3600€ für das Prestigepaket: So wird die Geburt eines Kindes zum Geschäft gemacht

Photo: Courtesy of Liane Metzler/Unsplash
Nachdem meine Frau von ihrer Schwangerschaft erfuhr, traf sie die scheinbar vernünftige Wahl, eine umfassende private Krankenversicherung abzuschließen. Leider haben wir zu diesem Zeitpunkt nicht gemerkt, dass die tatsächliche GEBURT von besagter Versicherung nicht übernommen wurde.

Polen (unser jetziges Zuhause), hat einen eigenen privaten Gesundheitsservice, England den nationalen Gesundheitsdienst (NHS), aber beide leiden unter den gleichen Belastungen. Im Gegensatz dazu werden die privaten Krankenhäuser in Europa hochgeschätzt; sie können sich hauptsächlich nur die reichen Einheimischen und Ausländer leisten und sie ziehen sogar „medizinische Touristen“ aus reicheren Ländern an. Da meine Frau sich an das Personal und die Einrichtungen in so einem privaten Krankenhaus gewöhnt hatte, entschieden wir uns, dabei zu bleiben, und vor ein paar Tagen wurden wir herzlich dazu eingeladen, um uns für ein "Geburtenpaket" zu entscheiden, für das wir einen katastrophalen Betrag zahlen sollten.

Ähnliche, völlig private, Institutionen gibt es auch im Vereinten Königreich, so wie das London Bridge Hospital, aber ich hatte noch nie das Bedürfnis oder die Notwendigkeit oder das Geld, dorthin zu gehen. Dies war mein erster Aufenthalt und ich gebe gerne zu, dass es ein schön aussehendes Krankenhaus ist, und es hat nicht diesen Geruch nach Sagrotan-mit-Urin-vermischt. Von der Rezeption kam mir ein Lächeln statt einer Grimasse entgegen und mir wurde sogar eine Tasse Tee angeboten. (Natürlich habe ich zehn getrunken, um etwas für mein Geld zu bekommen.)

Trotzdem habe ich es nicht geschafft, mein ungutes Gefühl abzuschütteln. Ich fühlte mich wie in einer Utopie von „Die Frauen von Stepford“ und erwartete jeden Moment, dass die gelassenen Gesichter der Schwestern wegschmelzen könnten und sich rotäugige Roboter darunter zeigen könnten, oder dass sich die Türen zum OP öffnen und einen dunklen Sortierraum zum Vorschein bringen, in dem die Reichen und Schönen durch einen Wasserfall in einen wunderschönen Garten gelockt werden, während die Hässlichen oder Schwachen einfach in eine feurige Grube geworfen werden. Ich wusste natürlich vorher, dass moderne medizinische Versorgung ein Geschäft wie jedes andere ist.
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'SIR, SOLLTE IHRE FRAU ZU IRGENDEINEM ZEITPUNKT SCHMERZMITTEL WÜNSCHEN, DANN WERDEN WIR SIE GERNE AUTOMATISCH ZU EINEM BESSEREN PAKET UPGRADEN...'

Diese Geburtenpakete: Das erste der drei Pakete war das "Grundpaket". Für den Preis von umgerechnet 1.430€ bekäme man ein privates Bett und eine zugesicherte Hebamme und etwas Nachsorge, aber - das muss man sich vorstellen - keine Betäubung. Nichts. Noch nicht einmal Gas und Luft. „Aber keine Sorge", sagte der Arzt, „sollte Ihre Frau zu irgendeinem Zeitpunkt Schmerzmittel wünschen, werden wir sie automatisch zu einem besseren Paket upgraden... wobei natürlich eine geringe Verwaltungsgebühr anfällt."

Natürlich.

Ich begann zu schwitzen. Auf einmal fühlte ich mich wie bei Ryanair und, egal wie ich auch quetsche, mein Handgepäck passt einfach nicht in den Metallkäfig neben dem Schalter. Ich stellte mir eine arme Frau mitten in den Wehenschmerzen vor, verzweifelt nach Schmerzstillung, aber wissend, dass sie nicht nachgeben darf, weil sie dann ein Geburtenpaket bekommt, das sie sich nicht leisten kann, und noch eine Strafgebühr zahlen muss.

Das zweite Paket nannte sich "Standardpaket", und uns wurde gesagt, es sei das, was die meisten Leute nehmen würden. Keine Überraschung - man gucke sich den Namen an. Stellt euch den armen Ehemann vor, der jetzt das "Basispaket" nimmt; den glühenden Blick seiner Frau, der sagt „du hast gerade entschieden, mir und deinem Kind eine schlechtere Versorgung als Standardversorgung zu geben."

