Kein Fels in der Brandung – Wenn deine Eltern dein Lebenskonzept nicht gutheißen

Wie schreibe ich ein gutes Bewerbungsschreiben? Was muss ich beachten, wenn ich neben dem Studium noch arbeite? Und wie hole ich das meiste aus meinem klitzekleinen WG-Zimmer raus? In unserer #EndlichErwachsen-Themenwoche pünktlich zum Semester- & Bewerbungsstart untersuchen wir alle Aspekte des Erwachsenwerdens und sprechen über das, was wir in der Schule nie fürs Leben gelernt haben – aber gerne gewusst hätten.
Im Idealfall sollte es natürlich so sein, dass deine Eltern dir unterstützend mit Rat und Tat zur Seite stehen. Egal wie hochgesteckt, verrückt, irrsinnig oder unvernünftig deine Berufswahl oder dein Lebenskonzept auch ausfallen mag. Ein paar Leute haben das Glück, dass ihre Eltern ihnen genau diese uneingeschränkte Unterstützung zukommen lassen. Frei nach dem Motto Follow Your Dreams. Aber was macht man, wenn die Eltern den gewählten Weg ganz und gar nicht gut finden und einem sogar noch Steine in den Weg legen? Sich beugen? Erst mal das machen, was sie wollen, um nicht vor dem Nichts zu stehen? Sie zu Fremden werden lassen?
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Nehmen wir meine Freundin Anna* zum Beispiel. Als sie aufwuchs, wollte sie unbedingt etwas mit Kunst machen. Sie malte für ihr Leben gern und war fasziniert von jeglicher Kreativität. Trotzdem durfte sie nicht auf ein Gymnasium mit Kunstschwerpunkt gehen, sondern wurde auf eine Schule gesteckt, die sie hasste und naturwissenschaftlich geprägt war. Natürlich hatte sie es viel besser als viele andere junge Menschen, die erst gar kein Gymnasium besuchen können, obwohl sie das gerne wollen. Aber es schmerzte trotzdem, jeden Tag von ihren Eltern zu hören, dass ihr Traum Humbug war und sie niemals in diesem Feld Arbeit finden würde. Es wurde ihr gar gesagt, dass sie unter der Brücke landen würde, wenn sie „irgendwas mit Kunst“ mache. Heute arbeitet sie übrigens als Fotografin und freie Künstlerin in Berlin und hat noch nicht eine einzige Nacht unfreiwillig unter einer Brücke verbracht.
Ihre Eltern bestimmten also die Schule, auf die Anna gehen sollte, ihre Leistungskurse und später auch ihr Studium. Als Druckmittel gab es einerseits die Angst vor der Armut und andererseits ein ewiges Mantra darüber, dass das nun mal der vernünftige Weg sei. Beim Studium konnte Anna sich wenigstens etwas durchsetzen, statt einer Naturwissenschaft, wie von ihren Eltern gefordert und gefördert wurde, studierte sie Kunstgeschichte. Immerhin.
Es ist nicht so, dass ihre Eltern sie nicht unterstützten oder kein Interesse für sie zeigten. Sie interessierten sich nur nicht für Annas Interessen. Sie machte in den Ferien Praktika in Biochemielaboren und besuchte Schnupperkurse an der Technischen Universität, ständig kamen ihre Eltern mit neuen Dingen an, die das Kind später möglichst erfolgreich in die Forschung drängen sollten. Das war ihr Traum. Nicht der von Anna. Aber das zählte irgendwie nie so richtig.
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Irgendwann, nach etlichen Jahren gaben Annas Eltern auf. Sie wussten, dass aus ihr keine Hochschuldozentin mehr wird. Anna hatte zwei Studiengänge abgebrochen, engagierte sich lieber in der Hochschulpolitik und hatte auch nie wirklich einen Abschluss angestrebt, da ihr das Studium zwar Spaß machte, sie aber nie in dem Feld arbeiten wollte. Die Forschung interessierte sie nicht die Bohne. Anna traute sich allerdings bis zu ihrem 27. Lebensjahr nicht, ihren Traum zu verfolgen. Die Angst vor dem Scheitern war zu groß, wurde ihr doch ihre komplette Adoleszenz nichts anderes vorgebetet. Letztlich war sie so unglücklich, dass ihr nichts anderes übrig blieb, als alles zu schmeißen, um Künstlerin zu werden. Jetzt versteht sie sich mit ihren Eltern sogar besser als jemals zuvor, da die Beziehung viel entspannter ist. Es gibt keine Erwartungen mehr, die erfüllt werden müssen, und Anna wird nicht müde, ihren Eltern zu erklären, was sie so macht. Und die? Die sind stolz auf ihre Tochter, auch wenn sie nicht immer alles verstehen.
