Diagnose Eierstockkrebs: Mit 21 war mein Leben vorbei

PHOTOGRAPHED BY ROCKIE NOLAN.
Seren war dabei, ihr zweites Semester an der Salford University zu beginnen, als sie merkte, dass etwas nicht in Ordnung war. Als jemand, der gerne hart feierte, schob sie es darauf, dass sie zu viel ausgegangen und einfach ausgelaugt war. Seren lebte immer sehr gesundheitsbewusst, also feilte sie an ihrer Ernährung und ging wieder regelmäßig zum Sport, um, was auch immer sie aus der Bahn warf, gleich im Keim zu ersticken. Nur wurde es nicht besser. „Ich nahm zu und war dauernd aufgebläht“, sagt sie mir am Telefon. „Ich hatte außerdem fast drei Monate am Stück meine Periode, was echt komisch war.“
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Zwei Monate später, als sie immer noch kaum Verbesserung merkte, ging Seren zu ihrem Arzt zu Hause im Norden von Wales. Nachdem sie ihn überzeugt hatte, dass es ihr nicht wegen einer Nahrungsmittelunverträglichkeit so schlecht gehen konnte, machte er einen Bluttest. Seren war zurück an der Uni, als ihr Arzt anrief und ihr sagte, dass ihre CA125-Werte sehr hoch waren, sie solle sofort zur Notaufnahme gehen. „Ich hatte keine Ahnung, was das bedeutete, aber ich schrieb es auf einen Zettel und ging ins Krankenhaus. Als ich der Krankenschwester das Post-It gab, sah sie wirklich erschrocken aus.“ Seren wurde drei Wochen lang im Krankenhaus behalten. Als sie endlich entlassen wurde, war sie mit Eierstockkrebs diagnostiziert worden und hatte eine große OP hinter sich, bei der ihr der linke Eileiter und ein Eierstock entfernt wurden.
Bei Eierstockkrebs spricht man oft vom ‚leisen Killer‘, aber das ist eine nicht sehr hilfreiche und eher falsche Bezeichnung. Es ist nicht so, als könnte man die Symptome nicht ausmachen, bis der Krebs bereits im späten Stadium ist. Es ist eher so, dass es schwer ist, die Symptome richtig zu deuten und gerade bei jungen Frauen oft nicht danach gesucht wird. Das Risiko, an Eierstockkrebs zu erkranken, steigt mit dem Alter. Mehr als die Hälfte aller Frauen in Großbritannien, die damit diagnostiziert werden, sind über 65. Nur rund 1.000 Frauen unter 50 werden jährlich damit diagnostiziert, und die Zahl fällt auf nur 220 Frauen unter 30.

Es fühlte sich an, als hätte mir jemand in den Gebärmutterhals getreten. Die Schmerzen waren auch nach vier Tagen noch nicht vergangen.

Lisa
Dr. Vicki Barber erklärt uns, dass Eierstock-Screenings leider keine Regelmaßnahme sind und dass Patientinnen vor allem vier Hauptsymptome nennen: andauernde Aufblähung, Schwierigkeiten beim Essen oder ständiges Völlegefühl, dauernd auf die Toilette zu müssen oder stärkeren Harndrang zu verspüren, und Unterleibsschmerzen. Sie erklärt, dass Frauen wie Seren vielleicht oft gar nicht daran denken, dass diese Erscheinungen durch Krebs hervorgerufen werden könnten, weil Eierstockkrebs bei jungen Frauen so ungewöhnlich ist. Laut der Charity-Organisation Target Ovarian Cancer sagen nur drei Prozent der britischen Frauen, dass sie sicher die Symptome dieser Krankheit benennen könnten und tatsächlich werden rund ein Drittel der Frauen, die damit diagnostiziert werden, erst in der Notaufnahme auf ihre Krankheit aufmerksam.
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Lisa war 21 und hat in Hawaii studiert, als sie diagnostiziert wurde. Obwohl sie schon sechs Monate lang Gewicht verlor, schrieb sie das ihrem aktiven Lifestyle zu und merkte erst, dass etwas gar nicht in Ordnung war, als sie mit ihrem Freund Sex hatte. „Es fühlte sich förmlich so an, als hätte mir jemand in den Gebärmutterhals getreten und auch nach vier Tagen hatte ich noch starke Schmerzen, also ging ich zu einem Spezialisten. Sie hatte kaum meinen Bauch angefasst und wusste schon, dass etwas in mir wuchs – sie sagte mir, dass es die Größe einer kleinen Melone hatte.“ Nachdem sie zu einem Gynäkologen auf der Insel überschrieben wurde, wurde Lisa für die OP vorbereitet, um das Geschwür zu entfernen, dessen Größe sich innerhalb von nur drei Wochen verdreifacht hatte.
Sowohl Lisa, als auch Seren haben erst nach ihren Operationen bestätigt bekommen, dass es tatsächlich Eierstockkrebs war, da vorher nicht eindeutig identifiziert werden konnte, welche Art von Tumor es war. „Ich musste nach meiner OP eine Woche warten, bevor ich die Testergebnisse bekam“, sagt Seren. „Das war die längste Woche meines Lebens.“ Sie begann ihre Chemotherapie und entschied sich in der selben Woche, ihr erstes Jahr an der Uni zu verschieben. „Die ersten paar Sitzungen waren okay, ich war sogar überrascht darüber, wie gut es mir ging. Sie haben mir diese Steroide verabreicht und ich war nur am Rumspringen. Aber die letzten drei Sitzungen waren sehr hart.“

