Der Himmel für Muslime: Männer bekommen Jungfrauen – und die Frauen?

Dieser Artikel erschien zuerst bei Huffington Post
Seit gut einer Woche diskutiert Deutschland wieder heftig übers Kopftuch. Mit viel Emotion und oft wenig Ahnung. Es geht um Kinderrechte und Integration, ums Prinzip und umPopulismus.
Und natürlich um Religion: Islam-Kenner haben dargelegt, dass kleine Kinder aus theologischer Sicht sicher kein Tuch brauchen. Und dass nicht alle, aber viele Muslime finden, eine erwachsene Frau müsse ihr Haar vor den Blicken Fremder verbergen.
Die HuffPost-Redaktion hat sich daher gefragt, was eine gute Muslima, theologisch betrachtet, eigentlich davon hat, wenn sie ein gottgefälliges Leben führt.
Von den Jungfrauen, die den Herren im Paradies winken sollen, hat jeder schon gehört. Aber was ist eigentlich mit den Damen?
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Wein, Frauen und Diener im Himmel

Im Islam werde der Himmel als ein Ort beschrieben, “an dem Dinge, die man schon von der Erde kennt, noch viel besser sind. Oder an dem es Dinge gibt, die hier nicht zu finden sind”, sagt Jörg Imran Schröter, Juniorprofessor für Islamische Theologie in Karlsruhe, der HuffPost.
“Zum Beispiel gibt es im Himmel Wein. Nur, dass man davon keine Aussetzer und Kater bekommt wie auf der Erde – und deswegen ist dort Wein auch erlaubt.”
Sex gelte im Islam im ehelichen Rahmen auch auf der Erde als Freude. Im Himmel solle er dann noch viel schöner sein.
“Deswegen bekommen Männer ewige Jungfrauen zur Seite. Also Frauen, die nie alt werden”, sagt Schröter.
Dass oft von ausgerechnet 72 Jungfrauen die Rede sei, habe symbolische Gründe. Schon 60 gelte als eine Zahl, die für Vollkommenheit stehe. “Kommen dann noch zwölf dazu, dann steht das für Übervollkommenheit.”
Auch die Damen sollen ihren Spaß haben: “Frauen wiederum bekommen schöne Knaben zur Seite, die ihnen dienen”, sagt Schröter. Ob das auch sexuell zu verstehen sei, gehe aus den Quellen nicht hervor.
Bevor nun jemand an himmlische Orgien denkt, sollte er allerdings bedenken, dass all diese Genüsse und Annehmlichkeiten laut Schröter nicht wörtlich zu verstehen sind. Die Theologie könne den Himmel nicht konkret beschreiben, sondern nur Sprachbilder verwenden.
Damit sind auch die viel zitierten Jungfrauen nicht Frauen, die noch keinen Sex hatten, sondern stehen für reine Frauen, deren Gesellschaft wunderbar ist.
Die Theologie tue sich auch deswegen mit der Beschreibung des Himmels schwer, weil jeder etwas anderes schön finde. “Der eine mag Süßigkeiten, der nächste Salziges und so weiter”, sagt Schröter.

Zur Hölle mit den Sündern – zumindest ein bisschen

Bei der Hölle, die es auch nach muslimischer Vorstellung gibt, sei das einfacher: “Was weh tut, ist klar und universal. Da ist die Rede von extremer Hitze und Kälte, von Feuer und Eis.”
Wie lange Sünder dann in der Hölle schmoren, sei unter Theologen umstritten. “Es gab schon frühe Islamgelehrte, die sagten, die Hölle könne nicht ewig sein, weil das der Barmherzigkeit Gottes widerspreche.”

Die große Entscheidung: das Jüngste Gericht

Vor der ewigen Seligkeit, der ewigen Party, dem ewigen Glück, oder der Hölle, steht im Islam, ähnlich wie im Christentum, das Jüngste Gericht mit Gott als Richter.
“Jeder Mensch wird nach der islamischen Lehre sein Leben lang von zwei Engeln begleitet. Der Engel, der auf der rechten Schulter sitzt, notiert alle guten Taten. Der Engel, der auf der linken Schulter sitzt, alle schlechten”, sagt Schröter.
Gott lege dann all die guten und schlechten Taten, die die Engel notiert haben, auf eine Waage. Es ist ein Bild, das auch im westlichen Kulturkreis schon seit der Antike im Zusammenhang mit Gerechtigkeit verwendet wird.
Allerdings entscheidet nach muslimischer Auffassung nicht allein die Waage über das Ticket Richtung Himmel oder Hölle. Gott kann auch Gnade walten lassen – “er wird nicht umsonst der Barmherzige genannt”.

Es gibt keine Abkürzung ins Paradies – außer für Kinder

Der bayerische Imam Benjamin Idriz hat in der HuffPost bereits erklärt, dass das Kopftuchtragen – so man es für überhaupt notwendig hält – ohnehin nicht zu den wichtigsten Pflichten einer Muslima gehört.
Und selbst extreme Taten sind kein Ticket in den Himmel, wenn man Schröter zuhört. “Wer als Märtyrer stirbt, kommt deswegen mitnichten auf direktem Weg ins Paradies.”
Extremisten behaupten das zwar. Aber sie vergessen dabei laut Schröter etwas Wesentliches, einen sogenannten Qudsi-Hadith, der nicht als Wort eines Propheten, sondern als Wort Gottes gelte und damit fast so wichtig sei wie der Koran.
“In diesem Hadith wird etwas sehr deutlich klargestellt: Ein Dschihadist stand am Tag des jüngsten Gerichts vor Gott und sagte, er sei für Gott in den Kampf gezogen.
Gott sagte, er sei nicht für ihn in den Kampf gezogen, sondern nur für seinen Ruhm. Der Dschihadist wurde wie ein Waschlappen in die Hölle gezogen.”
Das heiße übrigens nicht, dass jeder, der in bester Absicht mordet, deswegen in den Himmel komme. “Auch Mord für den Glauben kollidiert immer mit dem Recht des anderen und ist nur zur Verteidigung erlaubt”, sagt Schröter. Die Regelung sei während der existenziellen Bedrohung der Mediner durch die Mekkaner entstanden.
Es gibt im Islam nur eine Gruppe, die tatsächlich automatisch in den Himmel kommt: Kinder. Denn anders als das Christentum kenne der Islam keine Erbsünde.

Wenn das Sündenregister lang und die Reue groß ist

Wer als Muslim in den Himmel kommen will, sollte sich also sein Leben lang anstrengen. Schummeln ist schon wegen der Engel nicht drin.
Auch eine Beichte, in der eine Art Pfarrer im Auftrag Gottes Sünden vergeben könnte, gibt es nicht. Gläubige Muslime müssen das direkt mit Gott ausmachen.
Was dabei hilft: die Hadsch, die Wallfahrt nach Mekka. Wer dorthin pilgert, kann nach islamischer Lehre wieder so unschuldig werden wie ein Kind. Die Betonung liegt auf kann: Hadsch, sagt Schröter, sei als Reue und innere Umkehr zu verstehen.
Dann wird es vielleicht doch noch was mit all den Jungfrauen und den Dienern. Dem ewigen Glück.
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