Was geschah, als ich mich von Facebook abmeldete

Photographed by Mark Iantosca.
Es gab einmal keine Timeline. Keinen News-Feed. Kein Facebook Live, keine Status-Updates, man konnte nicht einmal Fotos teilen, falls ich mich recht entsinne. Aber man konnte Leute anstupsen, glaube ich.

Jedenfalls war es 2004 am Vassar College so, in den guten alten Zeiten von TheFacebook.com. Während jener idyllischen, frühen Tage war The Facebook keine Website, die man jeden Tag besuchte oder oft aktualisierte. Wir waren zu sehr damit beschäftigt, unserer College-Flamme im echten Leben nachzustellen. Doch seitdem wird das Facebook-Netz immer weiter und weiter gespannt.

Als ich mich bei Facebook einloggte und ein Status-Update einer ehemaligen Mitschülerin las, live aus dem Kreissaal (“Muttermund 8cm geweitet!! Nur noch ein paar Zentimeter!”), wusste ich, dass Mark Zuckerberg ein Monster geschaffen hatte. Ich meine, okay, die Geburt des ersten Kindes ist ein großes Ding, und natürlich kann man diesen Prozess mit seinen 1.000 nächsten Bekannten teilen, wenn man möchte. Aber die Facebook-Updates meiner „Freunde” (niemand hat mehr als 1.000 richtige Freunde) waren bestenfalls mehr und mehr stumpfsinnig, schlimmstenfalls fürchterlich beleidigend, und sie alle waren darauf zugeschnitten, eine Online-Person weiterzuentwickeln und Likes zu kriegen. Und ich war ebenfalls absolut schuldig.

Ich verbrachte viel zu viel Zeit mit einzelnen Status-Updates, um sicherzugehen, dass sie exakt die richtige Balance aus Originalität und scharfsinnigem Witz aufwiesen. Ich schwor mir, niemals einer von jenen Menschen zu sein, die unablässig über ihr Mittagessen posten. Oder blind politische Wutanfälle oder passiv-aggressive, aufmerksamkeitsgeile Posts in den Äther bliesen, die unmöglich zu entschlüsseln waren (“Einer von jenen Tagen, an denen man sich wünscht, gewisse Leute wären anders…”) Oder der alltägliche Albtraum einer jeden Facebook-Existenz: die falsch-bescheidene Angeberei über den liebenswerten Partner, den bedeutungsvollen Job voller Vorteile, und das allgemein wunderbare eigene Leben.

Doch waren meine Posts auch nur einen Deut “besser”? Natürlich nicht. Ich war so besessen davon, nicht theatralisch oder egozentrisch oder zu teilfreudig rüberzukommen, dass ich acht Jahre lang eigentlich nur Landschaften und Fotos von Graffiti-Wänden postete.

Außerdem wurde es für mich nach und nach unangenehmer, etwas zu teilen, je mehr “Freunde” ich hatte. Im echten Leben bin ich ein offenes Buch (frag mich einfach darüber, wie die Geburt meines Kindes war; ich fordere dich heraus.) Aber was sollten 1.000 Menschen, die ich kaum kannte, wirklich über mich wissen? 1.000 Menschen, unter denen meine Kollegen, meine Ex-Freunde und mein 13-jähriger Cousin waren.

Langsam und vorsichtig begann ich, mich zu entfernen. Ich reduzierte mein Profil. Ich sortierte etwa 500 meiner “Freunde” aus — und entfernte jeden alten Kollegen, Klassenkamerad, Ex, und Kumpels aus dem Sommercamp von 2000, mit denen ich nicht einmal annähernd Kontakt im echten Leben hatte. Ich war nur noch selten bei Facebook, und ich schaltete alle meine E-Mail-Benachrichtigungen ab, um nicht daran erinnert zu werden, was zwischen meinen Besuchen im Facebookland abging. Schon fühlte ich mich zurechnungsfähiger.

Meine Freunde und Familie fühlten sich jedoch deutlich weniger zurechnungsfähig. “Und wie sollen wir dich erreichen??”, war eine häufige Frae. Wenn ich vorschlug, dass sie mir eine E-Mail oder eine SMS schreiben oder mich gar (keuch!) anrufen sollten, wurde schnell klar, dass dies für viele meiner Freunde inakzeptable Kommunikationsmodi waren. Und je seltener ich auf Facebook war, umso stärker wurde diese Gegenreaktion. Hier ein Dialog, den ich in dieser Form tatsächlich oft hatte:

„Amelia, du warst nicht bei [Name einfügen]s Geburtstag / Verlobungsfeier / Auftritt / Wohnungseinweihung / Bastelrunde / usw., was war los?”

“Oh, tut mir leid, ich wusste nichts davon.”

“Wie? Die Facebook-Einladung ging letzte Woche raus — wir sollten ALLE hinkommen!”

