„Die Work-Life-Balance ist eine Volkskrankheit"

Kind, Karriere und Hobbies? Ja, das geht. Ich bin Claudia Schwarz, 34 Jahre alt und alleinerziehende Mutter. Als Unternehmensberaterin und strategischer Coach für Top-Manager schmeiße ich quasi in einer Männerdomäne den Laden. Doch das reicht mir nicht: neben meiner Münchner Modelagentur, die ich bereits mit 19 Jahren gegründet habe, bin ich auch als Pferdeflüsterin tätig. Was für manche nach purem Stress klingt, ist für mich die totale Erfüllung. Ich liebe meine Jobs und bin stolz auf meinen Erfolg!
Als Coach und Unternehmensberaterin arbeite ich hauptsächlich mit Männern zusammen, was nicht immer einfach ist. Vor allem dann, wenn ich mit Vorurteilen konfrontiert werde. Einige Klischees betreffen mein Alter. Auch wenn ich für viele noch ein Küken bin, darf man mich langsam ernst nehmen. Andere betreffen wiederum mein Erscheinungsbild. Wenn ich beispielsweise einen Raum betrete und einigermaßen adrett und akzeptabel aussehe, geht jeder grundsätzlich davon aus, dass ich mit meinen Kunden schlafe. Aber das stört mich nicht mehr, denn ich habe3 gelernt, damit umzugehen. Wenn mich etwas verärgert, bleibe ich liebevoll. Vor allem zu mir selbst. Ich tue mir keinen Gefallen, wenn ich dann zickig werde. Ich versuche, stattdessen zu sehen, was das Problem der Person sein könnte. Dann versuche ich - da bin ich sehr dankbar für diese intuitive Stärke - dass ich die Menschen spüre. Das klingt kitschig, aber in Gedanken nehme ich die Menschen oft in den Arm. Das hilft mir und hilft den anderen. In dem Moment, in dem ich mit Menschen zusammenarbeite und in irgendeiner Form eine Reaktion oder Emotion in mir passiert, kann ich extrem viel über mich selbst lernen. Das ist ein riesengroßes Geschenk.
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Auch wenn mein Terminkalender sehr voll ist, sehe ich das nicht als Last. Ganz im Gegenteil. Der Begriff “Work-Life-Balance” ist für mich eine Volkskrankheit. Permanent konzentrieren wir uns darauf und fragen uns: “Hab ich denn Work-Life-Balance?” Das wird definiert in unzähligen Büchern, aber das macht die Menschen doch todunglücklich. Wenn ich gerne von 8-22 Uhr arbeite und es liebe, dann ist das doch vollkommen okay. Ich finde, die Menschen sollten einfach wieder mehr auf sich selbst hören und spüren, was sie möchten. Ich bin oft auch nicht in meiner Balance, das hat aber ehrlich gesagt fast nie etwas mit der Arbeit zutun. Ich arbeite so gerne und liebe meinen Job sehr. Aber dieser permanente Einfluss von Außen, das vorgegebene vermeintlich perfekte Bild wie Situationen sein müssen oder wie Beziehungen auszusehen haben, das macht die Menschen krank und leer, weil sie sich auf etwas beziehen was sie in Wahrheit selbst gar nicht sind.
Erst kürzlich war ich selbst kurz vor einer Depression. Mir ging es richtig schlecht, in einer Form, in der ich Sorge hatte, die Kontrolle zu verlieren. Ich war nur noch traurig, habe mich zwar als Mami zusammengerissen und in meinem Job performed, aber ich habe gemerkt, dass ich ausgebrannt bin. Für mich war es das Härteste, zuzugeben, dass ich in einer beginnenden Depression stecke - ich als „Profi"! Da schämt man sich schon ein bisschen. Wir sind ja alle darauf konditioniert, zu leisten und immer gut auszusehen. Zu erleben wie das ist, wenn man nicht mehr kann, war für mich und auch für meinen Beruf eine ganz wichtige Erfahrung. Es geht wirklich darum, sich selbst zu spüren und Bedürfnisse ernst zu nehmen.
Dabei hilft mir auch die Arbeit als Pferdeflüsterin. Ich habe relativ früh einen Bezug zu Pferden aufgebaut und habe verstanden, was sie empfinden. Und so habe ich begonnen, die Pferde durch Intuition zu „korrigieren”. Aber nicht nur ich heile die Pferde, sondern sie heilen auch mich. Wenn ich verunsichert bin, oder traurig. Wenn ich Wärme und Liebe brauche, dann tun mir die Tiere einfach gut. Diese bedingungslose Liebe, die mir die Tiere entgegenbringen, hilft, mir mit Selbstliebe zu begegnen. Ich steige nie einfach so direkt auf ein Pferd wie auf ein Motorrad, wenn ich nicht das Vertrauen des Tieres gewonnen habe. Es gibt hier viele Parallelen zu meinem Beruf. Dort versuchen die Menschen auch oft, mit dem Bulldozer durchzukommen. Dabei müssen vor allem Führungskräfte erstmal die Basis für Kommunikation und Begegnung schaffen, anstatt dieses Selbstverständnis und eine Haltung á la „Ich komm jetzt rein und ihr macht alle was ich will” an den Tag zu legen. Um nachhaltige Beziehungen aufzubauen und Kommunikation möglich zu machen, braucht es Gefühl und Demut. Man muss manchmal erst eine andere Blickrichtung einnehmen, um wirklich sehen zu können…
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