#BerlinFoodWeek: Jetzt mischen Köchinnen die männerdominierte Food-Szene auf

Maria Groß
Frauen an die Macht, ähm, hinter den Herd – also eigentlich beides! Bei der Berlin Food Week, die vom 14. bis 21. Oktober in Berlin stattfindet, bekommen tolle Akteure aus den Bereichen Food and Beverage ihre Bühne. Bei der Food Clash Canteen, einem kreativen Abendprogramm mit exquisitem Mehr-Gänge-Menü und Getränkebegleitung, kreiert von den besten Köchen Deutschlands, stehen an einem Abend in diesem Jahr ausschließlich weibliche Akteure im Fokus. Sechs Frauen aus der Spitzenküche kreieren gemeinsam ein außergewöhnliches mehrgängiges Menü mit Weinbegleitung, Aperitif und Digestif. Aber ist das eigentlich besonders? Also dass es nur Frauen sind, die da ihr Können zeigen?
Sollte es definitiv nicht sein im 21. Jahrhundert, in dem wir immer wieder mit Begriffen wie Emanzipation, female empowerment und female force um uns werfen. Ist es aber irgendwie doch – gerade in der Gastronomie. Spätestens seit dem Wirbel um die Wahl zum besten Koch Deutschlands vom hiesigen Rolling Pin Magazin (mehr dazu hier) wurde die – mehr als nötige – Diskussion wieder angefacht. Es ist kein Geheimnis, dass auch heute noch ein Großteil der Spitzenkochriege männlich ist. Das hat sicherlich viele unterschiedliche Gründe: Der raue, teils sexistische Ton in vielen Küchen, extremer Sexismus bis hin zur sexuellen Belästigung in einer Domäne, die gemeinhin immer noch als männlich verschrien ist, und klar, auch die eher schwierige Vereinbarkeit von Privatleben und Beruf, denn die Arbeitszeiten in der Gastronomie sind weitestgehend zum Haareraufen und Davonlaufen.
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Es gibt genügend tolle Frauen, man darf sie stärker in Szene setzen, gerade weil sie oft – zugunsten des Restaurants oder eben weil sie nicht so oft die Bühne suchen – auf eine Teilnahme verzichten.

Alexandra Laubrinus, Geschäftsführerin der Berlin Food Week
Dennoch gibt es sie natürlich: Die herausragenden Frauen in dem Metier, die nicht nur Außergewöhnliches leisten, sondern immer noch regelmäßig in den Schatten ihrer männlichen Kollegen gestellt werden. Zu Unrecht! Die Berlin Food Week rückt einige davon in diesem Jahr in den Fokus. Die gebürtige Engländerin Caroline Grinsted vom Muse Berlin, Haya Molcho vom Szenerestaurant Neni, die frisch-gekürte Küchenchefin des Adlon-Restaurants Quarré Michéle Müller, Spitzenköchin Maria Groß aus der Bachstelze als Repräsentantin des diesjährigen Gastlandes Thüringen, die mit einem Stern ausgezeichnete Sonja Baumann vom Baumann & Scheffler, Laura Villanueva Guerra vom Tausendsuend und nicht zuletzt Eva-Miriam Gerstner, die als jüngste Hoteldirektorin Deutschlands bekannt wurde, und durch den Abend führt: Sie alle finden sich am 17. Oktober 2017 im Kaufhaus Jahndorf zusammen und zaubern gemeinsam ein exklusives Menü unter dem Titel FrauenWirtschaft.
