, schwärmen hingegen konnte ich schon wie ein Profi. In meinem Elternhaus, irgendwo neben den Diddl-Blättern, durchsichtigen Plateau-Sandalen und unzähligen Briefbüchern, liegen bis heute alle, ausnahmslos ALLE Single-Auskopplungen und Alben in CD-Form. Millenium war mein Ein und Alles. Jetzt wo ich drüber nachdenke, sollte ich diese Kiste mal herauskamen. Ist das nicht alles wieder trendy?
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Backstreet's Back, alright!

2005 kam das erste Comeback. Die kurze Pause hatte ich den Jungs gegönnt. Besonders jetzt, da ich mir besser vorstellen kann, wie hart es gewesen sein muss, in so jungem Alter für eine Plattenfirma über Jahre hinweg abliefern, durch die ganze Welt touren, Videos drehen, im Tonstudio sitzen und ganz nebenbei noch erwachsen werden zu müssen. Auch wenn ich zuerst skeptisch war, ob Backstreet's Back an den anfänglichen Erfolg anknüpfen können würde, war ich wieder voll dabei, lud die ganzen alten Kamellen (illegal) herunter und versuchte mich sogar wieder an der altbewährten Haarbürsten-Performance. Nicht empfehlenswert übrigens. Incomplete trieb mir Tränen in die Augen, ja, fast schon einen Wasserfall. Crawling back to you fühlte sich an wie eine Entschuldigung an alle Fans, die ihre Kindheitsstars vermisst hatten. Dann ging Kevin Richardson und ich war wütend, denn ich mochte die neuen Tunes wie Drowning, AJs blond gefärbten Haare und Howies Vokuhila.

Kevin verlässt die BSB und mich damit die Lust

Das zweite Comeback 2010 war mir schon nichts mehr. Es kam kein Hit aus der Zeit heraus und NKOTB machten mir mit ihrer Zusammenarbeit schließlich alles kaputt. Irgendwie fühlte sich das Ganze halbherzig an und irgendwie war ich auch immer noch sauer auf Kevin. Dann kam noch die Las Vegas Show und ich schaute schon gar nicht mehr hin. Nein, nein, nein, Abbruch!
Spulen wir noch weiter vor in die Gegenwart. Während ich diesen Artikel schreibe, laufen die ersten Breakout-Hits wie Quit Playing Games (With My Heart) als Video in einem, ich geb's zu, größeren Fenster als das der Refinery29-Seite – für das richtige Feeling, Leute! Und das kommt ohne zu zögern, zusammen mit Flashbacks zum ersten gebrochenen Herzen, Zungenküssen bei Regenstürmen im Sommer und Nächten (vor Streaming und Smartphones), in denen ich mir zum Einschlafen vorstellte, wie Nick und ich blonde Babys machten und er während des Zeugungsaktes sanft All I Have to Give in mein Ohr säuselte. Ich schmelze gerade dahin, er war so süß!
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Es war eine geile Zeit und die Vergangenheitsform verwende ich hier ganz bewusst. Denn genau das, was ich 2010 schon kommen sah, bestätigte sich, als ich den aktuellen Song Don't Go Breaking My Heart hörte und das dazugehörige Video sich in meine Retina brannte: It's over, Boys. Ihr seid nun alle erwachsene Männer, die versuchen ihre alten Choreografien und Klänge zu recyceln. Männer, die viel erlebt haben und denen man ihre vom Leben geschnürten Pakete mittlerweile ansieht. Zur Vorbereitung auf die neue Musik kam vor Kurzem die Dokumentation Show 'Em What You're Made Of auf Netflix heraus. Klar, dass sie es nicht einmal auf meine Watchlist schaffte, sondern sofort abgespielt wurde. Sie nahm mir viele Illusionen. Man sagt doch nicht umsonst, dass Unwissenheit ein hohes Gut sein kann. Jetzt habe ich ganz frisch mit eigenen Augen gesehen, dass meine und die Liebe von Millionen anderer Fans über die Jahre hinweg Spuren bei den Jungs hinterlassen hat: Drogen, Depressionen, Geldprobleme, Streitereien innerhalb der Band. Irgendwie macht einem das ein schlechtes Gewissen. Doch das Schauen machte mich auch dankbar für all die Erinnerungen und Gefühle, die ich wegen der Musik der Backstreet Boys noch viel intensiver erleben dufte.
Ihre Hits von 1997-2007 werde ich immer feiern, sie sogar meinen Kindern vorspielen und ich werde ziemlich sicher auch irgendwann auf einer Ü40 Party Shape of My Heart mitgröhlen. Es freut mich, dass ihnen das Musikmachen immer noch Spaß macht. Gleichzeitig schäme ich mich aber auch ein bisschen dafür, dass meine zehn Jahre jüngere Schwester heute meine Teenie-Idole bei YouTube sieht und ihr Blick nichts anderes als „WT actual F“ brüllt. Leider kann ich heute darauf nur das antworten, was meine Mutter damals über die Hits der jungen Nena sagte: „Früher waren die mal so cool!“
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