#DirtyThirty: It's all about Sex oder wieso man nicht jeden Trend mitmachen muss

#DirtyThirty: Maren Aline Merken ist 30 Jahre alt, Wahlberlinerin mit Herz für die Hauptstadt und dennoch ständig unterwegs. Ob auf Recherchereise im kunterbunten Indien, auf der Suche nach den neusten Foodtrends im lebhaften Johannesburg oder beim leicht chaotischen Familien-Kaffeeklatsch in ihrer Geburtsstadt Düsseldorf – sie ist neugierig, begeisterungsfähig, wortverliebt und gar nicht mal so spießig, wie sie selbst sich Ü30-Frauen als Teenager vorgestellt hat. Immer hungrig auf Neues feiert sie das Leben mit der 3 vorne – und versteht bis heute nicht, wie man Angst vor dem 30. haben kann.
Ich liebe Berlin. Ich liebe diese Stadt mit all ihren Facetten: Der Toleranz gegenüber jeder Lebensform, der schnoddrigen Berliner Schnauze, der betonten Lässigkeit, die manchmal gar nicht so lässig ist, und auch mit ihren vielen Gesichtern – egal ob sonnig und wunderschön oder grau und hässlich. Ich liebe das im Restdeutschland regelmäßig belächelte Hipstertum, den Fakt, dass jeder alles immer tun kann, das Überangebot an Freizeitangeboten und vor allem die Offenheit Neuem gegenüber. Das kann ein Segen sein, aber auch ein Fluch. Unsere Generation ist betont offen, betont lässig, betont tolerant. Und Berlin ist fast immer Vorreiter dieser betont offensichtlich gelebten Attribute. Vor allem wenn es ums Zwischenmenschliche geht.
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Ich frage mich, was ist das nächste Level? Was bitte ist die Steigerung von Sexualität? Hypersexualität?

Offene Beziehung? Haben wir schon ausprobiert! Sextoys? Liegen natürlich bei uns in der Schublade. Gleichgeschlechtliche Erfahrungen? Aber sicher doch – wir lieben Menschen und nicht das Geschlecht einer Person. Ich persönlich mag diese sexuelle und emotionale Offenheit und die Toleranz für alternative Beziehungsmodelle. Ich finde aber auch alles kann, nichts muss. Ich begegne immer wieder Menschen, oft Frauen, die sind Anfang 20 und erzählen mir, wie offen sie sind. Wie toll das doch alles ist. Freie Liebe juchhu. Die suchen auf Tinder nach einer zweiten Frau für einen Dreier. Weil wir mal was ausprobieren wollen und sexuell das nächste Levelerreichen wollen. Ich frage mich, was ist das nächste Level? Was bitte ist die Steigerung von Sexualität? Hypersexualität? Dreier sind ne tolle Sache. Wenn alle drei es wollen. Und sie es eben wirklich wollen. Und nicht weil es gerade hipp ist. Oder man Angst hat, wenn man sagt nein, derjenige zu sein, der langweilig ist.
Ich habe den Begriff Ich liebe Menschen schon immer gemocht. Es ist ja schließlich egal, ob man sich in eine Frau oder einen Mann verliebt, ob man mit Frauen, Männern oder beiden schläft. Und ich glaube, wenn ich mich in eine Frau verlieben würde, wäre es weder für mich noch für mein Umfeld ein Problem. Was ich nicht mag ist auf Teufel komm raus unangepasst, offen, wild zu sein. Gefühlt meint jeder aktuell seine Sexualität zu einem Ding der Öffentlichkeit machen zu müssen. Find ich auch super. Aber für mich liegt ein gewaltiger Unterschied zwischen wollen und müssen. Wenn mir eine 22-Jährige erzählt das Sexleben von ihr und ihrem Freund sei so langweilig geworden, dass sie mal was Neues ausprobieren wollen, denke ich mir, da läuft was falsch. Was haben die denn nicht begriffen? Sex ist kein Marathon. Es ist eine Intimität zwischen zwei oder mehr Menschen, die Spaß macht. Vage geschätzt, die Dame hatte das erste Mal mit 16 Geschlechtsverkehr: Wie kann sie in sechs Jahren den Spaß daran verloren haben? Wie sollte es dann mir mit 30 gehen?
Uns überrollt eine Welle an Sextoys: Wo früher noch schüchtern gekichert wurde, wenn das Wort Dildo oder Vibrator fiel, wird heute nur noch müde gelacht. Das ist doch lahm. Die Vibratoren liegen heute in guter Gesellschaft bei Anal Plugs und Bondagematerial. Analketten und Liebesschaukeln finden sich ebenfalls in der absichtlich prominent platzierten Kiste wieder. Weil Spaß haben doch okay ist. Und Sexualität darf doch experimentell sein. DARF SIE. Aber MUSS sie nicht. Wenn ich höre, dass es bei Paaren im Bett nicht mehr so läuft und sie sich mal ein paar Toys bestellen müssen, weiß ich nicht, ob ich Lachen oder Weinen soll. Sind wir mal ehrlich: Was läuft denn da nicht? Meistens fehlt es ja vor allem an der Frequenz. Oder der Qualität. Aber weder das eine noch das andere lässt sich mit Sexspielzeugen aus der Welt räumen. Ich bin ja ein großer Fan von Kommunikation. Meist sind die Lösung für solche „Probleme“ , wenn es denn welche sind, nicht irgendwelche Plastikteile in leuchtendem Lila oder Pink, sondern ein ehrliches Gespräch bei einem Glas Wein.
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Versteht mich nicht falsch: Ich finde Diversität toll – im Leben, Lieben, im Bett. Ich finde es wunderbar, dass jeder heute das machen kann, was er möchte und sich dafür nicht in schummrigen Spelunken oder peinlichen Sexshops herumtreiben muss. Aber ich habe das Gefühl heute meint jeder er muss zwanghaft offen und experimentierfreudig sein.