Für etwa 1.900€ bekommt man im Standardpaket Schmerzlinderung, sowie regelmäßige Supervision durch einen Arzt. Ich war wieder bei Ryanair, wo die Mitarbeiterin gerade eine Liste von "optionalen Extras" vorliest (obwohl sie kurz vor rauchfreien Zigaretten aufhörte.) Für 330€ extra kann man einen Arzt die ganze Zeit dabei haben. Für weitere 120€, so wurde uns gesagt, können wir auf ein Familienzimmer upgraden, was dem Partner die Möglichkeit bietet, nach der Geburt über Nacht zu bleiben. Die Mitarbeiterin starrte mir direkt in die Augen und fragte mich, ob ich Interesse hätte. Da war das bohrende Schuldgefühl wieder. Welcher Mann kann da schon Nein sagen? Was für ein mieses Schwein würde seine Frau nach einer solchen Tortur allein lassen und die Möglichkeit, die erste Nacht seines Kindes mit ihm zu verbringen, abschlagen?

Ich versuchte, mich aufrecht zu halten für das letzte Paket, aber glücklicherweise war es so absurd, dass ich etwas anderes als Belustigung empfinden konnte. Es nannte sich - im Ernst- das "Prestigegeburtspaket".

Im Prestigegeburtspaket (etwa 3.600€) bekommt man wirklich alles, was man will. Bei der Ankunft wird man in einen -wieder, kein Witz- "VIP-Geburtsraum" gebracht. Es gibt volle Verpflegung. Man kann jeden Arzt jede Sekunde verlangen; wie es klang, muss er noch nicht mal Gynäkologe sein - wenn man einen Podologen will, bekommt man ihn. Und, wichtig, wenn man gerade einen Kaiserschnitt will, bringen sie einen gleich in den OP, ohne Fragen. Dort kann die werdende Mutter sich zurücklehnen, ein kühles Glas Chardonnay genießen, während Morgan Freeman mit seiner so beruhigenden Stimme sich die Hände desinfiziert und bereit ist, den Eingriff vorzunehmen.

Aber Spaß beiseite, ich verstehe den Kapitalismus des freien Marktes, die Vorteile der Auswahl, die Wichtigkeit, dass sich Frauen bei der Geburt wohlfühlen. Ich sehe ein, dass für jeden, der ein britisches Gehalt verdient, diese Beträge vielleicht realistisch erscheinen. Aber ich konnte das Gefühl nicht verdrängen, dass das alles sehr, sehr traurig ist. Brauchen wir wirklich "Prestige" um uns vom Rest abzuheben, selbst wenn man so etwas Vereinendes wie die Geburt eines Kindes erlebt?

WERDEN SO ALLE KRANKENHÄUSER NACH DER NHS-ZEIT SEIN? EIN ABGESTUFTES SYSTEM, WO DIE ARMEN OHNE IHRE BETÄUBUNG TIEF DEPRIMIERT ZU DEN REICHEN SEHEN, WIE SIE MIT EINEM GOLFWAGEN IN DAS LOBSTERRESTAURANT GEFAHREN WERDEN?

Mein Vater ist ein Arzt der alten Schule, aus der Zeit, in der Patienten, ob arm oder reich, vorsätzlich seiner Expertise vertrauten, anstatt ihm etwas zu diktieren. In den Jahren nach seiner Pensionierung schrieb er ein Buch, um seine Traurigkeit über die viel dokumentierten "Konsumerisierung" der medizinischen Versorgung auszudrücken. Vernunft und Expertenrat, so schien es ihm, wurden nicht mehr wertgeschätzt, und durch eine "der Kunde hat immer Recht"- Haltung ersetzt. Ich vergaß zu erwähnen (so wie auch das Krankenhaus), dass es sogar eine Gebühr kostete, den Mitarbeiter überhaupt zu sehen, um das Geburtenpaket auszuwählen. In England habe ich froher Gesinnung stundenlang in NHS-Krankenhäusern gewartet, zufrieden, dass die Ärzte und Pflegekräfte ihr Bestes geben. Aber hier, wenn es auch nur eine 20-minütige Verspätung gab, fühlte ich mich verärgert. Ich hatte bezahlt, und daher fühlte ich eher wie ein Kunde, der einen Dienst erwartete, und nicht wie ein Patient, der Hilfe brauchte.

Es gibt hunderte Argumente für und gegen diesen neuen Ansatz, aber schlussendlich sage ich: Als ich dort saß und den Berater auf meine Frau einreden sah, ein Ökonome, ob sie einen Kaiserschnitt wolle oder nicht, fühlte ich mich unwohl. Der Kunde mag immer recht haben, aber weiß der Kunde immer, was richtig ist? Ich stellte mir eine Zukunft vor, in der jeder mit genug Geld zum Arzt gehen und nach einer Herztransplantation fragen kann, weil das Alte „nicht mehr so gut ist wie früher" ist. Eine Welt, in der Krankenhäuser wie Restaurants sind und Patienten kommen und alles haben können, was sie wollen, und glücklich wieder gehen, solange der Service gut ist. Und das hat mir Angst gemacht.
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