Der Kampf um bezahlbaren Wohnraum ist endgültig verloren. Was nun?

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Wer die Berliner Wohnungsmarkt-Misere auf einen Blick sehen will, muss dieser Tage nur ein wenig auf der Online-Verkaufsplattform eBay Kleinanzeigen stöbern. Unter der Rubrik "Immobilien" im Suchgebiet Berlin stehen hunderte Annoncen dicht beieinander, die oft Welten trennen.
Eine junge Auszubildende gehört zur großen Gruppe der Verzweifelten. Sie sucht seit geraumer Zeit händeringend nach einer eigenen Wohnung, erklärt sie potenziellen Vermietern. Dabei hat sie keine hohen Ansprüche: Ein kleines Zimmer reicht völlig aus, die Lage ist nebensächlich, ihre einzige Einschränkung: Mehr als 300 Euro darf die neue Bleibe nicht kosten, mehr gibt der schmale Azubi-Lohn nicht her. Zwischen diesen sich inhaltlich wiederholenden Gesuchen ploppen sporadisch Anfragen professioneller Makler auf. So sucht ein Immobilienmakler im Auftrag eines bayerischen Ärztepaares eine möglichst große, möglichst lichtdurchflutete und möglichst schön geschnittene Altbauwohnung in bester Innenstadtlage, die zu einem möglichst hohen Preis vermietet werden kann.
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"Renditewahn vs. bettelarm" könnte man das Spiel nennen, an dessen Ende es nur wenige Gewinner, dafür umso mehr Verlierer gibt – und bei dem es von Tag zu Tag immer schwerer fällt, überhaupt erst den Einstieg ins Berliner Wohnungsmarkt-Game zu schaffen. Wer es doch irgendwie meistert, muss sich die Frage gefallen lassen, zu welchem Preis er es gespielt hat. Zumeist ist dieser Preis nämlich verdammt hoch.

"Renditewahn vs. bettelarm" könnte man das Spiel nennen, an dessen Ende es nur wenige Gewinner, dafür umso mehr Verlierer gibt.

Mit Vergnügen/Cristina Tatar

Die vermeintliche Traumimmobilie entpuppt sich als heruntergekommene Plattenbauwohnung

Sind wir ehrlich: Der freie Wohnungsmarkt ist endgültig verloren. Wer als Student eine Wohnung sucht, bekommt auf Portalen wie WG gesuchtunter 600 Euro keine vernünftige Bleibe mehr. Für den halben Preis, den sich der durchschnittliche Berliner Azubi oder Student leisten könnte, ohne Mama und Papa allzu sehr zu schröpfen, gibt's mittlerweile nur noch Schlafplätze auf dem Hochbett im Flur – wohlgemerkt in einer 10er-WG, die fürs exzessive Feiern bekannt ist. Ganz neu sind auch Zelte auf Balkonen und Terrassen, die in den Sommermonaten angeboten werden. "Bad- und Küchennutzung inklusive?", war die erste Frage, die in unserer Redaktion zu einem dieser schier unfassbaren Angebote auftauchte.

Die Worte 'Abstand' und 'Staffelmiete' sind die Sahnehäubchen beim Wohnungsmarkt-Poker.

Doch auch wer die WG-Zeiten hinter sich hat, kann nicht auf eine bessere Situation hoffen: Die im Titel gerade noch als "Traumimmobilie" angespriesene Wohnung im Wedding entpuppt sich bei näherer Betrachtung als durchschnittliche Zwei-Zimmer-Plattenbauwohnung, die zwar eine beachtliche Quadratmeterzahl aufzuweisen hat, ansonsten jedoch eher trist ausschaut, in einer verruchten Seitenstraße liegt, von Baustellen umgeben ist und dessen Vormieter zudem noch einen saftigen Abstand für seine abgeranzte Küche verlangt.
Die Worte "Abstand" und "Staffelmiete" sind die Sahnehäubchen beim Wohnungsmarkt-Poker. Wenn man gerade denkt, es geht nicht mehr schlimmer, versüßen diese Zauberworte die ohnehin schon schlimme Situation nochmals. Und lassen sich auf Portalen wie Immobilienscoutoder Immonet doch mal bezahlbare Angebote ausfindig machen, sind diese entweder nach wenigen Minuten wieder aus dem Netz genommen, an einen Wohnberechtigungsschein für mindestens acht Personen gebunden oder führen zu einer Massenbesichtigung, die man nicht einmal seinem schlimmsten Todfeind wünscht.
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Mit Vergnügen/Screenshop Wg gesucht

Erst Münchener, dann Londoner Verhältnisse?

So viel zur aktuellen Situation. Bleibt die Frage: Was nun? Die Wohnungsgenossenschaften sind hilflos überlaufen, die ersten nehmen auf unabsehbare Zeit keine Bewerber mehr auf. Private Vermieter, die einen sozialen Mietzins verlangen, lassen sich ebenso schwer finden wie die berühmte Nadel im Heuhaufen. Und auf Glück allein mag schon gar niemand setzen, obwohl man mit der "Ich laufe durch die Straßen und schaue einfach mal, wo eine Wohnung frei ist"-Methode vielleicht noch etwas reißen kann. Vorausgesetzt man scheut nicht davor zurück, durch Sturmklingeln in den Hausflur vorzudringen, die Nummer des Vermieters zu notieren und ihn dann noch an Ort und Stelle so lange und penetrant mit Schufa, Mietschuldenfreiheit und Gehaltsnachweisen unterm Arm zu bequatschen, bis er schließlich nachgibt und einem das gerade erspähte Objekt überlässt.
Und auf einmal haben wir in Berlin Münchener Verhältnisse. Unsere bayerische Kollegin Anja hat in ihrem Artikel "Ich kenn' niemanden in München, der in einer teuren Wohnung leben muss" zusammengefasst, was auch uns künftig blüht, wann immer ein Umzug – verschuldet oder unverschuldet – ansteht. Zur Wohnungssuche gehören künftig gute bis sehr gute Kontakte sowie die Bereitschaft, penetrant zu sein, auch wenn es gegen den eigenen Charakter geht. Bleibt nur zu hoffen, dass wir nicht allzu schnell Londoner Verhältnisse erreichen...
Eins ist klar: Berlin wird immer teurer. Das Ende der Fahnenstange ist noch lange nicht erreicht. Und solange sich nichts an der niedrigen Bezahlung in der Hauptstadt ändert, geht die Gentrifizierung munter weiter. Das Game ist für die meisten bereits jetzt "over". Das einzugestehen könnte der Anfang für eine Kehrwende sein, die wir dringend brauchen.
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