Ich wurde gestillt, bis ich fünf war & erinnere mich lebhaft daran!

Photo: Courtesy of Zoë Ligon.
Ich wurde gestillt, bis ich fünf Jahre alt war und deshalb bin ich die einzige, die ich kenne, die sich tatsächlich daran erinnern kann, gestillt worden zu sein.

Ich erinnere mich noch an einen Sommertag in Silver Spring in Maryland in den USA, wie ich in unserem alten Honda Accord mit meiner Mama fuhr. Ich muss Hunger gehabt haben, denn sie fuhr an den Rand und fand eine ruhige Ecke auf einem Parkplatz, um mich zu stillen. Ich kann mich daran erinnern, dass ich aus meinem Kindersitz auf dem Rücksitz auf den Fahrersitz auf ihren Schoß geklettert bin. Sie schob ihren Sitz ein paar Zentimeter zurück, um Platz für mich zu machen (denn zu der Zeit war ich ja schon vier) und ich streckte meine Beine über das Ablagefach, während ich trank. Nach ein paar Minuten fuhren wir weiter. Für uns war das ganz normal, für die meisten anderen Kinder ist es allerdings nicht normal.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, mindestens sechs Monate zu stillen. Aber laut den Zentren für Krankheitskontrolle und Prävention (CDC) in den USA stillten 2010 nur 49 % der amerikanischen Mütter bis zur Sechs-Monats-Marke und nur 16,4 % dieser Mütter verwendeten ausschließlich Muttermilch um ihre Babys zu ernähren. Die Gründe, aus denen Mütter nicht stillen können oder sich entscheiden, nicht zu stillen, sind sehr vielfältig, aber darunter befinden sich: Mütter, die sich gezwungen sehen, sofort an den Arbeitsplatz zurückzukehren, Hinderungsgründe am Arbeitsplatz Milch abzupumpen, sie fühlen sich zu unwissend, was das Stillen angeht, kulturelle Vorurteile gegen das Stillen (oder dagegen ein Kind zu lange zu stillen), sie ziehen es einfach vor nicht zu stillen, körperliches Unvermögen zum Stillen und viele, viele andere Gründe. Aber selbst die Mütter, die sich dafür entscheiden, ihre Kinder zu stillen, tun das normalerweise nicht so lange wie meine Mutter.

Als meine Mutter mit mir schwanger war, trat sie der La Leche League bei, einer internationalen Organisation, die stillenden Müttern Forschungsergebnisse und Unterstützung zuteil werden lässt. Nachdem ich zur Welt gekommen war, besuchten wir beide die Treffen zusammen. (Wir hatten Glück, dass mein Vater so viel verdiente, dass meine Mutter den Luxus hatte, zu Hause bleiben zu können.) Sie fand viele Gleichgesinnte in der Organisation und Stillen war ihr so leidenschaftlich wichtig, dass sie sagt, sie kümmerte sich überhaupt nicht um Voreingenommenheit anderer Leute. „Ich glaube, ich fand mit so viel Leidenschaft, wie richtig Stillen war, dass, wenn andere Leute sich unwohl zu fühlen schienen, ich es als deren Problem ansah und sie sogar ein bisschen komisch fand“, erzählte sie mir. (Denk dran, das war in den frühen Neunzigern, in einer Zeit als Stillen noch weniger sichtbar und weniger akzeptiert war als heute. Deshalb war es fast beispiellos, ein Kind nach dem Säuglingsalter und sogar noch darüber hinaus zu stillen.)

Nachdem ich zwei geworden war, war das Stillen eher ergänzende Nahrung; ich konnte ja schon festes Essen zu mir nehmen. Und als ich vier war, trank ich meist nur noch zur Insbettgeh-Zeit an der Brust, damit ich besser einschlafen konnte. Meine Mama hatte es nicht eilig, mich abzustillen, aber es ist irgendwie ganz natürlich passiert. „Eines Abends, als du fünf warst, bist du eingeschlafen, als du auf dem Klo saßt, glaub es oder nicht“, erinnert sie sich. „Am nächsten Tag habe ich dir gesagt, dass wir damit ja jetzt aufhören können, wenn du ohne an der Brust trinken einschlafen kannst.“ Anscheinend war ich kurz erschüttert und protestierte hilflos, „Wäre ich doch nur nicht eingeschlafen!“
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Photo: Courtesy of Zoë Ligon.
„Ich erinnere mich so lebhaft daran, weil es so ein schwerer Augenblick für dich war“, erzählte meine Mama weiter. „Aber ich habe dem Ganzen eine positive Richtung gegeben: [Ich habe zu dir gesagt] das bedeutet, dass du jetzt in eine neue Phase deines Lebens eintrittst und das war wunderbar. Und du kamst auch schnell darüber hinweg.“ Manche Frauen in der La Leche League finden, dass Kinder „sich selbst abstillen“ sollten und dass die Mütter stillen sollten, bis das Kind sich entscheidet aufzuhören; andere finden es in Ordnung, nach einem bestimmten Alter das Abstillen zu fördern.

