Bloody Hell – Der wohl wichtigste Kurzfilm des Jahres

PMS ist ein Thema, das viel Menschen, die menstruieren, sehr gut kennen und trotzdem beschränkt sich der Diskurs weitestgehend auf Fach- oder Frauenzeitschrift oder den Aufklärungsunterricht. Menstruierende haben im Leben durchschnittlich 500 Mal ihre Periode, das bedeutet also, dass rund ein Viertel von ihnen sich auch 500 Mal mit PMS rumschlagen, 5% leiden unter einer besonders starken Form von PMS. Die Symptome sind vielfältig und jede*r erlebt diese Zeit anders, manche schlagen sich mit Kopfschmerzen rum, andere Mit Wassereinlagerungen, Depressionen, Unterleibsschmerzen, Durchfall und und und. Und was macht die Gesellschaft? Anstatt endlich mal wirksame Therapieformen zu entwickeln, bezahlten Menstruationsurlaub zu gewähren oder das Thema verdammt noch mal ernst zu nehmen, wird der Leidensdruck der Betroffenen nicht ernst genommen. Ganz im gegenteil, PMS wird sogar dazu instrumentalisiert, Betroffene NICHT ernst zu nehmen.
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Foto: Bloody Hell - A Short Film, Kickstarter.
In Filmen wird die Periode als etwas Ekelhaftes dargestellt, über das Kerle sich abwertend unterhalten. PMS taucht eigentlich bisher gar nicht auf, Krämpfe während der Periode sind das höchste der Gefühle, was als zeigenswert erachtet wird.
Die Frage ist nur: Wieso wird ein Thema, das so viele Menschen betrifft, bisher von der Filmwelt komplett ignoriert? Das müssen sich auch die Powerfrauen einer neuen Kickstarterkampagne gedacht haben, denn sie wollen jetzt einen Kurzfilm drehen, der sich mit dem Thema Menstruation und PMS auseinandersetzt. Ohne Ekel, ohne Zeigefinger und ohne blaue Flüssigkeit.
Worum geht’s? Als die Protagonistin Camille am Morgen ihres 16. Geburtstags aufwacht, scheint sich die Welt geändert zu haben. Alles ist Mist und Sinn scheint auch nichts mehr zu machen. Camille durchlebt das erste Mal in ihrem Leben die “Freuden” von PMS und muss sich in diesem neuen Gefühlschaos zurechtfinden.
Ich habe Regisseurin Katharina Anastasia Hingst getroffen und sie ein bisschen zu diesem spannenden Projekt ausgequetscht.
Wann wurde dir bewusst, dass du den ersten Film über die erste Periode im Leben einer Frau drehen musst?
Also um ehrlich zu sein hat das Thema eher mich gefunden. ”Bloody Hell" wird mein Regiedebüt und somit der Anfang eines neuen Lebensabschnitts. Um etwas Neues zu beginnen muss ich immer etwas altes abschließen und das Thema des Films ist eine Art Hommage an den Anfang des Erwachsenwerdens oder vielleicht auch eine Art Therapie, die ich nie hatte. Mir war es wichtig, in meinem ersten Kurzfilm eine authentische Geschichte zu erzählen, die ein Teil von mir widerspiegelt. Mit meinem ersten Film, möchte ich etwas teilen, das echt ist und Bedeutung hat.
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Wieso ist das Thema so wichtig für dich?
Jeder der mich kennt weiß, dass ich in der Woche vor meinen Tagen zu Satan's Tochter mutiere. Ich bekomme grundlos schlechte Laune, hab kaum Energie und bin so überempfindlich, dass ich mich sogar mit Fremden unnötig streiten kann. Besonders schlimm ist es wenn ich anfange über mein Leben oder existenzielle Dinge nachzudenken, nichts macht mehr Sinn und am liebsten würde ich mich im Kühlschrank verkriechen und nur noch essen und schlafen bis ich wieder klar denken kann.