Bei der oben erwähnten Wahl von Rolling Pin wurde exakt eine Frau in die Liste der 50 Besten aufgenommen; da ist nicht nur Luft nach oben, sondern eine Menge Potenzial, das schlichtweg ignoriert wurde. Das wissen auch die Macher der Berlin Food Week, dennoch war der Ansatz des Abendevents zunächst ein anderer: „Klar, gab es da schon das Thema Female Empowerment auch in der Gastronomie, aber es war jetzt nicht explizit als feministischer Ansatz gedacht, sondern eher als Idee eines Mädelsabends und einem anderen Ansatz, der weniger eine konkrete kulinarische Idee im Fokus hat", erklärt Michael Hetzinger, Pressesprecher der Berlin Food Week. „Da war es in der Tat so, dass es nicht so leicht war, Köchinnen zu finden, die mitmachen wollten. Weil sie entweder den Ansatz nicht mochten, oder sich einfach generell auf ihr Restaurant konzentrieren wollen." Und irgendwie ist das wenig verwunderlich. Seit jeher weiß man, dass Männer generell weniger Skrupel haben sich zu vermarkten, das ist auch in der Gastroszene nicht anders. Wenn Frauen selbstbewusst zu ihrem Können stehen und statuieren, ich bin gut in meinem Job, ich kann etwas, was andere nicht können, wird das schnell als Arroganz gewertet. Bei Männern umschreibt die Gesellschaft sowas gern als selbstbewusst und selbstsicher. Eine Kluft die auch im 21. Jahrhundert leider noch immer existiert. Das hat auch Michael Hetzinger bemerkt: „Wir hatten ja schon immer Köchinnen dabei bei der BFW. Aber es war auch schon immer so, dass die Männer eher die Bühnentiere sind und eher bereit sind, mitzumachen. Ist ja (leider) generell so, dass männliche Köche mehr outgoing in der Selbstvermarktung sind", weiß der Kopf des Kommunikationsteams. „Das liegt vielleicht auch daran, dass Köchinnen einen höheren perfektionistischen Anspruch haben und ihre Leistung mehr ,in der eigenen Restaurant-Küche' zeigen wollen." Die Idee für den Abend und damit der Ansatz diesen zu organisieren, hatte also einen anderen Grund. Dennoch setzt er ein Zeichen. Die Berlin Food Week halt selbst ein überwiegend weibliches Team, bietet während der einwöchigen Veranstaltung Akteuren jedes Geschlechts und jeder Nationalität eine Bühne. Nach dem Rolling Pin-Gate wurde die Idee des „Mädelsabends" im Team dennoch noch mal diskutiert und daran festgehalten. „Wir haben auch an anderen Food Clash Canteen-Abenden Frauen im Programm und überall sonst in der BFW sowieso. Aber wir haben in der Vergangenheit auch oft Abende nur mit Männern gehabt und uns Anfang des Jahres gefragt, warum nicht auch mal umgedreht. Es gibt genügend tolle Frauen, man darf sie stärker in Szene setzen, gerade weil sie oft – zugunsten des Restaurants oder eben weil sie nicht so oft die Bühne suchen – auf eine Teilnahme verzichten", sagt Alexandra Laubrinus, Geschäftsführerin der BFW.
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Küchenchefin Michéle Müller.
Michéle Müller ist Chef de Cuisine im Restaurant Quarré im Hotel Adlon Kempinski gleich am Brandenburger Tor. Damit ist sie die erste Frau, die diese Position im Quarré antritt. Die 36-Jährige blickt auf eine langjährige Karriere im In- und Ausland zurück, mit Stationen in der Schweiz, Italien, Irland und war zuletzt in Abu Dhabi als Executive Sous Chef im Hyatt Capital Gate tätig. Als Frau in der Gastro ist sie durchaus mit Vorurteilen und Reaktionen auf ihren Beruf vertraut und freut sich, dass es bei der Berlin Food Week, einen Abend gibt, der sich nur dem weiblichen Geschlecht widmet: „Ich persönlich finde es schön und auch wichtig die Frauen in der Branche mehr hervorzuheben. Die Welt darf ruhig wissen, dass es mehr Frauen am Herd in der gehobenen Gastronomie gibt als sie denken", sagt sie. „Es stößt immer noch auf Verwunderung, wenn die Gäste erfahren, dass​ der Küchenchef eine Frau ist." Dabei sollte das Normalität sein. Aber für viele ist ein Küchenchef eben männlich und erfüllt damit das Klischee eines etwas harschen, aber genussliebenden Meisters, der die Oberhand über seine meist ebenfalls männlichen Angestellten hat. Viele weibliche Köche möchten gar nicht unbedingt herausgestellt und von ihren männlichen Kollegen separiert, sondern schlichtweg gleich behandelt werden. Das findet auch Sterneköchin Sonja Baumann: „Da sollte kein Unterschied gemacht werden. Für mich ist es wichtig, dass meine männlichen Kollegen meine Leistung und Arbeit honorieren und respektieren, genau wie sie es bei ihren männlichen Kollegen tun würden, und mich nicht anders behandeln, nur weil ich eine Frau bin." Und das sollte die Norm sein.
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Es stößt immer noch auf Verwunderung, wenn die Gäste erfahren, dass​ der Küchenchef eine Frau ist.