Meine Mutter schmiss für mich sogar eine „Abstillparty“ mit zwei meiner engsten Freunde. Ich ging in einen Waldorfkindergarten und die Eltern, die sich entschieden ihre Kinder in so einer unabhängigen Schule anzumelden, waren meist auch fortschrittliche Denker. Der gesamte Tag wurde gefilmt, deshalb habe ich ein sehr klares Bild davon in meinem Kopf: Wir tanzten durch das Wohnzimmer und wirbelten Holzstäbe und Seidenschals in wahrer Feiermanier. Ich glaube, die Musik, die im Hintergrund lief, war alte Musik von Cirque du Soleil, ziemlich abgefahrene und alberne Musik, und wir rannten im Kreis herum und wechselten uns mit Hüpfen auf einem kleinen Zimmertrampolin ab. Ich weiß nicht genau, ob meine Freunde, die zu der Zeit auch fünf waren, wussten, was genau wir feierten; es fühlte sich im Grunde wie eine Geburtstagsfete an. Danach sprachen meine Mama und ich zur Insbettgeh-Zeit ein bisschen mehr statt an der Brust zu trinken. Es war ein einfacher Übergang.

OBWOHL VIELE ES ALS SELTSAM ANSEHEN EIN KIND SO LANGE ZU STILLEN, WAR ES FÜR UNS BEIDE DIE RICHTIGE WAHL.

Tatsächlich fand ich es ganz und gar nicht ungewöhnlich bis ich in der zwölften Klasse war und im Literaturunterricht eine Diskussion über die Rolle des Stillens in Toni Morrisons „Solomons Lied“ entflammte. In dem Buch bekommt die Hauptfigur den Spitznamen „Milchmann“ verpasst, weil seine Mutter ihn über das Säuglingsalter hinaus stillt, vor allem um Intimität außerhalb ihrer erkalteten Ehe zu erreichen. Das Buch wirft das Stillverhältnis zwischen Mutter und Sohn in ein sehr negatives Licht und stellt es fast als Perversion dar. Meine Klassenkameraden konnten ihre Abscheu nicht in Grenzen halten. Erst in diesem Augenblick dämmerte mir, dass meine Erfahrung – meine tatsächlichen Erinnerungen ans Stillen – vielleicht gar nicht normal ist.

Aber je mehr ich darüber nachdachte, merkte ich, dass es mir nicht peinlich vorkam oder es in irgendeiner Art und Weise als pervers ansah, was meine Mutter gemacht hatte. Bis zum heutigen Tage trage ich ihre Entscheidung, mich zu stillen, bis ich bereit zum Abstillen war, mit Stolz. Meine Mutter sagt, dass sie mich stillte, weil sie das Gefühl der Nähe zu mir so mochte und sie war sich sicher, es würde mir helfen ein gesundes Kind zu sein. Ich war dankbar, dass sie das Urteil so vieler anderer ignorieren konnte, um das zu tun, woran sie glaubte. Und obwohl viele es als seltsam ansehen ein Kind so lange zu stillen, war es für uns beide die richtige Wahl.

Ich bin nicht überrascht, dass so viele Leute, die von meinen Erfahrungen hören, es schockierend finden; es ist unglaublich ungewöhnlich und es kann schwer für Leute sein Sachen zu verstehen, die sie nicht selbst erlebt haben. Wenn du zu denjenigen gehörst, die meine Geschichte abstoßend oder ekelhaft finden, bitte ich dich, ernsthaft herauszufinden, woher das Unbehagen kommt. Meine Mama fand, dass es eine wunderschöne Erfahrung war, genau wie ich – was soll also die Aufregung?
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