#DirtyThirty: Mit 30 habe ich endlich Selbstliebe gelernt

DirtyThirty: Maren Aline Merken ist 30 Jahre alt, Wahlberlinerin mit Herz für die Hauptstadt und dennoch ständig unterwegs. Ob auf Recherchereise im kunterbunten Indien, auf der Suche nach den neusten Foodtrends im lebhaften Johannesburg oder beim leicht chaotischen Familien-Kaffeeklatsch in ihrer Geburtsstadt Düsseldorf – sie ist neugierig, begeisterungsfähig, wortverliebt und gar nicht mal so spießig, wie sie sich Ü30-Frauen als Teenager vorgestellt hat. Immer hungrig auf Neues feiert sie das Leben mit der 3 vorne – und versteht bis heute nicht, wie man Angst vor dem 30. haben kann.
Klartext: Bodyshaming war nie cool. Nicht damals mit 12, als man die Mitschülerin ausgelacht hat, weil sie die Erste war, die Brüste bekommen hat. Nicht mit 16, als man ein bisschen die Nase gerümpft hat, weil die Banknachbarin nicht die coole Miss Sixty hatte und mit ihrem birnenhaften Po für die eigenen Begriffe eh unförmig aussah. Nicht mit 22, als man ständig auf die Brüste der Kommilitonin starren musste, weil man die einfach viel zu riesig fand. Auch nicht heute, wenn jemand meint, die eine auf der Tanzfläche sei doch viel zu dick, um so aufreizend zu tanzen. Bodyshaming hat viele Gesichter und Formen – nichts davon ist oder war jemals cool.
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Umso toller, dass nun auch langsam die Gesellschaft und die Medienwelt aufwachen und diese Bewegung unterstützen. Aber seien wir ehrlich: Es hilft nur begrenzt, wenn irgendein Topmodel oder ein supererfolgreicher und megaheißer Influencer plötzlich medial perfekt inszeniert statuiert, dass es nicht cool ist, jemanden aufgrund seines Äußeren zu kritisieren und dass wir alle schön sind, so wie wir sind. Als Frau, die nicht in diesen Sphären verkehrt, fühlt man sich da manchmal ein bisschen verarscht. Und das, obwohl sie natürlich recht haben, auch die Schönen und Reichen unserer Gesellschaft. Jede*r hat ein Päckchen zu tragen – sicher auch sie – und jede*r hat Bereiche und Stellen an seinem oder ihrem Körper, die er*sie eher zum Kotzen als zum Jubeln findet.
Mit 30 wird mir jedoch auch klar, dass irgendwann auch der allerschönste Mensch der Welt an den Punkt kommt, an dem der Körper nicht mehr so aussieht, wie er mal aussah. Die Arme sind nicht mehr so straff wie mit Anfang 20 und der Hintern sowieso nicht. Die Oberschenkel weisen Dehnungsstreifen auf und irgendwie sehen auch Bauch und Brüste nicht mehr so perfekt aus wie damals im Spiegel unserer ersten eigenen Wohnung beim Fertigmachen für die nächste Party.
Die, die mit 30 noch aussehen wie mit 20, arbeiten hart dafür. Fitnessstudio, tägliche Laufrunden, Crossfit. Schön für die, die bereit sind dafür ihre Zeit zu opfern. Ich persönlich finde, man muss sie lernen, die Akzeptanz für den eigenen Körper. Eltern sollten ihren Kindern von Anfang an beibringen, dass man sich akzeptieren muss, wie man ist, weil die Natur schon ihre Gründe dafür hat und jeder Mensch schön ist, wie er geschaffen wurde. Ich erinnere mich an ein Mädchen in meiner Grundschule, die alle immer Mondgesicht genannt haben, weil sie ein sehr rundliches, eher flaches Gesicht hat. Irgendwann kam sie in die Schule und hat trotzig statuiert, dass ihre Mutter ihr die Wahrheit gesagt habe. Nämlich, dass sie das schönste Mondgesicht der Welt habe. Wenn ich heute daran denke, finde ich es wunderschön, wie die Mutter diese Hänseleien mit einem Satz wertlos gemacht hat. Denn ein Abstreiten hätte niemals dazu geführt, dass andere Kinder aufgehört hätten sie so zu nennen. So haben wir uns gefragt, ob sie vielleicht etwas sehr Besonderes ist, mit ihrem Mondgesicht.
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Ich selbst hatte schon sehr früh sehr große Schneidezähne. Hasenzähne seien das, sagten mir meine Mitschüler. Mein Vater hingegen hat mir damals verraten, dass Claudia Schiffer auch relativ große Schneidezähne hatte. Und die galt zeitweise ja nun mal als eine der schönsten Frauen der Welt; er sagte, er fände solche Zähne sexy. Was soll ich sagen, später, als Erwachsene ist es mir häufiger passiert, dass Männer gerade meine Mundpartie und meine Zähne als sexy beschrieben haben. Papa hatte also wie immer recht.

Wie soll ich das Thema Bodylove und Akzeptanz für sich und sein Aussehen vertreten, wenn ich meinen eigenen Körper so optimiere?

