Diane Kruger exklusiv: „Ich passe nicht in das Profil eines typischen Bond-Girls"

FOTO: getty
Ungeschminkt und im lässigen T-Shirt-Jeans-Look fläzt Diane Kruger an einem sommerlichen Nachmittag in Berlin auf einem XXL-Sofa. Heute morgen erst ist sie aus ihrer Wahlheimat Paris eingeflogen um ihren Film „Sky - Der Himmel über dir“ zu promoten. Darin spielt Kruger eine Aussteigerin, kämpferisch und verletzlich zugleich. Es heißt, ein Treffen mit „la Kruger“ sei wie eine Schachtel Pralinen. Man wisse nie so genau, was man bekommt. Könnte man unter Image-Pflege verbuchen. In jungen Jahren hat sie es aus dem Irgendwo im Nirgendwo bei Hildesheim nach Hollywood geschafft und wollte danach nur noch eines: Nichts mehr zu tun haben mit diesem Ort, der O-Ton Diane Kruger, „ überwiegend miesen Trash wie Iron Man ausspuckt und von Chauvis regiert wird.“ Klare Ansage! Im Gespräch mit Ref29 will die sonst ach so Wortkarge keine Gefangenen machen. Na dann, Feuer frei, Diane!

Der Film „Sky“ handelt von einer Frau, die vor ihrem alten Leben Reißaus nimmt, um in den USA einen Neustart wagt. Hattest du schon mal das Gefühl, ausbrechen zu wollen?

Ja, ständig. Sobald ich mich zu lange in einer Situation unwohl fühle, fängt es in mir an zu brodeln und ich suche nach einem Ausweg. Ich bin nicht jemand, der jahrelang nachdenken muss. Da bin ich sehr impulsiv. Auch die Entscheidung aus Deutschland wegzugehen war ein Schritt, den ich mir nicht lange überlegen musste.

Du bist mit 16 von zu Hause ausgezogen um in Paris als Model zu arbeiten. Hat dich das furchtlos werden lassen?
In gewisser Weise schon, ja. Ich war jung, unabhängig, reiste viel umher und verdiente mein eigenes Geld. Ich hatte das Gefühl, die Welt erobern zu können. Dieses Gefühl ist bis heute geblieben. Ich hatte noch nie Angst vor dem Unbekannten.

Wann warst du zuletzt auf einem Selbstfindungstrip?
Jeder Film ist für mich wie ein Selbstfindungstrip. Als Schauspielerin ist es mein größter Luxus, mich nicht mit mir selbst beschäftigen zu müssen, sondern immer wieder in eine andere Figur schlüpfen zu können. Gleichzeitig reflektiere ich auch stark mit den Charakteren, die ich verkörpere.

Es gibt zwei besonders denkwürdige Momente in „Sky“ – als Romy sich gegen ihren Ehemann zur Wehr setzt, der sie zu vergewaltigen versucht. Und wie sie durch die Begegnung mit anderen starken Frauen an eigener Stärke hinzugewinnt.
Ja und in beiden Szenen steckt so viel Wahrheit. Es muss erst zur versuchten Vergewaltigung kommen, dass sie den Mut fasst, ihren Mann zu verlassen. Nachdem sie ihn verlassen hat, verschwendet sie keinen Gedanken daran sich gleich wieder neu zu verlieben. Aber genau das passiert ihr und so kommt es meistens auch im wahren Leben. Du findest die Liebe, wenn du es am wenigsten erwartest und mit einer Person, mit der du es noch viel weniger erwartet hättest.

