Skinnyshaming: Wieso es niemanden etwas angeht, ob ich 50, 60 oder 70 Kilo wiege

Maren Aline Merken ist 30 Jahre alt, Wahlberlinerin mit Herz für die Hauptstadt und dennoch ständig unterwegs. Ob auf Recherchereise im kunterbunten Indien, auf der Suche nach den neusten Foodtrends im lebhaften Johannesburg oder beim leicht chaotischen Familien-Kaffeeklatsch in ihrer Geburtsstadt Düsseldorf – sie ist neugierig, begeisterungsfähig, wortverliebt und gar nicht mal so spießig, wie sie selbst sich Ü30-Frauen als Teenager vorgestellt hat. Immer hungrig auf Neues feiert sie das Leben mit der 3 vorne – und versteht bis heute nicht, wie man Angst vor dem 30. haben kann.
Du bist aber ordentlich dick geworden! Richtige Pausbacken hast du bekommen! Pass auf, dass du nicht zu fett wirst. Das sieht schon ungesund aus. Iss doch einfach weniger! Dein Gesicht sieht richtig faltenfrei dadurch aus. Fällt euch was auf? Würdet ihr das zu jemandem sagen? Egal ob ihr diesen jemanden kennt oder eben nicht so gut? Ich wette 99 % der Leser antworten jetzt ganz klar mit Nein. Weil man das nicht macht. Weil es gesellschaftlich auch irgendwie verpönt ist, jemandem zu sagen, er sei dick geworden. Vielleicht kann er ja gar nichts dafür? Schwere Zeit? Krankheit? Sich gehen gelassen? Maximal hinter vorgehaltener Hand heißt es dann xy hat aber ganz schön zugelegt. Oder wenn die Person es selbst äußert, sagt man so etwas wie ja, klar, du hast ein bisschen zugenommen. Aber das sieht doch gar nicht so schlecht aus. Jeder hat mal so Schwankungen.
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Ich bin 1,78 groß und wiege 58 Kilogramm, manchmal auch 59. Oder 60. Das war nicht immer so: Bis letzten Sommer war ich gute zehn Kilogramm schwerer. Insgesamt habe ich zehn Kilo abgenommen; es waren sogar 12, wovon ich aktuell zwei wieder drauf habe. Nicht absichtlich, es ist einfach so passiert. Ich hatte viel Stress im letzten Jahr: Familiär, meine Beziehung ist zerbrochen, ich hatte Anfang des Jahres eine schwere medizinische Diagnose. Ich habe die Pille abgesetzt – damit fing eigentlich alles an. Danach war ich in Mexiko und konnte aufgrund meiner Allergien nur wenig essen. Stress, frisch-verliebt-sein, das alles hat seinen Tribut gezollt. Seitdem werde ich von quasi jedem darauf angesprochen – und nicht nur positiv. Jeder meint, mich darauf ansprechen zu müssen. Wäre ich dick, bin ich sicher, dass weder die Eltern meines Freundes, noch Auftraggeber oder Freunde und Bekannte sagen würden Hey du hast aber zugenommen. Jetzt aber fühlt jeder sich berechtigt mich mit Aussagen wie „Iss doch mal wieder was!“, „Mehr abnehmen solltest du jetzt aber nicht!“, „Dein Gesicht sieht dadurch viel strenger und älter aus“ darauf hinzuweisen und sich einzumischen. Vielleicht habe ich mit 30 endlich meinen Babyspeck verloren, vielleicht hatte ich einfach unfassbaren Stress, vielleicht will ich ja auch gar nicht mehr abnehmen, aber es passiert einfach. Was denn, wenn ich ernsthaft essgestört wäre? Und diese Aussagen noch viel Schlimmeres auslösen würden?

Ich hatte nie Probleme mit kleinen Brüsten – finde sie bei anderen Frauen sogar deutlich schöner als große – aber wenn du (pardon) immer Titten hattest und plötzlich bist du wieder back to your supersweet sixteen, dann nagt das schon etwas.

