„Bei anderen & ihren Körpern bin ich nachsichtiger als bei mir selbst“

Foto: Eylul Aslan
Der eisige Herbstwind sticht mir mit kleinen Nadeln in die Hände, während ich weit nach vorne gebeugt auf meinem Fahrrad sitze und durch die Oktoberdunkelheit und den Nieselregen nach Hause radel. Ich bin nass geschwitzt, müde, sehnsüchtig. Meine Füße kühlen in den engen Reitstiefeln langsam ab, so dass unangenehm spürbar wird, wie feucht sie sind. In mir ist es ruhig, ich liebe den Herbst und tauche gerne in die kalte Nacht ein, durch die ich fahre; auch wenn es weh tut. Zuhause angekommen ziehe ich mühsam die Stiefel aus. Ich will etwas essen, weil ich jetzt darf. Vier Stunden werden es in dreißig Minuten sein. Vier Stunden nichts gegessen. Erst werfe ich aber meine Reitkleidung, die warm und nach Pferd riecht, die Kellertreppe hinunter und laufe nackt ins Bad. Beim Einsteigen in die Dusche vermeide ich noch den Blick auf meinen Körper, erstmal das warme Wasser genießen, rein werden. Durch meinen Kopf geht das Pferd, das ich liebe, der Junge, den ich mag, das eine Mädchen aus meiner Reitstunde, das auch heute noch im kurzen Top geritten ist. Ganz dünn, der Bauch, die Beine, die langen Arme. Geschminkt ist sie auch immer.
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Zum Reitunterricht gehe ich immer ungeduscht und in alten Kleidern. Warum auch vor dem Sport duschen und dann zum Schwitzen extra schöne Sachen anziehen. Als meine Haare gewaschen sind, steige ich aus der Duschkabine. Der große Spiegel steht mir direkt gegenüber. Da stehe ich, tropfnass, dann trocken. Was ich mir schon seit Wochen gedacht habe, was ich schon seit Tagen spüre, wird ganz plötzlich eine unausweichbare Wirklichkeit. Ich habe ein großes und sehr rundes Gesicht. Das wusste ich schon. Meine Brüste sind spitz und der Brustwarzenvorhof viel zu groß. Das wusste ich auch schon und schaue nicht hin; das kann ich jetzt nicht auch noch aushalten. Mein Bauch sieht zu weich aus, steht zu sehr ab, fühlt sich immer groß an, immer voll. Aber jetzt, nach dem Reiten, nach dem Fahrrad fahren, hungrig und müde, sehe ich meine Hüften. In mir fällt alles um, was mein Selbstvertrauen noch irgendwie gehalten hat. Meine Hüften sind riesig, abnormal, gigantisch. Ich drehe mich um, zwinge mich, mich der Wahrheit gänzlich auszusetzen. Mein Hintern ist monströs. Ein riesiger Fleischkloß, der sich über den ganzen Spiegel ausbreitet, meine kurzen Beine so dick und grauenvoll, dass ich gerne weinen würde. Aber ich kann nicht. Ich schäme mich so sehr vor mir selbst und vor der ganzen weiten Welt, die mich sehen kann, so wie ich bin, so wie ich hier stehe, fett und unförmig und rundgesichtig. Ich bin elf Jahre alt.

An diesem Tag habe ich angefangen die Luft anzuhalten, um mich dünner zu machen.