Als ich eine Fernbeziehung hatte, haben meine Freundinnen mir mal einen Vibrator geschenkt. So als Gag. Vielleicht auch nicht als Gag, aber die Optik desselben lässt keinen anderen Schluss zu: Das Ding ist quietschgrün, sieht aus wie ein Wurm und heißt laut Hersteller Paul. Es liegt ungelogen seit circa sieben Jahren in meiner Unterwäscheschublade und grinst da blöd vor sich hin. Ich kann mir nur begrenzt vorstellen, dass dieses grüne Plastiktier mit seinem debilen Dauergrinsen bei mir und meinem Sexualpartner vermehrte Lust hervorrufen würde. Vielleicht muss man die Augen zu machen und sich auf die Funktion verlassen – aber das steht sich ja meiner Meinung nach dann wieder komplett im Weg.
Sind wir mal ehrlich: Die größte Angst in dem Kontext ist es, als Person oder Paar in eine Schublade gesteckt zu werden. Man will nicht die Langweilige sein, die Brave, das Mauerblümchen. Sondern lieber die Offene, Promiskuitive, Spannende. Bleibt die Frage, was spannend daran ist, wochenlang vor Tinder zu hängen, um eine dritte Person für eine Menage-à-Trois zu finden. Oder durch die Wohnung zu hampeln während oder vor man den Beischlaf vollzieht, um irgendein spannendes Toy hervorzukramen.
Versteht mich nicht falsch: Ich finde Diversität toll – im Leben, Lieben, im Bett. Ich finde es wunderbar, dass jeder heute das machen kann, was er möchte und sich dafür nicht in schummrigen Spelunken oder peinlichen Sexshops herumtreiben muss. Aber ich habe das Gefühl heute meint jeder er muss zwanghaft offen und experimentierfreudig sein. Das ist ein bisschen wie mit dem Urlaub: Wenn man heute in einem Kreis von Leuten sitzt und über die nächsten Reiseziele spricht, fährt keiner mehr nach Europa. Bali? Viel zu überlaufen. Es muss schon mindestens Fidji sein. Wer nur nach Portugal fährt, senkt ein bisschen beschämt den Kopf und sagt Wir hatten dieses Jahr nur ein knappes Zeitfenster. Aber im Winter, im Winter fliegen wir nach Afrika. Garantiert. Äußert man, dass man eine monogame Beziehung führt, sieht man beim ein oder anderen suuuuper-offenen Gesprächspartner ein gelangweilt-abwertendes Zucken um die Mundwinkel. Partnerschaft. Monogam. Bah. Es ist ein bisschen auch das Zusammenspiel von aktuellen Trends und dem Alter. Heute ist man mit 22 halt der Meinung man müsse besonders experimentell sein. Du warst noch nie im KitKat? Gott. Das sollte man mal gesehen haben.
Pornos? Gucken mein Freund und ich ja zusammen, aber das ist ja auch irgendwie lahm. Ich mit 30 weiß was ich mag. Und was nicht. Und da ist es in erster Linie egal, ob das Trends entspricht, offen ist oder eben konservativ. Mich kann auch jeder in eine seiner großen gedanklichen Schubladen schicken, egal ob in die promiskuitive, weil ich eine Latexhose besitze. Oder in die spießige, weil ich den Vorhang im Erdgeschoss zuziehe, wenn mein Freund bei mir schläft. Wichtig ist, dass ich weiß: Ich muss nicht die sein, die alles mitmacht. Nur weil gerade irgendwer meint, das sei angesagt. Ich mach genau das, worauf ich Lust habe. Mit wem ich Lust habe. Und wann ich Lust habe. By the Way auch ohne #aftersexselfie.
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