Diese Looks beweisen jetzt, dass die Kritik an Berliner Mode so last season ist

Mode aus Berlin hat es nicht leicht. Sie ist einfach nie genug. Nicht glamourös genug, nicht visionär genug, nicht mutig genug. Und dann sitzen da auch noch Influencer*innen in der ersten Reihe. Dabei wollen und müssen die neuen Looks, die letzte Woche beim Berliner Salon und der Mercedes-Benz Fashion Week gezeigt wurden, den Erwartungen von Einkäufern und Presse gar nicht hundertprozentig entsprechen. Denn sie können für sich stehen und müssen Vergleiche mit Paris oder New York höchstens aushalten. Die Kollektionen für die Herbst/Winter 2018 Saison bewiesen jetzt, das Mode aus Berlin auf eigenen Beinen stehen kann.
Die Looks von etablierten Marken wie Lala Berlin oder Newcomern wie Lana Müller leben von ihrer Designhandschrift, ihrer Unangepasstheit und ihrer Haltung. Damit machen sie vielleicht keine Trends, aber für die interessieren sich Modebegeisterte sowieso schon länger nicht mehr. Stil gewinnt und damit können Berliner Labels punkten.
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Hien Le zeigt bereits seit 2011 bei der Berlin Fashion Week. Er kennt die Herausforderungen, denen sich Designer*nnen in einem Land, das nicht unbedingt für sein Modebewusstsein bekannt ist, stellen müssen. Trotzdem bleibt er der Hauptstadt treu. Le baut seine Marke nachhaltig und ausdauernd auf.
Nachdem er bereits im Kaufhaus Jandorf oder im Garten des Kronprinzenpalais gezeigt hat, präsentiert der Designer seine neue Kollektion im Rahmen des Berliner Salons. Dort wird er vom Senat für Wirtschaft, Technologie und Forschung Berlin unterstützt.
Hien Les Designstudio liegt im Herzen Kreuzbergs unweit der beliebten Markthalle Neun. Geradlinige Schnitte, dezente Muster und robuste Materialien bestimmen die neue Herbstkollektion. Zwischen Stoffrollen und Kleiderstangen kommen Streifen und Navy bestens zur Geltung. Loafer von Dr. Martens und Socken von Kunert vervollständigen den Look von Model Farida Ndunge, der von Lagen, Kontrasten und Schuluniform-Details lebt.
Neu sind bei Hien Le im Herbst Fake-Fur-Details, die einen wunderbaren Kontrast zu Strenge und Minimalismus liefern. Kordjacken werden mit Flauschkragen verfeinert. Kunstfellmäntel in Pastelltönen gehören ebenfalls zur neuen Kollektion.
Weiterentwicklung passiert bei Hien Le gemächlich statt mit schnellen Schockeffekten. Das lieben seine Kund*innen, die seine Designs mittlerweile nicht nur hier sondern auch in der Schweiz, den USA oder Hongkong shoppen. Produziert werden die Kollektionen aber in Deutschland.
Im kommenden Herbst setzt der Designer außerdem auf starkes Rot, das besonders im Komplettlook funktioniert. Boots von Aeyde dazu und fertig ist das lässige Outfit für den Nachmittag in Kreuzberg.
Leyla Piedayesh ist ein Urgestein der Berliner Designszene. Bereits 2004 hat sie ihr Label lala Berlin gelauncht. Seitdem prägt sie die Modebranche in Deutschland mit ihren urbanen, entspannten Kollektionen genauso wie mit ihren überraschenden Präsentationen.
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In Kopenhagen zeigt lala Berlin die neuen Kollektionen ganz klassisch auf dem Laufsteg. In Berlin setzt die Designerin auf Videoinstallation und Performance von Jesper Munk oder auf ungewöhnliche Locations wie ein Penthouse mit spektakulärem Ausblick am Kudamm.
In dieser Saison hat sich Piedayesh mit König Souvenir zusammengetan, um ein auf 10 Stück limitiertes Pyjama-Set zu launchen. Vorlage für den Print war ein Werk der Künstlerin Corinne Wasmuht, die momentan in der König Galerie in der Alexandrinenstraße 118 ausstellt.
Während der Berlin Fashion Week inszenierte die 13-jährige Weltmeisterin im Hip Hop Tanz Leonie Ozeana den neuen Look in einer mitreißenden Performance zu wummernden Beats. Gäste wie Veronika Heilbrunner, Aino Laberenz, Julia Malik, Sara Nuru, Christiane Paul und Rabea Shif feierten den selbstbewussten Auftritt im Look von lala Berlin. Farida trägt ihn hier mit Boots von Aeyde.
Piedayesh sagt, dass es für eine Frau mit Selbstbewusstsein und Geschmack keine Rolle spielt, ob sie im Pyjama, Jogginganzug oder Abendkleid unterwegs ist.

