Die App fürs Seelenheil: Wann Online-Therapie helfen kann

FOTO: Mantini Natalia
Burnout, Existenzangst, Depressionen – psychische Leiden können viele Gesichter haben. Manche sind auf den ersten Blick ansehnlich, andere sind von Narben gezeichnet und hässlich. Allein in Deutschland leiden etwa 20 Millionen Menschen an psychischen Erkrankungen. Studien zufolge werden allerdings nur zehn Prozent davon angemessen versorgt.

Oftmals schleicht sich das seelische Unheil langsam an und wird unter dem Deckmantel des Stresses nicht ernst genommen. Oder es wird einfach nicht darüber gesprochen – weil es sich nicht schickt, weil es unmännlich ist, weil es für Schwäche gehalten wird. Bei diesem Prozess des Anschleichens, beim Eingreifen bevor's zu spät ist, setzt die App humly an: „Wir sind ein digitaler Gesundheitscoach für Menschen mit psychischen Herausforderungen", erklärt Gründer Philipp Joas im Gespräch mit Refinery29. „Wir wollen die Anzahl an psychischen Erkrankungen in den nächsten zehn Jahren um die Hälfte verringern. Dass momentan so viel Betroffene in Deutschland allein gelassen werden, ist für mich eine katastrophale Situation. Unser Gesundheitssystem soll eines der besten in Europa sein, aber hat für mich da bis jetzt komplett versagt." Seine Lösung, so sagt er, sei die Digitalisierung. Schließlich haben wir alle ein Handy, nutzen wir es doch auch, um unsere Psyche zu optimieren.

„Wir wollen dazu beitragen, dass Therapie kein Tabuthema mehr ist", fügt Mitgründerin Gesa Schramme hinzu. „Ich wünsche mir, dass die Stigmatisierung, die es in der Gesellschaft gibt, aufhört. Wenn jemand zugibt, dass er sich professionelle Hilfe sucht, dann sind die Reaktionen immer noch aufgerissene Augen und ein entsetztes ‘Oh mein Gott'."

Wie der Onlinedienst genau funktioniert: Über die App werden individuelle und personalisierte Kurse angeboten, die bei Bedarf durch telefonische Gespräche oder Chats mit einem Psychologen angereichert werden können. Monatlich kostet die Verhaltenstherapie im Internet 49 Euro. Wer's lieber allein macht und nur die Selbsthilfeübungen bearbeiten möchte, bezahlt neun Euro im Monat.

Zunächst beantwortet der Nutzer Fragen, die seine psychische Herausforderung herausarbeiten sollen. Das Berliner Start-up, das im Juli mit seinem Übungsprogramm online ging, verzeichnet zum 1. September schon 18 Mitarbeiter. Die Psychologen sitzen mit im Büro in Kreuzberg. „Jeder einzelne Mitarbeiter von uns hatte in seinem Familien- oder Bekanntenkreis schon einmal einen Vorfall einer psychischen Erkrankung – von daher stecken wir alle sehr viel Herzblut in diese Arbeit, um Menschen helfen zu können", so Joas.
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Die Zielgruppe ermittelte humly aus den Bedürfnissen ihres Umfelds: Zum Beispiel sind die Eltern einer Mitarbeiterin gehörlos und das Team wurde aufmerksam darauf, dass es wenig Hilfestellung in Deutschland für Taubstumme mit psychischen Problemen gibt. „Wir haben circa 80.000 Gehörlose in Deutschland, wovon grob 50 % mit einer psychischen Erkrankung belastet sind. Diese Zahl ist so hoch, weil diese Menschen natürlich in ihrem Umfeld einem ganz anderes Stresslevel ausgesetzt sind, dadurch dass sie nichts hören. Wir haben gemerkt, dass es einen hohen Bedarf und ein großes Interesse an Hilfe gibt", so Schramme. Die Programme haben die Coaches für relevante Gruppen, die extremem Stress ausgesetzt sind, sinnvoll angepasst: Polizisten, Profisportler, Lehrer, Gehörlose. „Solange man ein Mobiltelefon besitzt, kann man auch Hilfe von uns bekommen. Wir schließen niemanden aus, doch unseren Fokus haben wir erst einmal auf die Berufsanfänger gesetzt, weil der Befund von psychischen Symptomen in diesem Lebensabschnitt am höchsten ist", erklärt Joas.
Es leuchtet schon ein, dass man als Berufsanfänger mit vielen Unsicherheiten zu kämpfen hat: Wenig Geld, viel Arbeit, Druck von Vorgesetzten, Angst vor der Zukunft – die To-Do-Liste ist lang und der Geduldsfaden ist kurz. Interessant ist ebenfalls, dass die Anonymität des Internets auch Männer bestärkt, mit jemandem zu reden. Bei humly sind derzeit 60 Prozent der Nutzer weiblich und 40 Prozent männlich. In der klassischen Face-to-Face-Therapie liegt das Frau-Mann-Verhältnis bei 80 zu 20. So eine Therapie hat für viele eben bisher nicht zum Stereotyp des starken Mannes gepasst...

Auch wenn ganz klar gesagt werden muss, dass Onlinetherapieverfahren wie das von humly keine klassische Psychotherapie ersetzt, können die Übungen doch frühzeitig helfen. Die Appentwickler arbeiten gerade mit der Ludwig-Maximilians-Universität in München zusammen, um ein neues Modell zu entwickeln, das sogar bei der regulären Psychotherapie unterstützen kann. Dieser Service soll künftig von den Krankenkassen übernommen werden. Joas ist überzeigt davon, dass die App auch therapiebegleitend enorm stärken kann.

Bis dahin funktioniert der Dienst als präventiver Freund, der einem sagt, wenn man auf die Bremse treten sollte. Die Gründer vergleichen ihr Angebot mit dem Kieser Training – man macht Übungen, um später nicht krank zu werden. Nur ist dieses Training nicht für den Rücken, sondern für die Seele.
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