Drunkorexia: Ein gefährlicher Trend, bei dem Alkohol das Essen ersetzt

Illustration: Assa Ariyoshi.
„Ich mag trinken, und bevorzuge ein paar Gläser Rum-Cola als die Kalorien auf Essen zu verschwenden“, erzählt uns eine 25-jährige Frau, die anonym bleiben möchte.

„Ich lasse oft Mahlzeiten aus, obwohl ich weiß, dass es nicht gesund ist, vor dem Trinken nichts zu essen. Aber mein Metabolismus ist wirklich träge und langsam, und ich versuche gerade abzunehmen. Ein paar Mahlzeiten und Snacks zu überspringen gibt mir mehr Freiheit, wenn ich mit Freunden noch ausgehe und trinke.“

Mehr Obst und Gemüse zu essen, wenn man sich am vorangegangenen Tag einmal etwas mehr gegönnt hat, oder einen längeren Lauf hinterher einzulegen, das hat so ziemlich jeder schon einmal gemacht – oder es zumindest erzählt. Weitaus seltener hingegen bekommt man zu hören, dass Menschen ihren Kalorienverbrauch beim Essen einschränken, um die gesparten Einheiten mit Alkohol kompensieren zu können.

Das heißt im Klartext: Obwohl wir sehr wohl über die potenziellen Schäden dieser gefährlichen Verhaltensweise Bescheid wissen, ziehen wir es vor nicht darüber zu sprechen und umgehen so eine lösungsorientierte Auseinandersetzung mit der Problematik.

Medien haben diesem Phänomen längst einen Namen gegeben: Drunkorexia – ein Begriff, der zwar noch nicht medizinisch anerkannt ist, jedoch schon für mediale Aufruhr gesorgt hat.

Die Daily Mail berichtete erstmals 2008 darüber, doch seitdem verbreitet sich der Trend konstant. Diät- und Fitness-Tracking-Apps machen es leichter denn je, den täglichen Kalorienverbrauch zu verfolgen, während sich der „YOLO“-Hedonismus im Zeitgeist verfestigt: Die wachsende Vernetzung und das permanente Teilen persönlicher Ereignisse auf sozialen Plattformen verführen dazu, immer mehr Momente medienwirksam – und fotogen – zu inszenieren. Oft wird dieser Gesellschaftswandel dazu genutzt, das Leben wie eine einzige Party darzustellen.

Diesjährige Forschungen des britischen Benenden Gesundheitsverbands ergaben, dass unter 3000 befragten Frauen und Männern 19% der weiblichen und 17% der männlichen Teilnehmer zwischen 25-34 Jahren ein „drunkorexisches“ Verhalten zugaben.

Während keine wesentliche geschlechterspezifische Differenz festzustellen ist, unterscheiden sich die Ergebnisse bemerkbar zu denen älterer Generationen: Weniger als 10% der Befragten über 55 und nur 12% der 45-54-Jährigen berichteten, dass sie weniger aßen um mehr Alkohol zu trinken.

Der Benenden Health Report zeigte außerdem, dass fast die Hälfte der Befragten unter 35, die nach eigenen Angaben Wert auf gesunde Ernährung legen, Gewichtsverlust anstreben, und keine zwangsläufig gesündere Lebensweise – das steht im Gegensatz zu 17% der Teilnehmer über 55.

Viele junge Leute geben zu, sie würden die Kalorien lieber für den Abend „aufsparen“, weil sich erst dann das sehenswerte Leben abspielen würde. Ein 28-jähriger Mann erzählte Refinery29, dass es ihm egal sei, ob er Mahlzeiten auslässt um Alkohol zu trinken, solange er doch seine Nährstoffe irgendwo anders herkriegt.

„Wenn ich weiß, dass ich abends noch Großes vor habe, dann halte ich mich schon tagsüber an eine strenge Routine. Ich versuche, so viele Proteine wie möglich mit so wenigen Kalorien wie möglich zu mir zu nehmen. Dann esse ich zum Beispiel viel Geflügel über den Tag verteilt. Und dann versuche ich abends alles abzutanzen, was möglicherweise über dem Tageslimit lag... Ich mache das ja nicht so oft, vielleicht ein Mal die Woche... Also, ich glaube nicht, dass das so gefährlich ist.“

Obgleich das Auslassen von Mahlzeiten durchaus legitim erscheinen mag, um das Gewicht zu halten oder gar abzunehmen, heißt es keinesfalls, dass man auf diesem Weg weniger Kalorien zu sich nimmt. Vielen Menschen sei gar nicht bewusst, wie reichhaltig Alkohol – vor allem in Mischgetränken – ist, und dass gesteigerter Alkoholkonsum langfristig dazu führen kann, dass man mehr isst als vorher.

Alkohol hat durchschnittlich 7 Kcal pro Gramm und reiht sich somit auf der Liste der energiereichsten Makronährstoffe an zweiter Stelle direkt hinter Fetten ein, so die Benenden Studie.

Elaine Hindal, Vorsitzende des wohltätigen Drinkaware-Verbands für Aufklärung rundum das Thema Alkoholmissbrauch erklärte der Daily Mail außerdem: „Es mag gar nicht schlecht sein, sich auch über die Nährwerte von Alkohol bewusst zu werden, um sie in den Verbrauch einzuberechnen, jedoch kann so aus einer harmlosen Taktik schnell eine gefährliche Sucht entstehen. [...] Nichts, oder weniger zu essen, um mehr Kalorien in Form von Alkohol verbrauchen zu können, kann zu Alkoholvergiftungen, Bewusstlosigkeit und geistiger Verwirrung führen.“

Sie bemerkt weiterhin: „Dieses Verhalten zu einer regelmäßigen Praxis zu machen kann chronische Gesundheitsschäden zur Folge haben, wie Leber- oder Herzversagen, oder sogar Krebs begünstigen. [...] Wer Gewichtsverlust anstrebt, sollte das auf gesunde Weise tun und hierzu lieber den Alkoholkonsum einschränken als das Essen. In Alkohol stecken sogenannte „leere“ Kalorien, das sind Kalorien, die keinerlei Nahrungsmehrwert haben.“

Wir müssen uns also bewusster ernähren und darauf achten, was wir unserem Körper genau zuführen. Denn schließlich fällt es eben doch wieder auf ein essentielles Stichwort zurück: das Gleichgewicht.
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