Du hast dich während der Dreharbeiten mit deiner Kollegin Lena Dunham angefreundet, die sich in Hollywood aktiv für die Gleichberechtigung von Frauen im Entertainment-Business einsetzt. Ist es wirklich so schlimm?
Es ist furchtbar! Es müssen erst Projekte wie „Women in Hollywood“ ins Leben rufen werden, um dieses große Problem anzugehen. Es gibt für Frauen tolle Rollen und wir können diese selbst erschaffen, so wie Lena es mit ihrer Serie „Girls“ vorgemacht hat. Sie ist Produzentin, Regisseurin, Autorin und Hauptdarstellerin ihrer eigenen Show. Durch das Aufkommen neuer Plattformen wie Netflix oder Amazon Prime haben sich in der Hinsicht viele tolle Möglichkeiten ergeben. Aber es ist nach wie vor schwer. Eine Frau, die in ihrem Job ein Mitspracherecht geltend macht oder Forderungen stellt, gilt gleich als schwierig oder Diva. Während solche Dinge bei einem Mann anders ausgelegt werden, da heißt es dann, dass er sich einbringt und großen Wert auf seine Kunst legt. Lächerlich!
Werbung

Eine Frau, die in ihrem Job ein Mitspracherecht geltend macht oder Forderungen stellt, gilt gleich als schwierig oder Diva.

Diane Kruger


Hast du diese Form der Ungleichberechtigung schon persönlich erleben müssen?
Die erlebe ich tagtäglich. In den Staaten kann ich von dem Gehalt meiner männlichen Co-Stars nur träumen.

Soll heißen, Norman Reedus, hat für seine Rolle in Sky mehr Geld erhalten als du?
Nein, für Sky habe ich gar kein Geld bekommen. Ich glaube, niemand der Beteiligten hat das.

Dein Freund Joshua Jackson spielt in „Sky“ einen Polizisten, der dich verhört. Und er trägt einen Schnurrbart!
Oh mein Gott, dieser Schnurrbart! Den fand ich ganz schrecklich! Aber Joshua war der Meinung, dass der Bart seiner Figur Charakter verleihen würde, also lies er sich drei Monate lang einen Vollbart stehen, den er am Morgen vor unserem Dreh zum Schnauzer zurecht stutze. Als unsere Szene im Kasten war sagte ich ihm, er solle doch bitte den Bart abrasieren bevor er nach Hause kommt! (lacht)

Auch wenn du die Frage nicht mehr hören kannst, sei es uns doch gestattet, kurz nachzuhaken. Dieses Jahr feierst du mit Joshua dein zehnjähriges Jubiläum. Wäre doch ein toller Zeitpunkt...
...um zu heiraten? (lacht) Ich kann euch verraten, warum wir noch nicht verheiratet sind. Wir sind beide nicht religiös und ich fühle mich Joshua nicht weniger verbunden, nur weil wir uns von einem Pfarrer haben trauen lassen. Außerdem sind wir beide Scheidungskinder. Vielleicht fällt es mir dadurch schwerer, die Ehe etwas Verbindliches anzusehen. Gut möglich, dass sich meine Einstellung dazu irgendwann ändert.

Es würde mich überhaupt nicht interessieren, einfach nur das blonde, hübsche Häschen im Cocktailkleid an der Seite des Helden zu spielen.

Diane Kruger


Apropos Einstellung: Du machst keinen Hehl aus deiner Abneigung gegen Donald Trump. Mal angenommen, er wird der nächste Präsident der Vereinigten Staaten, würdest du dann den USA den Rücken kehren?
Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass es so weit kommen wird!

Du pendelst seit Jahren zwischen deinem Wohnsitzen in Los Angeles und Paris – wo wirst du wurzeln schlagen, solltest du eines Tages doch mal eine Familie gründen wollen?
Ich fühle mich sehr europäisch und möchte meinen Lebensabend gerne in Paris verbringen. Ich habe diese Vorstellung, dort eines Tages meine Kinder großzuziehen. Wohl gemerkt: Eines Tages. Also noch nicht jetzt! (lacht)

Wie oft wurde dir eigentlich schon die Rolle des Bond-Girls angeboten?
Noch nie! Erstens glaube nicht, dass ich in das Profil eines typischen Bond-Girls passe. Zweites würde es mich überhaupt nicht interessieren, einfach nur das blonde, hübsche Häschen im Cocktailkleid an der Seite des Helden zu spielen – da fände ich die Rolle des Antagonisten viel spannender und reizvoller.
Werbung