Brustkrebs: Neuer Gen-Test kann unnötige Chemotherapie ersparen

Dieser Artikel erschien zuerst bei HuffPost 
Wer Krebs hat, will und muss auf Nummer sicher gehen. Lieber zuviel als zuwenig Behandlungen, denkt sich so mancher Patient. Aber was, wenn die Therapie einfach sinnlos ist und den Betroffenen nur unnötig schwächt?
Für Brustkrebspatientinnen gibt es seit einigen Jahren einen Gen-Test. Er soll anzeigen, ob eine Chemotherapie sinnvoll ist. Denn eine Chemotherapie, oft eine Tortur für den Patienten, kann sich unter bestimmten Umständen als wirkungslos erweisen.
Da die Tests auch umstritten sind, gibt es jetzt - endlich - neue Leitlinien für Ärzte und einen Ratgeber für Betroffene.

In der Leitlinie werden die Gen-Tests positiv bewertet

Die Deutsche Krebsgesellschaft geht in ihrer neuen Onkologie-Leitlinie für Ärzte erstmals auch auf die Gen-Tests ein. Diese spielten eine “zunehmend wichtige Rolle” neben den klassischen Prognose-Faktoren, so die Einschätzung.
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“In den Leitlinien wird ein Einsatz in ausgewählten Situationen befürwortet”, erklärt Achim Wöckel, Direktor der Frauenklinik am Universitätsklinikum Würzburg.
Bisher haben sich Mediziner bei Brustkrebspatientinnen bestimmte Merkmale wie die Zahl betroffener Lymphknoten, die Tumorgröße und Gewebebesonderheiten angesehen, um zu entscheiden, ob eine Chemotherapie hilfreich wäre oder nicht.
Der Leitlinie zufolge kann der sogenannte Genexpressions-Test bei Patientinnen sinnvoll sein, bei denen die herkömmlichen Untersuchungsmethoden des Arztes keine sichere klinische Entscheidung bringen.
Ein weiteres Institut sieht die Tests dagegen kritisch
Damit kommen die beteiligten Fachleute und Organisationen der Deutsche Krebsgesellschaft zu einem anderen Ergebnis als das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) in Köln.
Die vor einem Jahr präsentierte Einschätzung des IQWiG lautet nämlich: Gen-Tests brächten nach derzeitigem Stand keinen klaren Erkenntnisgewinn bei der Entscheidung für oder gegen eine Chemotherapie.
Ob es einen Mehrwert gebe, könne erst mit den Ergebnissen noch laufender Studien beurteilt werden.
Weil die Tests trotz dieser Einschränkung “von Gynäkologen und Onkologen schon breit eingesetzt und von Herstellern beworben” werden, veröffentlichte das IQWiG in der vergangenen Woche eine Entscheidungshilfe für Patientinnen in Deutschland.
Sie richtet sich an Frauen mit Brustkrebs in einem frühen Stadium, bei denen sich keine klare Empfehlung für oder gegen eine Chemotherapie nach der Operation geben lasse. Für rund 20.000 Patientinnen jährlich ergäben die herkömmlichen Kriterien ein widersprüchliches Bild.

Bei der Beurteilung wurden wohl unterschiedliche Studien herangezogen

“Die Hersteller der Biomarker-Tests versprechen, jene Patientinnen besser erkennen zu können, die auf eine Chemotherapie verzichten können”, hieß es von dem Institut.
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Durch aussagekräftige Studien belegt sei das jedoch keineswegs: “Die Art und Weise, wie die Ergebnisse der Biomarker-Tests kommuniziert werden, spiegelt leicht eine Sicherheit vor, die in Wahrheit nicht existiert.”
Ursache der unterschiedlichen Einschätzung in der neuen Leitlinie und des IQWiG sei, dass das Institut Studien nicht berücksichtigt habe, die in die Bewertung für die Leitlinie mit eingeflossen seien, erklärt Wöckel.
Klar werde aber auch dort, dass ein breiter Einsatz nicht als sinnvoll erachtet werde und dass zunächst unbedingt auf andere klinische Parameter zu achten sei.
Die Aussagekraft bisheriger Studien zu Gen-Tests sei unter anderem so schwach, weil der Nachbeobachtungszeitraum mit fünf Jahren sehr kurz sei, sagt Wöckel.
Rückfälle und Metastasen träten bei Brustkrebs häufig erst nach 10 bis 15 Jahren auf. “Es sind Langzeituntersuchungen und Studien mit einer großen Zahl von Frauen notwendig.”

“Viele Frauen fühlen sich erst richtig krebskrank, wenn sie eine Chemotherapie durchlaufen”

Das Problem: Lässt ein Test darauf schließen, dass kein Risiko für einen Rückfall oder Metastasen besteht und der Krebs kehrt doch zurück, sind die Folgen für die Frau weitaus größer als bei einer vielleicht unnötig durchgestandenen Chemotherapie.
Doch so ganz ohne ist eine Chemotherapie auch nicht: Es gibt laut IQWiG Schätzungen, wonach etwa zwei bis drei Prozent der Chemotherapien zu Schäden an Herz, Nieren oder anderen inneren Organen führen - bis hin zum Tod. Wöckel weist ergänzend auf die Psyche als Faktor hin: “Viele Frauen fühlen sich erst richtig krebskrank, wenn sie eine Chemotherapie durchlaufen.”
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Die Behandlung gehe mit Haarausfall, Müdigkeit und oft noch immer auch mit einer Stigmatisierung durch andere einher. “Langfristig allerdings schadet eine Chemotherapie wohl nur selten.”

Bei den Patientinnen herrscht derzeit oft große Unsicherheit

Bei den Patientinnen herrsche derzeit oft große Unsicherheit, sagt Wöckel. “Manche denken, ihnen wird mit einem Test etwas angedreht, andere fürchten, ihnen werde ohne Test etwas vorenthalten.” Viel Aufklärungsarbeit sei nötig.
Weder bei den Frauen noch bei den Ärzten dürfe das Gefühl entstehen, dass ein Biomarker-Test nötig sei, um gut entscheiden zu können. “Das ist ganz klar nicht so”, betont der Mediziner. “So ein Test kann nur ein Beitrag von vielen für eine Entscheidung sein, eine Hilfe unter vielen.“
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