Will ich beim Joggen jetzt einen Sicherheitsgürtel tragen?

Dieser Artikel erschien zuerst bei Mit Vergnügen 
Wenn ich laufen gehe, geht es mir um Freiheit. Ich möchte den Kopf frei bekommen, tief durchatmen können und den Alltag hinter mir lassen. Die Unternehmerin Sandra Seilz hat mit joggen wahrscheinlich ähnliches verbunden, bis ein Vorfall ihr den Spaß am Laufen nahm. Ein sexueller Übergriff auf sie konnte durch einen mutigen Passanten gerade noch verhindert werden, jedoch hat sie dieses Erlebnis geprägt. Es bewegte sie schließlich auch dazu, eine Hose zu entwickeln, die mit gewissen Mechanismen vor sexuellen Übergriffen schützen soll. Vor einigen Tagen haben wir hier über die Safe Shorts berichtet.
Die Hose besteht aus reiß- und schnittfestem Material, hat einen Schutzprotektor im Schritt, Schnüre, die ein Herunterreißen verhindern sollen, ein Schloss sowie einen 130-Dezibel lauten Alarm, der sich automatisch aktiviert, sobald jemand an ihr zerrt. Man trägt sozusagen eine kleine Alarmanlage mit sich umher. Da die Hose mit all diesen Gadgets in der Produktion jedoch ziemlich teuer ist, wird sie mittlerweile in Indien produziert. Ich finde es schon etwas makaber, dass eine "Safety-Hose" in Indien hergestellt wird, einem Land, in dem die sexuellen Übergriffe auf Frauen weltweit mit die höchsten Zahlen aufweisen.
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Würde ich eine solche Hose tragen?

Wenn ich von der fragwürdigen Produktionsstätte einmal absehe, komme ich dennoch in's Grübeln, ob ich nicht auch so eine Hose tragen sollte. In Berlin laufe ich am liebsten im Friedrichshainer Volkspark oder an der Karl-Marx Allee. Im Winter wird es im Park früh dunkel und ich beschränke meine Solo-Läufe dann doch eher auf belebte Straßen. Bei meinen Läufen bekomme ich Kommentare wie: "Schicker Arsch", "Süße, wofür läufst du denn?" oder mir wird hinterhergepfiffen. Die Hose schützt mich vor solchen Kommentaren nicht, frei von Angst bin ich aber auch nicht.
Doch würde ich nun eine solche Hose tragen? Ich glaube nicht. Für mich ändert die Hose nichts an der Tatsachse, dass Menschen überfallen werden oder Männer mit dem Gedanken spielen, eine Frau zu vergewaltigen. Das Symptom wird bekämpft, aber bin ich nicht trotzdem verstört wenn mich jemand überfällt, während ich die Hose trage? Die Ursache bleibt. Die Ursache, dass der weibliche Körper als Objekt angesehen wird, als etwas benutzbares. Wichtig bleibt für mich, dass ich mich beim Laufen wohlfühle. Dazu gehört auch, dass ich mich sicher fühle. Die belebten Straßen Berlins geben mir dieses Gefühl.
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