Ich erinnere mich aber auch an eine ehemalige Kommilitonin, deren Eltern viel Wert auf Äußeres gelegt haben. Die eine etwas kräftigere Nase und leichte Segelohren hatte und deren Eltern ihr allen Ernstes vorgeschlagen haben, das operativ ändern zu lassen – sie würden das auch finanzieren. Darüber war ich damals wie heute gleich geschockt.
Heute ist mir klar, dass man Selbstliebe und Akzeptanz spätestens mit dem Älter werden lernen sollte. Bei mir was es andersrum: Als ich jünger war, war ich komplett zufrieden mit mir und meinem Aussehen. Egal, ob ich für meine Begriffe ein paar Kilo zu viel auf den Rippen hatte oder nicht, ich war immer selbstbewusst und fand mich gut so, wie ich war. Umso älter ich wurde, desto kritischer wurde ich meinem eigenen Spiegelbild gegenüber. Wieso habe ich eigentlich so dünne Haare? Und wieso sind meine Brüste so winzig, seit ich abgenommen habe? Die Narben an meinen Beinen hatten mich nie gestört, aber in stillen Momenten habe ich plötzlich doch mal gegoogelt, ob man die nicht weglasern kann.
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So richtig bewusst ist mir meine Ansicht zu Akzeptanz und Bodylove zuletzt in einem Gespräch mit meinem Freund geworden. Da sprachen wir über das leidige „kleine Brüste“-Thema und darüber, dass wenn es einen so sehr stört, man das ja auch operativ ändern könne. Ich habe nachgedacht und mir gesagt, hey, das stimmt doch eigentlich. Ich bin alt genug, könnte es mir finanziell leisten – wieso also meinen Körper nicht so optimieren, dass er in meinen Augen perfekt ist? Die Antwort ist mir leicht gefallen und ist für mich aktuell die einzig logische. Wie soll ich das Thema Bodylove und Akzeptanz für sich und sein Aussehen vertreten, wenn ich meinen eigenen Körper so optimiere? Wie soll ich meinen Kindern irgendwann nahe bringen, dass es okay ist, eine kleine oder große Nase zu haben, kleine oder große oder ungleiche Brüste, stämmig oder schmal zu sein, wenn ich selbst die Optik meines Körpers einfach ändere? Ich will dass meine Kinder mit dem Wissen aufwachsen, dass es okay ist auszusehen, wie man aussieht – egal was andere sagen. Eine Optimierung aus reiner Oberflächlichkeit kommt daher nicht in Frage.
Ich sehe das anders, sobald man psychisch extrem unter einem Feature des eigenen Körpers leidet. Ich finde es okay, dass man seinen Körper operativ anpasst, wenn er sich durch irgendetwas extrem verändert hat: Wenn man durch extremen Gewichtsverlust Hautschürzen am Körper hat, wenn die Brüste durch die Schwangerschaft übermäßig hängen und sich manche Frauen damit einfach nicht anfreunden können, oder sich durch andere Vorkommnisse Teile des Körpers verändern und diese Dinge einen sehr belasten.
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Was ich nicht verstehe ist, wieso man perfekte kleine Brüste in Große verwandelt, nur weil ein Schönheitsideal das vorschreibt. Wieso man mit 40 noch aussehen muss wie mit 20, all seine Falten wegspritzen lässt, obwohl das Altern doch zum Leben dazugehört. Und vor allem: Veränderung sollte nie durch Druck aus der Umwelt geschehen. Auch wenn ich psychisch angeschlagen bin, weiß ich, dass eine vermeidliche Verschönerung das nie ändern wird, weil es lediglich das Bild in meinem Kopf ist, welches mich unglücklich macht. Dennoch: Mein Körper ist meine Baustelle. Oder besser: Mein Wonderland, wie John Mayer es mal besungen hat. Wie und was ich damit tue, geht niemanden was an.

Man muss sich lieben können, wie man ist – weil man nur so einzigartig ist. Weil Moden sich ändern und man nicht jede mitmachen kann. Weil Menschsein auch Einmaligsein heißt.

Ich bin ich und ich bin toll so, wie ich bin. Mit den Dehnungsstreifen an den Oberschenkeln. Mit meinem kleinen, aber feinen Busen. Mit den langsam mehr werdenden Lachfalten um die Augen, meinen viel zu dünnen Haaren, den Narben auf meinen Beinen, die von Reisen, Unfällen, Tierbissen und Sport (ja, den gab es auch mal) zeugen. Und mit meinen Zähnen, die weder strahlend weiß noch ganz gerade sind.
Bodyshaming war nie cool und wird es nie sein und ist tendenziell das Werkzeug eines unsicheren Menschen. Nur wer sich selbst nicht liebt, wer an sich zweifelt und unsicher ist, ist darauf angewiesen, andere und ihr Aussehen schlecht zu machen. Wer mit über 30 noch aussehen will wie damals, als man blutjung, straff und aalglatt war, der macht irgendetwas falsch. Zu einem Menschen gehören Ecken und Kanten, kleine Makel, die ihn einzigartig und besonders machen. Ich persönlich möchte nicht aussehen wie jede andere, nur weil die Medien, Instagram und Modezeitungen uns aktuell vermitteln, Frauen müssten kleine Stupsnäschen, volle Lippen, dichte Wimpern und Brauen, skinny Körper mit Thigh-Gap haben, aber dennoch nicht ohne Kurven und damit aussehen, wie frisch selbst designt.
Man muss sich lieben können, wie man ist – weil man nur so einzigartig ist. Weil Trends und Ideale sich ändern und man nicht jede mitmachen kann. Weil Menschsein auch Einmaligsein heißt. Selbstliebe sollte für uns alle an erster Stelle stehen – wenn schon nicht mit Anfang 20, dann zumindest dann, wenn die 3 vorne steht.
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