PMS gehört für mich mittlerweile zum Alltag dazu und ich habe eine App die mich warnt bevor ich auf Selbstzerstörungs-Modus umschalte. Obwohl ich heute alt genug bin um zu verstehen was in meinem Körper passiert, kann ich es immer noch nicht kontrollieren. Als Teenie war ich einfach nur überfordert. Von heute auf morgen hat sich alles verändert und aus dem süßen Mädchen wurde ein pubertierendes Monster. So unerträglich ich für meine Eltern gewesen sein muss, am schlimmsten war es für mich selbst, weil ich einfach nicht verstanden habe was mit mir passiert. Das Thema ist mir wichtig, weil ich das Gefühl habe, dass wir es meiden, obwohl fast jede Frau damit monatlich konfrontiert wird.
Was willst du mit dem Film erreichen?
Ich möchte, dass wir endlich anfangen über PMS und Perioden zu sprechen und es nicht länger zum Tabuthema erklären. Nur wenn darüber gesprochen wird, in den Medien wie auch zuhause, können sich Frauen austauschen und gegenseitig stärken. Ich habe das Gefühl, das uns die Gesellschaft nicht genug aufs Frauwerden vorbereitet. Ich erinnere mich kaum an Aufklärungsunterricht in der Schule oder ob es den je gab. Vielen Eltern ist es unangenehm mit ihren Töchtern über Perioden oder PMS als ernsthafte Nebenwirkung zu reden und umkehrt kenn ich kaum junge Mädchen denen dieses Thema nicht peinlich ist. Ich selber habe mir damals mein gesammeltes Wissen auch nur aus der Bravo angeeignet und um ehrlich zu sein Dr. Sommer reicht einfach nicht aus um zu verstehen was in dieser wichtigen Phase in einer Frau passiert. Ich wusste als Teenager nicht mal das es PMS gibt und dachte ich bin einfach nicht normal.
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Ich wünsche mir, dass wir besonders jungen Mädchen, die unter den seelischen Nebenwirkungen leiden, eine Plattform geben offen darüber zu sprechen, sich nicht für Depressionen oder Stimmungsschwankungen zu schämen, sondern ihnen helfen damit umzugehen. Wenn dieser Film auch nur ein kleines Stück dazu beiträgt, dass wir mehr Aufklärung und Unterstützung besonders im Bezug auf PMS leisten, dann wäre mir das mehr wert als jeder Oscar.
Wie kann Kunst und Film den Diskurs über die Periode ändern und welche Rolle spielt euer Film dabei?
Heute mehr denn je, wird das als normal erklärt, was am meisten gesehen wird. Damit meine ich nicht wie viele Klicks auf youtube oder likes auf Instagram (wobei das definitiv auch dazu gehört) sondern, sobald ein Thema wiederkehrend diskutiert wird, hat man das Gefühl, es gehört zur Normalität. Kunst kann so etwas auf sehr interessante subtile Weise erreichen. Fast schon unterbewusst können in der Kunst Meinungsbilder und Trends gesetzt werden, ohne dass diese direkt benannt werden. In unserem Film geht es darum das Thema Periode zu entfremden und durch ein sehr visuelles Konzept eine neue Wahrnehmung zu schaffen. Wir wollen keinen faktischen Aufklärungsfilm oder gar Dokumentarfilm über weibliche Menstruation und PMS drehen, sondern ein Porträt, das uns auf abstrakte und verträumte Weise in die Realität unserer Protagonistin entführt. Wir tauchen in ihre Welt ein und entfernen uns von der Assoziation “Perioden sind ekelhaft” und durchleben mit ihr die verschiedenen Stimmungsphasen von PMS zum allerersten Mal.
Wann wollt ihr den Film fertigstellen und wo kann man ihn dann sehen?
Gedreht wird Ende Juni über ein Wochenende in London. Dank meiner Produzentin Minni Podewils habe ich ein unglaublich tolles Team starker Frauen hinter mir. Uns war wichtig, nicht nur auf Grund des Themas, sondern auch weil Frauen in der Filmbranche immer noch viel zu unterrepräsentiert sind, dieses Projekt mit Girl Power vor und hinter der Kamera umzusetzen. Geplant ist es den Film Ende August abzunehmen. Dann wollen wir den Film über so viele Kanäle wie möglich zur Verfügung stellen, um eine Platform für Dialog zu schaffen.
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