Zu den größten Herausforderungen für junge Frauen mit Eierstockkrebs gehören die Auswirkungen der Behandlung auf die Fruchtbarkeit

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Für Lisa war ihre erste Operation nur der Anfang. Während der ersten OP brach ihre Zyste auf und vier Monate später kam der Krebs zurück. Während sie sich von der ersten Operation erstaunlich schnell erholte – „Ich rannte und surfte drei Wochen später wieder“ –, traf sie die zweite viel härter, emotional und körperlich. „Zwei große Operationen in nur vier Monaten über sich ergehen zu lassen, hat an meinem Körper Spuren hinterlassen und ich war ziemlich naiv, als ich in die zweite hinein ging.“ Es hat Monate gedauert, bis Lisa sich erholen konnte – selbst kurze Distanzen zu laufen machte sie extrem müde und ihre körperliche Schwäche hat sie frustriert, besonders, weil sie vorher einen sehr aktiven Lifestyle pflegte.
Eine der großen Herausforderungen für junge Frauen mit Eierstockkrebs sind die Auswirkungen der Behandlung auf die Fruchtbarkeit – sei es die Operation, oder die Chemotherapie, oder beides. „Wir tun unser Bestes, um die Langzeitauswirkungen mit den Frauen zu besprechen und wie man mit den Emotionen zurechtkommt, die so eine Behandlung mit sich bringt“, sagt Vickie Gadd, eine Spezialistin der gynäkologischen Onkologie am britischen Maidstone Hospital. „Die meisten Frauen, egal welchen Alters, wollen einfach alles tun, um ihr Leben zu retten – sie sind im Überlebensmodus. Erst nachdem sie mit den Behandlungen durch sind, begreifen die meisten, was sie durchgemacht haben.“
Seren beginnt in ein paar Monaten ihre Fruchtbarkeitsbehandlung, bei der Eizellen eingefroren werden, „um auf der sicheren Seite zu sein“, aber sie sagt auch, dass es nicht immer einfach ist, in so jungem Alter solche Themen zu diskutieren. „Ich bin erst seit anderthalb Jahren mit meinem Freund zusammen und es ist eben ein bisschen komisch, weil der Partner auch zu den Beratungsgesprächen kommen soll. Wir sind beide erst 20 und wollen eigentlich noch gar nicht über dieses Thema reden, aber ich muss halt. Zum Glück ist er wirklich toll und sehr unterstützend, was das alles angeht.“
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Ein großer Teil der Person, die ich heute bin, ist ein Resultat des Krebs.

Lisa
Für Lisa hatten ihre Diagnose und die darauffolgenden Operationen nicht nur Auswirkungen auf ihre Fähigkeit, sich auf Beziehungen einzulassen, sondern auch auf die Entscheidungen, die sie in den letzten fünf Jahren getroffen hat. „Ein großer Teil der Person, die ich heute bin, ist ein Resultat des Krebs.. Nachdem ich die zweite Diagnose bekommen hatte, wusste ich, dass ich möglicherweise nie eigene Kinder haben würde, also konzentrierte ich mich stattdessen auf meine Karriere. Ich habe meinen Master gemacht und meinen Job gefunden, und mein Leben einfach mit so vielen möglichen anderen Sachen gefüllt, wie ich nur konnte.“
Die Seltenheit, mit der Eierstockkrebs bei jungen Frauen vorkommt, gepaart mit der Schwierigkeit, die Symptome korrekt zu identifizieren, machen diesen Krebs so schwer behandelbar. Vickie hat dieses Problem erkannt, besonders in der jüngeren Generation, und sagt, dass der Fokus darauf gelegt werden sollte, Frauen zu ermutigen selbstbewusst danach zu fragen, was mit ihren Körpern los ist. „Wir wollen, dass die Menschen in der Lage sind zu ihren Frauenärzten zu gehen, wenn sie Symptome bemerken, und sagen zu können ‚Da fühlt sich etwas nicht richtig an, ich will einen Ultraschall‘.“
Dr. Jonathan Krell, beratender Onkologe am Hammersmith Hospital, meint, dass junge Frauen sich keine unmittelbaren Sorgen um Eierstockkrebs machen müssten, dass sie jedoch trotzdem auf ihren Körper hören und sich mit einer möglichen Krebshistorie in der Familie auseinandersetzen sollten. „Die Krankheit möglichst früh zu erkennen, gibt uns eine bessere Chance sie zu heilen.“ Seren stimmt zu. „Wäre ich nicht in dem Moment zum Arzt gegangen, in dem mir etwas nicht ganz richtig vorkam – nur Gott weiß, was dann passiert wäre. Ich habe sehr auf meinen Körper und meine Gesundheit geachtet und habe sofort bemerkt, dass etwas komisch war, aber viele Frauen machen das nicht und dann ist es zu spät. Du musst dir dieser Sachen bewusst sein und keine Angst haben, zum Arzt zu gehen – es kann nicht schaden, aber es kann dir eventuell das Leben retten.“
Mehr Informationen findest du auf der Infoseite der Deutschen Krebsgesellschaft.
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