“Oh, ja, ich war schon lange nicht mehr bei Facebook. Ich versuche es bei E-Mails und so zu belassen, weißt du?”

Darauf folgten in der Regel Augenrollen und herabsetzende Bemerkungen, woraufhin ich mich fürchterlich schuldig fühlte, woraufhin wiederum folgte, dass ich mich einigelte und eventuell das Haus die nächsten 67 Tage lang nicht verließ.

Nach einigen Monaten kam ich zu dem Schluss, dass ich das Pflaster einfach abreißen und meinen Account löschen sollte. Also tat ich es. (Dies fiel recht nett mit dem Ende eines Nonprofit-Jobs zusammen, bei dem ich die Facebook-Seite der Organisation pflegen sollte. So konnte ich zwei Zuckerbirds mit einer Klatsche schlagen.) Es war überraschend befreiend.

Doch mein Plan, Nachrichten und Einladungen fortan im gemütlichen Interieur meines richtigen E-Mail-Postfachs vorzufinden, war wohl eher Wunschdenken. Meine Freunde und Familie ließen mich schnell wissen: Keinen Facebook-Account zu haben ist eine schlimmere Beleidigung des modernen Lebens, als einen zu haben, den man nicht benutzt. Anstatt mich per E-Mail, SMS oder Telefon zu kontaktieren, begannen die Leute bizarrerweise, mit “mir” über die Facebook-Accounts von…anderen Leuten zu kommunizieren.

“Herzlichen Glückwunsch, Amelia!” ist bis heute ein jährlicher Post auf der Facebook-Seite meines Partners.

“Sag deiner Schwester, dass…” erscheint oft auf der Seite meiner Schwester.

Mein persönlicher Favorit ist das Erscheinen meines Gesichts, gewieft und nicht markierbar, auf den Gruppenfotos anderer Leute, und die Leute, die diese Gelegenheit ergreifen, um mich in einem an mich “gerichteten” Kommentar zu fragen: “Wann kommst du zu Facebook zurück???”

Die Annahme hierbei ist vermutlich, dass der Poster des Fotos mich irgendwann im echten Leben sehen und die Nachricht weitergeben wird. Und das tun sie, Gott sei Dank — doch ist das nicht eine irrsinnig komplizierte Art der Kommunikation? Diese Kommentarnachrichten stammen von Leuten, die in Besitz meiner E-Mail und/oder Telefonnummer sind, und doch ist die Macht von Facebook derart überwältigend, dass sie jegliche Logik aussticht, und anscheinend sogar die Bequemlichkeit direkter Kommunikation.

Mein Beinahe-Jahrzehnt auf Facebook hat zu nichts Gutem geführt, und ich konnte mich auch den unangenehmeren Aspekten der Platform nicht entziehen, selbst nachdem ich meinen Account gelöscht hatte. In den Jahren seit ich mich gelöscht habe, habe ich von anderen Leuten gehört, dass ein Freund meine Schwangerschaft auf Facebook angekündigt hatte, bevor ich sie selbst öffentlich machen konnte. Und als ich meiner Familie im Vertrauen den Namen, den wir für unseren Sohn ausgesucht hatten, mitteilte, postete meine Mutter ihn auf Facebook, für mehr als 400 ihrer “Freunde”. Nach diesen beiden Vorfällen erhielt ich E-Mails und SMS von richtigen Freunden, die sich gekränkt fühlten, weil sie die guten Nachrichten über den öffentlichen Post von jemand anderem statt von mir persönlich hörten. “Ich wollte es dir im richtigen Leben sagen”, war der bizarre Satz, den ich oft wiederholen musste.

Ich bin nun schon drei Jahre wunderbar frei von Facebook. So weit es geht, ignoriere ich die indirekten Facebook-Nachrichten, die ich über Mittelmänner erhalte. Ich schreibe gelegentlich einen Artikel (hi!), wenn ich das Bedürfnis habe, mich einer breiten Masse mitzuteilen. Und unter meinen Freunden im echten Leben verteidige ich sanft die privateren, einfacheren und direkten Arten der alltäglichen Kommunikation.

Vor kurzem war ich auf einer Hochzeit, und der Vater der Braut verschickte eine unbeschwerte, aber entschiedene E-Mail, in der er seine Gäste darum bat, keine Fotos der Zeremonie auf Facebook zu posten. Ich kann mir nur vorstellen, wie absurd die E-Mail sein wird, die ich vor der Hochzeit meines Sohnes herumschicken werde, mit der Bitte, nicht live zu streamen, per Snapchat oder Hologramm, oder per 3D-Drucker, oder was auch immer die Zukunft bereithält. Aber du kannst dir sicher sein, dass ich diese Bitte per E-Mail schicken werde.
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