Sie macht alles anders & deshalb richtig: Die spannendste Designerin aus München

Foto: Fabian Frinzel
Von einer, die irgendwie alles anders macht und dabei vieles richtig: Die vielleicht spannendste Münchner Designerin im Porträt.
Wenn jemand beweisen will, dass das schicke und schöne München sehr wohl eine urbane, blühende Kreativszene hat, dann wird die 1968 in Ankara geborene Ayzit Bostan immer als Vorzeige-Coole präsentiert.
Neben ihren kultigen T-Shirts entwirft sie minimalistische Abendkleider, Möbel und Schmuck. Sie kreiert Filme, Ausstellungen und Kunstprojekte, wie die bekannte Installation „Replika“ im Münchner Hofgarten.
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Mal macht sie aus Kunst Mode (wie kürzlich, als sie ein Bild von Maler Florian Süssmayr um Ärmel erweiterte und so ein T-Shirt kreierte, aber meist macht sie da gar keinen Unterschied. Für Ayzit Bostan ist interdisziplinäres Arbeiten kein Spagat, sondern eine Notwendigkeit. Mit vier Jahren zog sie nach Deutschland, ihr kreatives Zentrum ist ihr Atelier in einem Hinterhof des Münchner Bahnhofsviertels. Nach ihrer Ausbildung zur Schneiderin absolvierte sie die Meisterschule in München und machte sich 1995 mit dem Label Ayzit Bostan selbstständig. Schon einer ihrer frühen Entwürfe, ein T-Shirt mit dem Print "I love" aus dem Jahr 1999, der mit dem ikonischen "I love NY"-Slogan spielt, wurde vom Kunstverein München ausgestellt und genießt heute Kultstatus. Das Zitieren von bekannten Slogans und Symbolen ist ein Markenzeichen ihrer Entwürfe. Sich nur auf Mode und ihr eigenes Label konzentrieren? Das reicht ihr nicht.
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Ayzit Bostan hat eine Professur an der Uni Kassel für Design textiler Produkte, entwirft seit drei Jahren Handtaschen für das Label PB0110, die so unerhört geradlinig und ästhetisch sind, dass man sie Jahrzehnte lang tragen kann, ohne sich daran sattzusehen. Zu ihren jüngsten Projekten zählt eine Glasarbeit für die Traditionsfirma „Hofglasmalerei van Treeck“ und wenn ihr danach ist, legt sie auch mal bei einer Party als DJ auf. Und natürlich kann man nicht über Ayzit Bostan sprechen, ohne ihre Interpretation von „Imagine Peace“ zu thematisieren: Die legendären Zeile von Yoko Ono in arabischer Schrift als Druck auf Shirts und Pullovern. Die Idee dazu entstand, wie es für Ayzit Bostan typisch ist, zufällig. Auf einer Marrakech Exkursion mit ihren Studenten hatte sie die Idee für einen Stempel mit Imagine Peace auf Arabisch. Sie ließ noch vor Ort einen Stempel fertigen. Nun ist darum geradezu ein Hype entstanden. Dass die „Imagine Peace“-Kollektion so erfolgreich ist, liegt nicht nur daran, das die arabischen Schriftzeichen so elegant geschwungen sind, dass man sich ihnen kaum entziehen kann: Der Schriftzug trifft – unglücklicherweise – den Zeitgeist, weil sich die Millenials, Generation Y oder wie auch immer man die Kinder der politischen 68er-Generation nennen mag, angesichts der jüngsten Terroranschläge mit Themen wie Krieg und Vergänglichkeit derart intensiv auseinandersetzen, wie möglicherweise nie zuvor: „Es ist natürlich sehr traurig, dass es solche Anlässe sind, aber nach dem Attentat in Orlando sind sehr viele Bestellungen für „Imagine Piece“ eingegangen. Als politisches Statement war es nicht geplant. Mehr als „conversation piece“, das eine emotionale Kommunikation auslöst, weil natürlich nicht jeder die Schrift lesen kann“, erzählt Ayzit Bostan. Negative Reaktionen gab es nie.
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Ayzit Bostan ist sich ihrer Kreativität bewusst. Sie blickt klar auf ihr Schaffen, auch nicht ohne Stolz. Und gerade weil sie ihre Projekte realistisch beurteilen kann, braucht sie kein großes Aufheben darum zu machen. Kein „fishing for compliments“, keine Getue. Ihre Damen-Kollektion ordert man im Atelier, die Stücke werden auf Bestellung gefertigt. Pressearbeit gibt es nur vereinzelt und gezielt. Der Instagram-Account wird von ihr und ihrer Assistentin geführt, mit Inspiration und Alltagshäppchen aus ihrem Leben, statt durchchoreographiertem Lifestyle-Kaleidoskop. Was wäre denn mit einem eigenen Laden oder vielleicht wenigstens ein bisschen Influencer-Marketing? Dazu zuckt sie nur mit den Schultern. Braucht sie nicht, die „creative class“ mag ihre Entwürfe ohnehin. Und: Sie will es auch gar nicht. Normalerweise spricht man mit Designern immer über Wachstum, den großen 10-Jahres-Plan oder geplante Kooperationen, um die Bekanntheit zu steigern. Ayzit Bostan hat dazu nur vier Buchstaben übrig: „Nein“.
Große Modehäuser verlangen heute von einem Designer eine 360-Grad Vision: Von der Parfümverpackung zum Sitzkissen, vom Store-Konzept zum Werbefilm muss ein Creative Director eine Vision in alle Bereiche übertragen. „Schrecklich, dieser Druck“, hört man momentan von allen Seiten in der Branche. Für Ayzit Bostan ist jeder Teil ein Ganzes: „Man braucht diese Schubladen gar nicht: Ich sehe mich als Designerin, nicht nur als Modedesignerin, denn das wäre mir zu wenig.“ Vielleicht sollte man ihr eine der heiß umkämpften Posten anbieten. Machen würde sie es vermutlich nicht: Ist ja alles gut so, wie es ist.
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