Warum ich als Deutsche in London Angst vor dem Brexit habe

FOTO: privat
Mit 19 habe ich mich entschieden, nach London zu ziehen. Ich habe dort studiert und verbinde mit der Stadt nun seit acht Jahren eine Art Hassliebe. Auf der einen Seite wirken deine Möglichkeiten unendlich. Auf der anderen Seite ist die Stadt teuer und komplett in zwei Schichten unterteilt. Jeder möchte sich ein Haus kaufen, leisten können sich das aber nur wenige. Entweder hat man geerbt oder arbeitet als Banker oder Anwalt zwölf Stunden pro Tag. Oder man kauft eben kein Haus, sondern fiebert schon Mitte des Monats auf das nächste Gehalt hin.

Vielleicht kommt es mir deshalb so vor, als wären beide Seiten der Gesellschaft ständig frustriert: Der eine Teil kämpft buchstäblich ums Überleben und steht unter Leistungsdruck, der andere hat Angst davor, dass man ihm etwas vom Wohlstand wegnimmt. Der Brexit trifft in beiden Fällen einen wunden Punkt. Die eine Seite möchte, dass sich nichts verändert und London als Finanzmetropole bestehen bleibt, die andere wittert ihre Chance auf Veränderung und Verbesserung.

Für mich ist es unvorstellbar, dass ein Land aus der EU austreten will. Die Liste der Staaten, die beitreten möchten, ist lang und die Vorteile kann doch niemand abstreiten? Gerade die Briten reisen wahnsinnig gerne in verschiedene EU-Länder – es muss ihnen doch bewusst sein, dass das dann in Zukunft nicht mehr so einfach, spontan und stressfrei möglich ist?

Die Brexit-Befürworter sprechen von Unabhängigkeit und davon, die Kontrolle über Demokratie zurückzugewinnen. Eine wichtige Rolle in der Debatte spielt, dass Großbritannien seine Grenzen kontrollieren und sich nichts von der EU vorschreiben lassen möchte. Dabei ist Großbritannien mit seinen Sonderrechten doch alles andere als abhängig – hat mit dem Pfund eine eigene Währung, fährt auf der linken Seite und besonders viele Geflüchtete haben sie auch nicht aufgenommen.

Die Wahlplakate der „Leave“-Kampagne sind von Propagandaparolen und Aggression geprägt: „Das ist unsere Chance, zu kämpfen“ und „Lasst uns unser Land zurückerobern“. Das berühmte „Breaking Point“-Plakat von Nigel Farage, auf dem eine Schlange von Geflüchteten zu sehen ist, die wohl angeblich anstehen, um nach Großbritannien zu kommen, hat für ziemlich viel Furore gesorgt. Mir kommt es so vor, als wollten Brexit-Befürworter nur das Beste von beiden Seiten: Handelsfreiheit – klar, das funktioniert doch auch, ohne Mitglied der EU zu sein. Einzahlen? Nein, danke. Und die Grenzen werden auch nur für ganz ausgesuchte Leute geöffnet – so der Tenor der Debatte. Aber wie man in England so schön sagt: „You can’t have your cake and eat it!“

Gestern habe ich auf Facebook gesehen, dass ein Bekannter, der auf der Straße für „Remain“ geworben hat, von einem Brexit-Befürworter in den Bauch geschlagen wurde. Einfach so. Das gehört nicht zum Alltag, doch die Stimmung im Land ist aufgeheizt und das ist deutlich zu spüren. Es scheint nur Schwarz und Weiß zu geben: Jede Seite hat ihre klare Position, ist strikt dagegen oder dafür und verteidigt ihre Argumente vehement. Meine Freunde sind gegen einen Austritt: Statistisch gesehen sind die meisten jungen Leute Brexit-Gegner. Auf den Straßen sehe ich ausschließlich Leute, die „I’m In“-Sticker verteilen oder tragen. Ich lebe aber auch in der Hauptstadt und weiß, dass das Stimmungsbild außerhalb ganz anders aussehen kann.

Geht der multikulturelle Aspekt, den ich an London ja so mag, dann verloren?

Lisa Höcherl

Der Vater meines Freundes ist die einzige Person in meinem Bekanntenkreis, die für einen Austritt ist. Wenn wir darüber diskutieren, versichert er mir, dass er natürlich nicht fremdenfeindlich sei. Er besteht allerdings auf seine Unabhängigkeit und sagt, „dass sie ja nicht in zwei Weltkriegen gekämpft hätten, um sich jetzt von der EU bestimmen zu lassen“. Ich kann seine Argumente nicht nachvollziehen. Auf meine Frage, ob er sich vor der Brexit-Option von den Regeln der EU eingeschränkt gefühlt hat, antwortet er ausweichend. Das Wort Unabhängigkeit fällt oft. Er passt überhaupt nicht in meine typische Klischee-Vorstellung eines Brexit-Befürworters – frustriert, Arbeiterklasse, niederiger Bildungsstand. Ganz im Gegenteil: Ich schätze ihn, er ist intelligent, wohlhabend und meist glücklich. Das macht mir Angst, weil ich glaube, dass er mit dieser Meinung nicht alleine dasteht – und vielleicht doch mehr Menschen für einen Austritt sind als man annimmt.

Ein Argument, das in der Öffentlichkeit oft und gerne genutzt wird, ist das überlastete Gesundheitssystem. Der Grund sind angeblich die vielen Ausländer. Das ist meiner Meinung nach kompletter Quatsch. Die NHS – das staatliche Gesundheitssystem in Großbritannien – hat ganz andere Probleme, die nicht mit dem Austritt aus der EU gelöst werden können. Sie braucht eine Komplettreform. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Ärzte nicht nur überlaufen sind, sondern auch generisch handeln. Irgendwann geht man dann einfach allgemein weniger gern zum Arzt, weil sowieso nur schnell Medikamente verschrieben werden. Das würde ein Brexit nicht verbessern. Ganz im Gegenteil: Ohne die EU-Haushaltsmittel wird eine Reform noch unwahrscheinlicher. Eine kostenpflichtige Privatisierung des Gesundheitsysstems wäre die logische Konsequenz.

Was es für mich als Deutsche, die in London lebt und arbeitet, wirklich bedeutet, wenn Großbritannien aus der EU austreten sollte, ist mir nicht wirklich klar. Müssen alle Ausländer, die im Land leben, dann ein Visum beantragen – und beweisen, dass es für ihren Job keinen britischen Staatsbürger gibt, der dafür genauso gut qualifiziert wäre, wie zum Beispiel in den USA? Geht der multikulturelle Aspekt, den ich an London ja so mag, dann verloren?

Ich persönlich glaube nicht, dass es einen Brexit geben wird, weil ich das Gefühl habe, dass sich die Leute generell doch vor zu viel Veränderung und Unsicherheit scheuen. Aber knapp wird es bestimmt. Man kann der Debatte auch mit einem Augenzwinkern begegnen: Sollte Großbritannien wirklich austreten, gäbe es vielleicht auch weniger betrunkene brits abroad an den beliebten Urlaubszielen Europas, was für den Rest der EU doch auch ganz schön wäre...
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