Elif: „Ich fühle mich deutsch mit einem extra Topping türkischem Background“

Foto: Christoph Köstlin
Wer ehrlich ist, macht sich verletzbar. Wer ehrlich ist, verletzt vielleicht andere. Wer ehrlich ist, lässt aber auch zu, dass Verletzungen heilen können. Dass man endlich bei sich ankommt, die Oberfläche nicht nur mit Lächeln bespielt, sondern in die Tiefe fühlt. Die Musikerin Elif hat den Weg der Aussprache, der totalen Ehrlichkeit gewählt und singt auf ihrem neuen Album „Doppelleben“ über ihre türkischen Wurzeln, über das Leben zwischen Tradition und Ausbruch, über Heimat und gescheiterte Liebe. Herausforderungen, die wir alle auf irgendeine Art spüren und doch selten so offen aussprechen. Mit dem authentischen Werk macht sie klar, dass Melancholie und Hoffnung nah beieinander liegen...
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Als du deinen Eltern „Doppelleben“ vorgespielt hast, folgten Tränen und Umarmungen. Hat das Album und dein Verlangen nach Ehrlichkeit und Aussprache etwas im Alltag in eurer Familie verändert?
Das Album half mir zu erkennen, wo das Problem lag: Ich war lange Zeit sehr zerrissen und unglücklich, weil ich immer das Gefühl hatte, nicht wirklich anzukommen. Mir fehlte etwas. Erst durch den Song „Doppelleben“ habe ich selber bemerkt, dass das größte Problem zuhause liegt. So bin ich zu meinen Eltern und habe versucht, Stück für Stück ein besseres Verhältnis zwischen uns zu schaffen. Heute verstehen wir uns besser und ich fühle mich endlich verstanden und wieder zuhause.
Denkst du, dieses Gefühl innerhalb der Familie ist generationsabhängig? Unsere Eltern haben nicht über alles mit unseren Großeltern gesprochen, ist unsere Generation einfach an einem anderen Punkt und erwartet Dialog und Begegnung?Meine Großeltern haben sowohl gute als auch und schlechte Eigenschaften an meine Eltern weitergegeben und meine Eltern wiederum mir. Doch ich bin wirklich die Erste innerhalb unserer Familie, die die Probleme erkennt, analysiert, benennt, anspricht und konfrontiert. Das ist nicht leicht für meine Eltern gewesen, weil auch sie ihre Eltern dadurch in Frage gestellt haben. Doch das war der einzige Weg aus diesem Teufelskreis rauszukommen. Sonst würden wir uns noch bis heute anschweigen.
Was sagen deine Geschwister zu deinem sehr persönlichen Album?
Meine Schwester ist mein größter Fan. Und ich bin auch der größte Fan meiner Schwester.
Deine Eltern sind in den 80ern nach Deutschland gekommen, du bist in Berlin geboren. Fühlst du dich deutsch oder türkisch oder deutsch-türkisch?
Ich fühle mich deutsch mit einem extra Topping Background.
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Sollen deine Wurzeln unabhängigvon Text auch in deinem Sound hörbar sein? (z.B. orientalische Klänge in „Doppelleben“)
Im Song „Doppelleben“ gibt es an sich gar nicht so viel Text. Deshalb musste ich also über die Musik versuchen, das auszudrücken was ich fühle. Und bei diesem Song waren es dann die orientalischen Melodien, die dem Song nochmal Tiefe gegeben haben.
Foto: Christoph Köstlin
Oftmals heißt es, ein Migrationshintergrund sei der Grund für Zerrissenheit. Findest du nicht auch, dass es Vorteile gibt, sich in verschiedenen Welten zu bewegen?
Ich denke schon, dass das ein Grund sein kann: Ich war auch lange Zeit sehr hin und hergerissen und wusste immer nie genau. Man wird schließlich immer dazu gedrängt sich zu entscheiden. Und das führt dann oft dazu, dass man zwischen den Stühlen stehen bleibt. Deutsch oder türkisch, schwarz oder weiß? Doch irgendwann erkannte ich, dass auch zwischen Schwarz und Weiß unendlich viele Grautöne sind und man sich nicht in Schubladen stecken lassen sollte, nur weil andere einen dann besser einschätzen können. Ich finde es schön, noch eine Kultur in mir zu tragen. Was ich wirklich sehr an der türkischen Kultur mag, ist, dass ein gesellschaftliches Treffen immer mit Essen verbunden wird. Ich liebe essen. Mehr als alles andere.
Kennst du Klischees über Türken in Deutschland & bestätigst du selbst welche?
Ja, das zu spät kommen. Keiner kommt zur abgemachten Uhrzeit. Jeder kommt mindestens eine halbe Stunde zu spät, weil man meistens erst losgeht, wenn man schon da sein sollte.
Hast du nach der Singleveröffentlichung zu „Doppelleben“ Zuspruch von Menschen bekommen, deren Gefühl und Situation du bestätigst?
Oh ja! Mir schrieben Homosexuelle, junge Mädchen und Jungs und Eltern. Alle von ihnen hatten in irgendeiner Form Angst, vor Ihren liebsten so zu sein, wie sie wirklich sind. Eine junge Frau schrieb mir mal, dass sie ihren jetzigen Job hasse und den Job nur nicht wechsle, weil sie Angst hat vor enttäuschten Blicken der Eltern habe. Sie schöpfte etwas Mut durch den Song und hat jetzt vor, dieses Thema mit ihren Eltern anzugehen.
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Foto: Christoph Köstlin
Hast du auch manchmal Angst, dein Umfeld mit deiner Ehrlichkeit in der Kunst zu verletzen?
Wenn mir etwas auf dem Herzen liegt und ich jemandem ganz ehrlich sagen muss, was ich denke, dann mache ich das meistens auf eine sehr liebevolle und umarmende Art. Über die Jahre habe ich da, glaube ich, ein gutes Taktgefühl entwickelt.
Denkst du, du kannst dich jemals von deinem Doppelleben lösen?
Ich weiß, dass diese Zeit des „Doppellebens“ jetzt schon vorbei ist und eine andere Zeit längst begonnen hat.
In „Anlauf nehmen“ singst du von einer gescheiterten Liebe, dass du dachest in der Person Familie gefunden zu haben. Träumst du mit 24 bereits von einer eigenen Familie?
Für mich ist Familie vor allem ein Zuhause, also ja. Ich kann mir sehr gut vorstellen, Ende Zwanzig Mutter zu werden und hätte auch total Lust darauf, diese Erfahrung zu machen. Da ist richtig Vorfreude!
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