Sich gegenüber den eigenen Eltern durchsetzen zu können, ist eine Sache, eine andere ist allerdings, neue Wege zu finden und diese Wege mit der Selbstsicherheit zu beschreiten, wie man es mit einem bekanntem Weg tun würde. Ja, unsere Eltern sind älter als wir und haben mehr Lebenserfahrung. Trotzdem sehen auch sie nicht immer das große Ganze, sondern bewegen sich innerhalb ihres eigenen Horizonts. Das Problem ist, das wir eben doch oftmals von ihnen abhängig sind. Nicht nur emotional, auch finanziell. Und wir kennen fast nichts anderes als das Leben, das sie uns stets vorlebten. Sich ein Konzept außerhalb dessen vorzustellen, und dann auch noch auf die Gegenwehr der Eltern zu treffen und dagegen anzukommen, erfordert sehr viel Kraft und auch eine gehörige Portion Selbstbewusstsein. Eine echt verflixte Situation. Die Eltern in das eigene Leben zu integrieren, das so gar nichts mit ihrem Lebensentwurf zu tun hat, ist wirklich alles andere als eine leichte Aufgabe.
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Natürlich gibt es keine allgemein gültigen Regeln dafür, wie du deine Eltern von deinem Weg überzeugen kannst. Egal ob es um finanzielle Unterstützung geht, du den Kontakt zu ihnen halten magst oder der Haussegen weiterhin gerade hängen soll.
Brenne für die Sache
Egal wie streng oder stur deine Eltern sind, sie haben dich mit großer Wahrscheinlichkeit sehr lieb und wollen, dass es dir gut geht. Wenn du wirklich Leidenschaft für eine Sache hast, sei es ein Ausbildungswunsch, den sie nicht verstehen, ein Auslandsjahr oder ein Praktikum, brenne für das, was du willst. Verstecke deine Begeisterung für einen Traum nicht, denn sonst wissen sie ja nicht, wie wichtig es dir ist. Auch wenn du deinen Weg alleine beschreiten musst, wird dir vieles leichter fallen, wenn du wirklich für das brennst, was du tust. Wähle also nicht den einfachsten Weg, wähle den Weg, der dein Herz zum Springen bringt.
Zeig ihnen deine Welt
Nimm sie mit, wann immer es geht. Vielleicht verstehen sie dich dann besser und das ist ja quasi schon die halbe Miete. Deine Eltern führen ihr eigenes Leben, sie haben ihre eigenen Gewohnheiten und ihren eigenen Alltag, und es ist für die meisten Menschen ziemlich schwer, sich ein Leben außerhalb dessen zu visualisieren. Wenn du sie aktiv in deinen Traum integrierst, sie zu Spielen oder Workshops mitnimmst, ihnen deine Bilder zeigst, vielleicht sogar gemeinsam mit ihnen zeichnest oder fotografierst, ihnen bei jedem Spaziergang jede einzelne Blume erklärst und sie somit aktiv ein Teil deines Lebens sind, verstehen sie deinen Lebensentwurf womöglich besser und sind viel leichter in der Lage, dich zu unterstützen, für dich da zu sein und Teil deines Lebens zu bleiben. Erkläre ihnen, was sie nicht verstehen, denn nur so bleibt das Fremde nicht fremd.
Geschickt verhandeln
Wenn sich deine Eltern komplett sträuben, ist es natürlich schwer, eine Lösung auszuhandeln, mit der ihr beide zufrieden seid. Aber du wirst erstaunt sein, zu welchen Kompromissen selbst die stursten Personen fähig sind. Nimm ihnen die Angst vor deinen Träumen, denn viel mehr als das ist es oft nicht. Es ist die Angst um die Zukunft des eigenen Kindes, die Eltern oft so handeln lässt, wie sie eben handeln. Wenn du auf die Unterstützung – finanziell oder emotional – deiner Eltern angewiesen bist, könnt ihr euch ja irgendwo in der Mitte treffen. Vielleicht machst du das ersehnte Praktikum ja im Ort nebenan und nicht am anderen Ende der Welt. Oder du beginnst erst eine Ausbildung in dem Feld, das du später mal studieren willst und das deinen Eltern so gar nicht zusagt. Aber bitte gehe nicht zu viele Kompromisse ein. Es ist immer noch dein Leben und du musst entscheiden, wie du dieses Leben gestalten willst.
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