Michéle Müller, Küchenchefin im Quarré
Wer gut ist in seinem Job, sollte nicht anders bewertet werden, nur weil er ein anderes Geschlecht hat. Michéle Müller beobachtet noch eine ganz andere Tendenz: „Was ich jetzt immer öfter feststelle ist, dass sich die Männer zunehmend diskriminiert fühlen, weil wir Frauen immer mehr Aufmerksamkeit bekommen", verrät Müller. „Darüber kann ich nur schmunzeln." Wir auch, schließlich sind die Männer in der Gastronomie allgegenwärtig und in der Überzahl, was spätestens bei Hitlisten wie der von Rolling Pin auffällt. Aber nicht nur in der Gastro. Eva-Miriam Gerstner sagt dazu: „Mir stellt sich bei so etwas immer schnell die Gegenfrage: Welche Branche ist nicht stark maskulin besetzt? Wie oft erlebe ich es in meinem Job, dass ich weit und breit die einzige Frau bin, zwischen lauter (hauptsächlich) alten Männern. Sorry to say. So ist das Leben, so ist die Wirtschaft, aber egal welchen Geschlechts man ist, sollte man immer versuchen mit Herz und Leidenschaft bei einer Sache zu sein, das Beste zu geben und seinen Job zu rocken". „Sicherlich", sagt sie weiter, „gibt es viele Männer, die es wahnsinnig geniessen im Mittelpunkt zu stehen und sich ständig ganz laut bemerkbar machen, aber hey, wir Frauen können das auch, wenn wir es wollen – und manchmal kann man auch einfach nur daneben stehen und milde lächeln."
Köchinnen sind ebensolche Könner und prägen die Branche nachhaltig durch ihre Innovation und ihre Kreativität. Ausgesuchte davon zaubern am FrauenWirtschaft-Abend so klangvolle Gerichte wie Lachs in Ingwer-, Rote Bete- und Estragon-Beize, Miso und Sesam Chelsea Buns oder Himbeere in Kombination mit Yoghurt und Thai Basilikum. Hört sich gut an? Raffiniert? Aber klar. Auf diese geballte Kreativität freuen sich auch die Protagonistinnen selbst: „Nach 17 Jahren im Ausland freue ich mich, einfach mal wieder Kollegen aus Deutschland in meiner Heimat Berlin zu treffen und hoffe viele „alte“ Gesichter wieder zu sehen", sagt Michéle Müller, Küchenchefin des Quarré. Auch bei Baumann ist die Vorfreude groß: „Auf Berlin, darauf nette Kolleginnen kennenzulernen, sich auszutauschen, lecker zu kochen und den Gästen einen unvergesslichen Abend zu bereiten", sagt sie.
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Sterneköchin Sonja Baumann
Aufhänger der Urspungsidee war ja, wie von dem Team der Berlin Food Week verraten, das Keyword Mädelsabend. Doch ist so ein Aufhänger und Arbeitstitel wie Mädelsabend nicht wieder kontraproduktiv? Und drängt diese Könnerinnen am Herd in die oberflächliche Ecke eines gackernden Haufens von Mädels mit Prosecco in der Hand? Nein. Denn aus dem Arbeitstitel Mädelsabend, wurde das Motto FrauenWirtschaft. Ein Begriff, der allein von der Wortbedeutung her vor Kraft strotzt. Wenn selbst die Akteurinnen des Abends, also die Frauen, die dort agieren, dahinter stehen, dann sowieso nicht, denn die können so einen Begriff auch mit einem Augenzwinkern versehen. Alexandra Laubrinus geht noch einen Schritt weiter: „Wir wollten einfach einen tollen kulinarischen Abend mit grossartigen Frauen, fernab der Diskussion von Frauen in Spitzengastronomie oder Female Empowerment. Und genauso haben es die Damen, die mitmachen auch verstanden." Das bestätigen auch die Teilnehmerinnen. Eva-Miriam Gerstner statuiert: „Ich bin ein Food and Beverage-Freak. Liebe es zu essen und zu trinken. Habe grandiose Hochachtung vor KüchenchefS - innen. Daher ist es für mich eine coole Sache dabei zu sein und einen netten Abend zu verbringen. Female Empowerment hin oder her, ich bin niemand der schreiend durch die Gegend rennt, eine Frauenquote fordert – ich finde gute Konzepte, schöne Events, gutes Essen, gediegene Weine super und bin happy ein Teil dieses tollen Abends zu sein."
Und auch wenn es nicht so gemeint ist, der Abend (und viele der anderen BFW-Programmpunkte) setzt trotzdem irgendwie ein Zeichen: Dass die Branche eben nicht rein männlich ist. Dass es Frauen gibt in der als so maskulin verschrienen Szene, die nicht nur können, sondern auch wollen. Dass FrauenWirtschaft einfach top ist! Die Berlin Food Week hat das früh erkannt. Zeit für andere Instanzen nachzuziehen. Oder, Rolling Pin?
________________________________________________________________Für den Abend FrauenWirtschaft im Kaufhaus Jahndorf gibt es noch Tickets. Diese kosten 99 Euro zzgl. Gebühr und beinhalten das Menü, eine Weinbegleitung, Aperitif und Digestif.
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