Warum ich als Domina die bessere Mutter bin

Foto: Isa Wipfli
„Nur weil ich mein Geld mit Sexarbeit verdiene, bin ich trotzdem eine fähige Mutter“, sagt Fräulein Schmitt, die ihren richtigen Namen hier nicht lesen möchte. Der 35-Jährigen ist bewusst, was viele Menschen über eine Domina als Mutter denken: Das macht man nicht oder das kann keine ordentliche Mutter sein.
Fräulein Schmitt arbeitet seit zehn Jahren als Domina. Und liebt ihren Job. „Gerade in der Schwangerschaft hat es besonders viel Spaß gemacht“, sagt sie und lacht laut. Bis zum siebten Monat hat sie in einem SM-Studio gearbeitet. „Ich hatte richtig Bock darauf, die Männer zu quälen und zu schlagen“, sagt sie grinsend. „Das waren wohl die Hormone.“ Auch, dass sie sich wie eine Göttin gefühlt habe, der die Männer zu Füßen lägen. Richtig frustriert sei sie sogar gewesen, wenn sie mal keinen Termin hatte. Wie ihre Kunden auf die Babykugel reagiert haben? „Die haben sie nicht einmal bemerkt. Kein Einziger. Obwohl ich eine richtige Murmel hatte“, sagt sie.
Werbung
Ihre Tochter ist inzwischen drei Jahre alt und das Leben zwischen Pampers und Peitsche hat sich gut eingespielt. Der Vater des Kindes, von dem sie getrennt lebt, weiß von ihrer Beschäftigung und hat „kein Problem damit“. Auch vor ihrem aktuellen Partner hat sie keine Geheimisse. Selbst wenn der keine Details aus dem Studio hören will. „Der ist dafür zu zart besaitet“, erklärt sie. Die meisten ihrer Freunde sind längst eingeweiht, nur ihre Eltern nicht: „Die müssen nicht alles wissen.“ Auch im Kindergarten hat sie es niemandem erzählt. „Das wäre ein zu großer Schock“, erklärt sie. „Die müssen nicht wissen, dass ich Männern den Popo versohle und Sachen hineinstecke.“
Ob sie das Hartsein im Job und das Weichsein als Mutter manchmal vor Probleme stellt, will man wissen. Fräulein Schmitt schüttelt entschlossen den Kopf. „Im Job muss ich auch weich sein. Gerade beim SM“, erklärt sie. Nach einer harten Session nimmt sie die Männer oft in den Arm, hält sie fest und fängt sie auf. „Sonst könnte ich sie gar nicht zurück in die harte Welt entlassen“, sagt sie.
Ihr Beruf lässt sich gut mit ihrem Alltag als Mutter kombinieren. An den Tage, wo die Dreijährige beim Vater ist, geht sie ins Studio. Sollte ein spontaner Termin dazwischen kommen, bringt sie die Kleine schnell zu den Großeltern. „Denen sage ich nur, dass ich ein Meeting habe“, sagt sie. Sie findet den Beruf als Sexarbeiterin für Mütter ideal. „Man kann mit einem geringen Zeitaufwand viel Geld verdienen“, erklärt sie. „Es ist doch besser, ich mache an einem Tag 1000 Euro und habe dann die restliche Woche Zeit für mein Kind“, sagt sie. „Ich finde es legitim, den lieber Körper zu verkaufen, als in zwei Jobs mit 8,50 Euro Stundenlohn malochen zu müssen, um gerade mal so über die Runden zu kommen.“
Werbung
Ihr Outfit und Spielzeug hat sie im Studio, nur das Make-up wird Zuhause angelegt. „Das findet die Kleine toll: ‚Mama macht große Augen’, sagt sie dann.“ Auch privat lebt sie ihre Sexualität aus. „Bei mir kugelt immer irgendein Sexspielzeug herum“, erzählt sie lachend. Wenn das Töchterchen es findet, nimmt sie es ihr einfach aus der Hand und sagt: „Mein Spielzeug!“ Peinlich ist ihr das nicht. „Noch versteht sie es ja nicht und später kann ich es ihr dann erklären“.
So viel Verständnis gibt es bei ihren Klienten nicht immer. Wenn ein Kunde anruft, um Details zu besprechen, Vorlieben abzuklären oder einen Termin zu bestätigen, dann geht Fräulein Schmitt meistens aus dem Zimmer, um ungestört reden zu können. Doch manchmal geht das nicht. Dann klammert sich der Nachwuchs am Bein fest und schreit. „Von den Männern höre ich dann nie wieder etwas“, sagt sie lachend. Als Domina verkauft sie schließlich die Illusion der unberührbaren Herrin. Ein plärrendes Kind ist da für die Kunden zu viel Realität.
Wie wäre es eigentlich, wenn ihre Tochter eines Tages als Sex-Arbeiterin ihr Geld verdienen würde? „Grundsätzlich wünsche ich es mir nicht“, sagt sie. Doch dann denkt sie kurz nach. „Man darf da nicht alles über einen Kamm scheren“, fährt sie fort. „Es ist ein Unterschied, ob man als Luxus-Escort arbeitet für 1000 Euro am Tag oder am Straßenstrich für einen Blowjob 20 Euro nimmt. Bei Letzterem würde ich mich schon fragen: Was habe ich als Mutter falsch gemacht.“
Hier findest du weiteren Content zu dem Thema:
Werbung

Mehr aus Sex & Relationships

Watch

R29 Originals

Jetzt Ansehen
Fashion
Der Weg des Styles von der Subkultur auf die Weltbühne
Jetzt Ansehen
Queer Voices
Mitglieder der LGBTQIA-Community wenden sich in bewegend ehrlichen Briefen an ihr jüngeres Ich
Jetzt Ansehen
Lifestyle
5 Tage, 1 Experiment – Lifestyle-Redakteurin Lucie Fink stellt ihr Leben 5 Tage am Stück auf den Kopf!
Jetzt Ansehen
Musik
Frech und unkonventionell Musikerinnen.