Ich mag meine neue Figur. Punkt. Ich war immer groß und schlank, aber ich hatte für meine Begriffe immer einen Ticken zu viel Hintern und Oberschenkel. Bei Zara musste ich manchmal Größe 40 in Jeans nehmen, weil die recht klein ausfallen. Ich hatte ein volles C-Körbchen und habe mich rundum weiblich gefühlt. Nach 10 bis 12 Kilos weniger ist das natürlich ein bisschen anders. Ich trage nun eine 36, bei Highwaist-Röcken und Kleidern auch mal eine 34. Meine BHs? Habe ich an Flüchtlingsfrauen gespendet – wenn man plötzlich nur noch S beziehungsweise ein volles A-Körbchen trägt, sehen C-Körpchen nicht nur komisch aus, man kann auch zwei Paar Socken reinstecken.
Generell bin ich zufrieden mit meiner Verwandlung. Aber es ist nicht so, dass ich nicht daran zu knabbern hatte. Ich hatte nie Probleme mit kleinen Brüsten – finde sie bei anderen Frauen sogar deutlich schöner als große – aber wenn du (pardon) immer Titten hattest und plötzlich bist du wieder back to your supersweet sixteen, dann nagt das schon etwas. Auch, weil dich alle darauf ansprechen. Das Schönheitsideal bei uns in Westeuropa mag eine sehr schlanke Silhouette haben, dennoch habe ich von kaum jemandem ein Kompliment für meine Gewichtsabnahme gehört. Der Großvater meines Freundes meinte zuletzt ich sei ein dünnes Gerippe. Der Kontext in dem der Satz fiel, war keineswegs negativ und ich weiß, dass er das nicht böse gemeint hat, aber dennoch ist es nicht schön das zu hören. Jedes Mal wenn ich bei meinen Eltern zu Besuch bin, hagelt es von meinem Vater Sprüche wie ich solle aufpassen nicht zu fett zu werden (höhöhö) und von meiner Mutter besorgte Blicke begleitet von Aussagen, dass es langsam zu viel sei. Dass ich auf Urlaubsbildern hager aussehe und meine Gesichtszüge harsch und ernst werden.
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Als ich mich letztens bei meiner besten Freundin für eine weitere Verabredung umgezogen habe, hat sich mich gestoppt als ich gerade dabei war ein T-Shirt überzustreifen und im BH vor ihre stand. Das sei echt krass und wie das möglich wäre. Meine Brüste wären ja quasi größentechnisch halbiert. Nun habe ich ein gesundes Selbstbewusstsein, für das ich sehr dankbar bin. Und meine Brüste und alle anderen Körperpartien haben trotz Gewichtsabnahme noch immer eine straffe, attraktive Begebenheit. Dennoch war es nicht einfach, mich an das neue Körpergefühl zu gewöhnen. Meine Jeans habe ich ohne mit der Wimper zu zucken aussortiert, verkauft, verschenkt. Vielleicht auch, weil mir meine Beine und mein Hintern immer ein bisschen zu dick vorkamen. Bevor ich die BHs weggegeben habe, habe ich erstmal ein paar Wochen mit mir gehadert. Das war ein bisschen ein finaler Punkt, der aussagte die kommen nicht mehr wieder. Deine schönen, runden, prallen Brüste sind endgültig Vergangenheit.

Nicht okay finde ich, dass Menschen meinen, sie dürften mich nahezu beleidigen, mich bloßstellen, Bodyshaming erster Klasse betreiben, einfach nur, weil sie meinen dünner werden, abnehmen, schlank sein, das sei etwas, was man bewusst anstrebt.

In jedem Fall geht es mein Umfeld nur begrenzt an, wie ich jetzt aussehe. Ich finde es in Ordnung, wenn sich jemand ernsthaft sorgt und sensibel und sensitiv nachfragt. Wenn jemand erstmal die Bedingungen abklopft, bevor es Sprüche hagelt. Wenn jemand der mir wirklich nahe steht und meine Tagesabläufe kennt, sagt, du hast viel Stress, schau dass du zumindest regelmäßig isst. Nicht okay finde ich, dass Menschen meinen, sie dürften mich nahezu beleidigen, mich bloßstellen, Bodyshaming erster Klasse betreiben, einfach nur, weil sie meinen dünner werden, abnehmen, schlank sein, das sei etwas, was man bewusst anstrebt. Etwas das man aktiv forciert und vorantreibt. Es gibt Grenzen, Grenzen über die so manch einer sich unter dem Denkmantel der Sorge hinweg setzt. Mein Körper ist meine Komfortzone und die soll niemand verletzten, weil er unbedacht etwas äußert, was eigentlich maßlos verletztend ist. Ich habe keinen Kinderkörper. Ich bin kein knochiges Gerippe. Keine Bohnenstange. Nächstes Mal besser nachdenken, bevor man spricht. Und überlegen, wie sich das anfühlt. #justsayin
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