Empathie: Gut gemeint und trotzdem schlecht?

Foto: Bianca Valle
Empathie wird gemeinhin als eine Charaktereigenschaft wahrgenommen, von der es besser zu viel als zu wenig geben sollte. Einfühlungsvermögen macht unser Zusammenleben immerhin sozialer, positiver, schöner. Oder? Einer, der das anders sieht, ist Dr. Paul Bloom, Professor der Psychologie an der Yale Universität. Allein der Titel seines aktuellen Buchs „Against Empathy“ ist provokant.
Was macht die These des Psychologie-Professors so interessant? Es ist wohl der überraschende Ansatz, der unsere Aufmerksamkeit erregt: Wir sollen alle weniger Empathie zeigen. Denn Empathie richtet mehr Schaden an, als man denkt, kann sogar gefährlich werden. Das sonst so angepriesene Einfühlungsvermögen ist hoch emotional und kann zu impulsiven, oft falschen Handlungen führen.
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Zu viel Einfühlungsvermögen ist schlecht, das jedenfalls postuliert Dr. Paul Bloom und sorgt damit für viel Aufsehen. Warum Gefühle so gefährlich sind, erklärt er im Interview.
Herr Bloom, Ihre Einstellung gegenüber Empathie ist überraschend. Wie kamen Sie zu dem Schluss, dass Empathie gar nicht so positiv ist, wie man gemeinhin glaubt?
Ich besprach gerade die Beziehung zwischen Vernunft, Gefühlen und Moral. Ich habe viel über das Gefühl des Ekels geschrieben und darüber, dass Ekel ein schlechter moralischer Wegweiser ist. Er führt uns auf eine falsche Fährte, macht uns grausam. Die meisten Menschen stimmen dem zu. Und dann begann ich mich zu fragen, ob grundsätzlich positive Emotionen womöglich ein ähnliches Problem mit sich bringen.
Aber Empathie macht Menschen doch hilfsbereit?
Je länger ich mich mit Empathie beschäftigt habe, umso mehr habe ich realisiert, wie oft sie zu falschen Entscheidungen führt. Man ist voreingenommen, kurzsichtig, und es würde uns ohne Empathie besser gehen.
Also sollen wir kein Mitgefühl mehr haben?
Denken Sie an Eltern mit einem Sohn, der besorgt ist, weil er seine Hausaufgaben nicht gemacht hat. Wenn sie empathisch wären, sich in ihn einfühlen, werden sie selbst besorgt und panisch. Gute Eltern würden ruhig bleiben und herausfinden, wie sie ihrem Sohn helfen können und ihn beruhigen, ohne seine Emotionen selbst zu erleben.
Sie nennen als Alternative die sogenannte Compassion.
Wann immer wir eine Entscheidung treffen, sollten wir versuchen, dass unsere Gefühle sich nicht in den Weg stellen. Stattdessen sollten wir schauen, welche Entscheidung die meisten Vorteile hat und den geringsten Preis fordert. Aber rational sein allein reicht nicht: Wir müssen Gutes tun wollen, wir brauchen eine Motivation hinter unserem Handeln. Ich sage: Compassion, also die Sorge für andere ohne dabei ihr Leiden nachzufühlen, ist eine wesentlich besserer Anreiz als Empathie.
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Wie kann man vermeiden, in die Empathie-Falle zu tappen?
Empathie funktioniert wie ein Scheinwerferlicht: Es fokussiert gezielt einen kleinen Kreis an Leuten, der Rest bleibt im Dunkeln. Wir haben zum Beispiel alle rassistische Tendenzen. Wir bevorzugen Menschen, die uns ähnlich sind. Und die Wahrheit ist: Wir können nicht einfach mit dem Finger schnipsen, um das zu ändern. Aber wenn uns bewusst ist, dass wir diese Tendenzen haben, können wir daran arbeiten. Wenn Charity-Organisationen mit einen Bild von einem traurigen Kind werben, können wir sagen: Das ist nicht die ganze Wahrheit, sondern nur ein Teil. Was wirklich wichtig ist, ist was ich mit meiner Spende erreichen kann und wo sie den größten Unterschied macht.
Aber ist es moralisch nicht wertvoller, überhaupt zu helfen, wenn auch nur Einzelnen?
Der Kern von Moral ist, etwas Gutes tun zu wollen. Sie ist der Sinn für Richtig und Falsch. Empathie leitet uns meist in die falsche Richtung, auch wenn sie kurzzeitig richtig erscheint. Empathie konzentriert sich auf einzelne Personen, ja. Aber das kann dazu führen, dass ich ein einzelnes Kind rette, weil mich seine persönliche Geschichte bewegt, obwohl meine Hilfe an anderer Stelle acht Kinder hätte retten können. Von einem moralischen Standpunkt aus macht das allerdings keinen Sinn: Jeder würde eher acht Kinder retten als nur eines. Deswegen ist Empathie ein so schlechter Wegweiser für moralische Entscheidungen.
Das Stück "Terror" vom deutschen Anwalt und Autor Ferdinand von Schirach handelt von einer ähnlichen Entscheidung und sorgte vor einiger Zeit für viel Diskussion. Ein Militär-Pilot schießt ein Flugzeug mit 200 Passagieren ab, um einen Absturz in einem vollbesetzten Fußballstadion zu verhindern.
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Das ist ein interessantes und gleichzeitig kompliziertes Beispiel. Wenn der Pilot das Flugzeug nicht abschießen will, weil er sich in das Leiden der einzelnen Passagiere hineinversetzt, oder sogar weil ein Familienmitglied in der Maschine sitzt, dann wäre es ein Fall von Empathie. Aber wenn er sich nur um die Menschen sorgt, und 70.000 Menschenleben zählen wesentlich mehr als 200, dann wäre das ein Fall von Compassion: Mitgefühl gepaart mit Vernunft. Aber das Beispiel ist auch wieder in Hinblick auf Moral interessant.
Inwiefern?
Wir fühlen uns öfter schlecht für Dinge die wir tun, als für Dinge, die wir einfach geschehen lassen. Das macht einen großen psychologischen Unterschied. Heißt: Wenn man etwas tut und Menschen sterben, dann ist das furchtbar. Wenn man aber nichts unternimmt und deswegen Menschen sterben, fühlt man sich weniger schlimm. Das geht weit über Empathie und Compassion hinaus.
Also verzichten wir demnächst auf Mitgefühl? Das Problem: Im Sprachgebrauch und im alltäglichen Leben werden Empathie und Mitgefühl oft gleichgesetzt – dabei kann man den offenbar so wichtigen Unterschied leicht bestimmen. Man muss sich selbst nur einen kurzen Moment zurücknehmen und sich fragen: Was bezwecke ich mit meiner Handlung? Ist mein Vorhaben sinnvoll und was sind die mögliche Folgen? Sich nicht von Gefühlen wegschwemmen lassen (=Empathie), sondern Herz und Vernunft zusammen bringen (=compassion), lautet die Devise. Eine Einstellung, die laut Dr. Bloom zwar „kalt und gefühllos wirkt, die Welt aber zu einem besseren Ort macht“.
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