Mode soll die Persönlichkeit unterstreichen – warum also nicht mal in einem Siedenpyjama auf die Straße, wenn einem danach ist?

Einen Tag nach der Präsentation zeigte lala Berlin die komplette, neue Herbstkollektion im Showroom in der Wallstraße im Wedding. Dass die Designerin sich gegen eine Show entscheidet, erklärt sie so:
„Ich will mir Zeit nehmen. In dem ganzen Trubel der Fashion Week kann es schwer fallen einer Kollektion die entsprechende Aufmerksamkeit zu schenken. Auf Dauer zehrt der Stress auch an meinen Kräften und damit an der Kreativität. Ich finde es schöner, mir für jeden einzelnen Gast Zeit zu nehmen und Ihn durch die Kollektion zu führen, um auf individuelle Bedürfnisse besser eingehen zu können. Eine Journalistin hat andere Zugänge und Ansprüche als ein Stylist, eine Influencerin oder ein Einkäufer. Das Feedback kann ich wiederum selbst besser aufnehmen und umsetzten – diese persönlichen Gespräche inspirieren mich immer sehr.”
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Model Anna König trägt den Pyjama pur und barfuss.
Lana Müller gehört zu den Newcomern der Berlin Fashion Week, die gerade zum dritten Mal während der Berlin Fashion Week gezeigt hat. Sie wurde in Kasachstan geboren und kam 1992 mit ihrer Familie nach Deutschland. Von Hamburg zog es sie dann nach Berlin, wo sie an der Esmod Modedesign studiert hat. Vor zwei Jahren gründete Müller ihr gleichnamiges Label und bereichert die Berliner Modelandschaft seitdem mit zarten, romantischen Designs.
„Meine Mode ist elegant und feminin zugleich. Sie ist für Frauen gedacht, die ihre Weiblichkeit lieben und schätzen. Da meine typische Silhouette schmal und langgezogen ist, versuche ich mit meiner Mode die Vorteile des Frauenkörpers zu betonen. Denn sie stehen für Stärke.
Die vielleicht weniger vorteilhaften Zonen versuche ich zu umschmeicheln, da sie für mich Schwäche zeigen. Vielleicht liebt die Frau ihren Körper, ist aber nicht mit jeder Stelle zufrieden. Für mich ist es wichtig jede Frau, die sich weiblich und feminin fühlt, mit meinen Kleidern glücklich zu machen.”

Eine Frau kann innerlich stark sein, es aber nicht nach außen zeigen wollen.

Farida und Anna tragen zu den wunderbaren Roben grobe Boots von Dr. Martens und Lammfellmäntel. So passen die eleganten Kleider in den Berliner Winter.
Lana Müllers Kollektionen eigenen sich im Gegensatz zu vielen entspannteren Kollektionen ihrer Designkolleg*innen bestens für den roten Teppich. Dort haben sie schon prominente Fans wie Palina Rojinski, Caro Daur und Demi Lovato gefunden.
Perret Schaad steht für modernen, urbanen Minimalismus wie kaum ein anderes Label aus Berlin. Die Designerinnen Tutia Perret und Johanna Schaad haben an der Kunsthochschule Weißensee studiert, bevor sie 2010 ihr eigenes Labels gründeten. Seitdem sind sie fester Bestandteil der Berlin Fashion Week und haben sich mit ihren schnörkellosen Kollektionen eine treue Kundschaft erarbeitet.
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Wir haben immer den Anspruch im Hinterkopf, Designs zu kreieren, in denen Frauen sich selbstbewusst und schön fühlen.

Die größte Inspiration für Perret Schaad sind ihre Kundinnen selbst: „Wir gestalten die Kleidung, die sie in ihrem professionellen sowie privaten Leben begleitet. So entsteht ein wunderbarer Austausch.
Links: Schuhe von Rani Bageria; rechts: Schuhe von Trippen
Die Looks des Designerduos haben wir im Studio im Prenzlauer Berg inszeniert. Doch für ihre Shows suchen sich Perret Schaad immer wieder neue Locations. So zeigten sie schon im Baumarkt an der Yorckstraße oder in der neuen Nationalgalerie. „Die Berlin Fashion Week unterstützt die Labels organisatorisch sowie finanziell. Außerdem sind wir in die Stadt verliebt und haben eine große Freude daran, die unterschiedliche Orten in der Stadt zu entdecken und sie für unsere Shows zu nutzen.” sagt Johanna Perret.
Berlin hat eben viel zu bieten - sei es für die Designer selbst oder für die Gäste der Fashion Week. In der Herbst/Winter 2018 Saison wurde das einmal mehr unter Beweis gestellt. Und dafür braucht es keinen Ritterschlag in Form einer Chefredakteurin wie Anna Wintour, die sonnenbebrillt in der ersten Reihe sitzt. In der Berlin sprechen die Kollektionen für sich und das in ihrer ganz eigenen Sprache.
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