Ein Jahr später breche ich beim Jeanskaufen vor meiner Mutter zusammen. Das ganze An- und Ausziehen und das damit verbundene Betrachten meiner Schenkel, das immer weiter wachsende Bewusstsein meines enormen Körpers, meines Bauches, der von der Jeans berührt wird, sind unerträglich. Ich bin nun zwölf Jahre alt und habe bei H&M eine Jeans in Größe 28 an. Sie passt. Ich bin untröstlich. Meine Mutter wird wütend. Was mein Problem wäre, 28 sei eine super Jeansgröße, auf so ein Theater habe sie keine Lust. Ich schäme mich so sehr, dass ich meine Scham und Verzweiflung über meinen Körper nicht unterdrücken kann und dass sie durch meine Tränen nun so sichtbar ist. Ich will ins Bett, unter die Decke, alles ausziehen, was meinen Körper berührt, ihn mich spüren lässt. Alle sehen mich an, alle können sehen, wie dick und unförmig und peinlich ich bin. Als ich mit der Jeans in der Einkaufstasche den Laden verlasse, halte ich die Luft an und hoffe, dass den Menschen nicht auffällt, wie weich und dick mein Bauch sich über den Rand meiner Hose wölbt. Ich erwarte keinen einzigen freundlichen Blick. Ich muss das alles ändern, alles an meinem Körper. Dann kann ich mich wieder zeigen. Ich bekomme kaum Luft.
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An diesem Tag habe ich angefangen die Luft anzuhalten, um mich dünner zu machen. Immer, wenn ich mich voll oder dick fühlte und es unaushaltbar wurde, alles übertönend, immer dann habe ich die Luft angehalten.
Foto: Eylul Aslan
Es gibt sicher viele Arten diese Gefühle zu benennen. Zum Beispiel könnte man sagen, dass in einer Gesellschaft, geprägt von Konsum und unerreichbaren Idealen in Karriere und Schönheit, jeder junge und auch ältere Mensch seinen Körper erst kennen- und lieben lernen muss. Alle sind wir verwirrt im Dschungel der Vorschriften, wie unser Körper auszusehen, wie er sich anzufühlen hat, damit er „schön“ ist, damit er „gesund“ ist, damit er „perfekt“ oder begehrenswert ist. Die Linie zwischen Verwirrung und etwas, das in der selben Gesellschaft „krank“ genannt wird, ist dünn und die Übergänge zwischen gesundem Bemühen und krankhaften Zwängen sind fließend. Es ist inzwischen für viele Menschen „normal“, dass der eigene Körper so heftig angezweifelt wird, dass Verbote bestimmter Lebensmittel oder extremer Stress beim Hosenkauf als Alltäglichkeiten empfunden werden. Die junge Frau, die sich wegen ihrer Nase schämt und deshalb immer vermeidet im Profil gesehen zu werden, der Junge, der wegen dem Fett an seinem Bauch das T-Shirt am Strand nicht ausziehen möchte. „Normal“. Die körperdysmorphische Störung ist definiert als die wahnhafte Vorstellung, von einem sichtbaren körperlichen Defekt betroffen zu sein. Diese Wahrnehmung führt zur Obsession mit dem empfundenen Defekt und dem Versuch, diesen mit allen Mitteln zu ändern und vor anderen Menschen zu verstecken.
Wenn ich an die Jahre meines Lebens denke, die ich mir meines Körpers auf unangenehme Weise bewusst war, dann komme ich auf zwanzig. In meiner ersten Erinnerung an Selbstgeißelung aufgrund eines überdimensional empfundenen Körpers bin ich sechs Jahre alt. Mir tut das Kind leid, wenn ich es ansehe, wie es den Bürgersteig von der Schule nach Hause stapft. Auf dem Rücken ein riesiger Schulranzen mit Pferden darauf, in der Hand eine Papiertüte mit Gummibärchen. Die andere Hand unter dem grauen Sweatshirt betastet unglücklich den Kinderbauch. Fazit: zu viel Fett. Ich kneife hinein.
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Manchmal empfinde ich meinen Körper als von mir losgelöst und kann nicht einschätzen, welche Ausmaße er hat. Manchmal kann ich mein Spiegelbild aushalten.

Körperdysmorphie, Body Dysmorphia, Körperschemastörung. Aber wie gestört ist ein Kind, wenn es erkennt, dass sein eigener Körper nicht mit dem übereinstimmt, was auf Plakaten, im Fernsehen und auch bei Mama und Papa als schön gilt? Es ist definitiv ein Hindernis auf dem Weg zum Wohlfühlen, dass wir als Wesen mit einem Körper dazu erzogen werden, genau diesen Körper permanent zu beurteilen und kontrollieren zu wollen. Ich habe meine Angst vor dem Eigenwillen meines Körpers nie als wirklich unlogisch empfunden. Ich bin mit der Forderung aufgewachsen, schön und klug und erfolgreich zu sein. Den eigenen Körper zu fürchten und zu bekämpfen, ist erst dann unlogisch, wenn man ihn als sich selbst begreift, wenn man ihn als Vehikel, als gut und essentiell empfindet. Aber ich habe gemeinsam mit einer ganzen Generation gelernt, dass die Funktionalität des eigenen Körpers an sein vorgeschriebenes Aussehen angepasst werden muss, nicht etwa, dass der Körper eben so aussieht, wie es die täglichen Aufgaben an ihn verlangen. Eine Körperschemastörung ist eine logische Antwort auf die Forderungen einer kranken Gesellschaft, die der Freiheit des Körpers, insbesondere des weiblichen Körpers, im Weg steht. Die Epidemie von Essstörungen und Depressionen, die Konsumländer heimsucht, ist tragisch, aber nicht überraschend. Länder, in denen die Menschen nicht im Überfluss leben, oder gar um jede Mahlzeit bangen müssen, kennen keine Magersucht, kennen keine Angst „zu viel“ zu sein, kennen keine Scham der dicken Schenkel und starken Arme.
Die Empfindung meines Körpers schwankt bei mir nach wie vor. Manchmal empfinde ich ihn als von mir losgelöst, kann nicht einschätzen, welche Ausmaße er hat, manchmal fühle ich mich wohl und kann mein Spiegelbild aushalten. Andere Male bin ich verunsichert von den Rückmeldungen anderer Menschen, ich sei dicker oder dünner als zuvor. Noch immer habe ich Tage, an denen ich mich schäme mich zu zeigen, weil ich denke meine Haut oder meine Beine oder irgendetwas anderes an mir wäre so offensichtlich hässlich, dass Menschen vielleicht von meinem Anblick erschrocken wären oder Mitleid mit mir hätten. Ich würde gerne eine Lösung anbieten für diesen Konflikt, den ich nicht als Einzige in mir trage. Liebevolle Menschen helfen manchmal und natürlich diese verflixten positiven Rückmeldungen. Etwas leisten. Sich erlauben nichts zu leisten. Singen, schreiben, malen, lachen, tanzen, baden, Masturbation. Ich bin absolute Advokatin für Selbstliebe und -akzeptanz und mit den Körpern anderer Menschen bin ich nachsichtig, gütig, nur bei mir selbst übe ich das alles noch ein bisschen.
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Schönheit ist überall, das weiß ich – jetzt muss dieses Wissen nur noch in meinem Körper ankommen.
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