Danke, aber wir brauchen keinen Kopftuch-Feminismus

Vergangene Woche brach unter einem Facebook-Post von Refinery29 ein ausgewachsener Shitstorm los. Warum? Das habe ich, ehrlich gesagt, selbst nicht so recht nachvollziehen können. Es ging um ein Thema, das auf diese oder andere redaktionelle Weise eigentlich täglich auf Refinery29 stattfindet: Diversität und ein tiefer Einblick in andere Kulturen. Denn genau darum geht es bei uns zu einem großen Teil. Der besagte Artikel beschäftigte sich mit dem täglichen Leben praktizierender und gläubiger Muslimas in Trumps Amerika und erntete im Halbminutentakt Hasskommentare auf unserer Pinnwand.
Abgesehen davon, dass anscheinend einige unserer Facebook-„Fans“ seit Bestehen des deutschen Refinery29-Ablegers sämtliche Artikel zum Thema Diversity und Empowerment (also 90% des Contents) geflissentlich ignoriert haben, war ich schockiert über die Engstirnigkeit, den Hass und die Fremdenfeindlichkeit, der da ganz ohne Scham und Bedacht Luft gemacht wurde. Beim Durchlesen der Kommentare wurde ich allerdings auch unglaublich wütend ob der Bigotterie, mit der manche Menschen durch ihren Alltag gehen.
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Ganz besonders stießen mir die Beiträge von Kommentator*innen auf, die sich zur Rettung der Kopftuchträgerinnen aufschwangen und die Kopfbedeckung (mal wieder) gleichsetzten mit der Unterdrückung der Frau und einem deutlichen Symbol für das Patriarchat, unter dem vor allem muslimische Frauen leiden müssen. Nicht so bei uns, Gott bewahre, Gott sei Dank.
Denn in Europa, und natürlich auch in Deutschland, müssen Frauen kein Kopftuch tragen. Sie dürfen, ganz im Gegenteil, frei leben und tun und lassen, was sie wollen. Was für eine Religion ist das, die das weibliche Geschlecht zur Verhüllung zwingt?
Es ist schon fast erheiternd, wie engagiert manche Menschen sind, wenn es um das Thema Kopftuch geht. Zum Thema „Kopftuchstreit“ gibt es sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag. Klar, es geht einerseits um das generelle Thema der Religionsfreiheit. Im gleichen Atemzug wird aber immer wieder auch von der Unterordnung der Frau gesprochen. Vom Wert des weiblichen Geschlechts und der Vorherrschaft der Männer.
Das Bigotte an der ganzen Sache? Geht es um sichtbare Symbole für die vermeintliche Unterdrückung der Frau, so sind sich plötzlich alle einig, dass das ein absolutes No-Go ist. Als Rückschritt in unserer aufgeklärten Gesellschaft und etwas, das wir schon vor sehr langer Zeit hinter uns gelassen haben. Gleichzeitig reißt ein Großteil dieser Leute die Arme hoch, sobald die Worte „Frauenquote“, „Gender-Pay-Gap“ oder „Achselhaare“ fallen. Man muss schließlich auch mal einen Punkt machen, oder?
Mit dem Wahlrecht für Frauen, der Pille, der Pille danach und dem Fakt, dass Frau ohne Zustimmung ihres Angetrauten ein eigenes Bankkonto eröffnen darf (nicht aber als KundIN angesprochen wird), war für einen Großteil unserer Gesellschaft das Thema Gleichberechtigung abgeschlossen. Wofür wir jetzt noch kämpfen sind nervige Kirschen auf der Torte, weil wir den Hals nicht voll bekommen können.
Themen wie diese immer wieder aufkommende Debatte um das Kopftuch zeigt für mich, wie viel Arbeit wir noch in das Thema Gleichberechtigung, Aufklärung, Toleranz und Differenzierung stecken müssen. Es wird viel zu sehr alles in eine große Schüssel geworfen und verrührt. Und bevor wieder jemand der Meinung ist, sich über Sachverhalte wie das Tragen eines Kopftuches echauffieren zu müssen, sollte er*sie noch einmal tief in sich gehen und mit sich abstimmen, inwiefern er*sie zum Thema Gleichberechtigung informiert ist. Es geht nämlich schon lange um viel mehr als Alice Schwarzer oder Frauen am Steuer. Und auch um mehr als die verzerrte Symbolik eines Stück Stoffs.
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