„Ich gab ihm Geld, damit er mir nicht droht“ – Finanzieller Missbrauch in Beziehungen

photographed by Meg O'Donnell.
Kontrollverhalten, emotionale Manipulation, sexueller Missbrauch, Gaslighting: Häusliche Gewalt kann viele Gesichter haben. Während man von einigen Arten (leider) schon öfter gehört hat, wird über finanziellen Missbrauch bisher noch relativ wenig gesprochen. Doch wenn die Geschichten nicht erzählt (und gehört) werden, kann sich auch nichts ändern.

Der Hintergrund

„Wirtschaftlicher Missbrauch kann verschiedene Formen annehmen. Oftmals ist es den Betroffenen gar nicht bewusst und sie merken es erst, wenn sie schon an einem Punkt sind, an dem es unmöglich scheint, die Beziehung zu beenden”, erzählt Katie Ghose, die Firmenchefin von Women’s Aid, Refinery29 UK. „Unter finanziellem Missbrauch versteht man die Ausbeutung des Einkommens und der Zeit. Manchmal wird man dazu gezwungen, den eigenen Lohn auf das Konto des Partners/der Partnerin zu überweisen, manchmal aber auch davon abgehalten, arbeiten oder zur Uni zu gehen. Finanzieller Missbrauch kann sich aber auch darin zeigen, dass man finanziell überwacht wird, einem der Zugang zum eigenen Geld verwehrt wird oder der Partner/die Partnerin das Geld des Betroffenen ausgibt”. Ein Bericht der Wohltätigkeitsorganisation aus dem Jahr 2015 zeigt, dass die seelische Gesundheit von 77% der Missbrauchsopfer leidet, 71% der Betroffenen am Ende nicht mal mehr das Nötigste haben und 61% verschuldet sind.
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Sophies Geschichte

Die 29-jährige Sophie führte fast fünf Jahre lang eine Beziehung, in der sie ihr damaliger Freund mithilfe von Coercive Control (koerzives Verhalten ist ein aggressives, dominantes Verhalten, bei dem man jemanden zu etwas zwingt, das er nicht will oder ihm schadet), finanziellem Missbrauch, körperlicher und sexueller Gewalt kontrollierte. Sie gab ihrem Ex, den sie an der Uni kennengelernt hatte, jeden Cent, den er von ihr verlangte. Nur so konnte sie ihn beruhigen und weiteren Missbrauch verhindern. Refinery29 UK erzählte sie ihre Geschichte.
Mein Ex war mein erster fester Freund. Er hatte vor mir auch noch nie eine Beziehung, so dass keiner von uns beiden wirklich wusste, was „normal“ ist. Weil er ein schwieriges Verhältnis zu seiner Mutter hatte und auch sonst niemanden kannte, bei dem er hätte wohnen können, zog er schon nach sechs Monaten bei mir ein. Ich war zwar nicht super begeistert von der Idee, weil es einfach zu früh war, aber ich wollte auch nicht, dass er obdachlos ist. Also willigte ich ein. Rückblickend gab es einige Warnsignale ­– wie, dass er sich unglaublich über Kleinigkeiten aufregte und sehr wütend wurde. Aber ich realisierte das damals noch nicht.
Drei Monate nachdem er bei mir eingezogen war, fingen die Misshandlungen an. Er schubste mich, schlug mich und vergewaltigte mich zwei Mal ­– als Bestrafung. Dass er mich vergewaltigt hatte, wurde mir auch erst im Nachhinein klar. Er missbrauchte mich auch emotional und psychisch: Damit ich ihn nicht aus meiner Wohnung warf, erpresste er mich mit Dingen, die ich ihm im Vertrauen erzählt hatte. Außerdem gab er mir die Schuld für seine Wut und sagte Sachen wie „Du bringst mich auf die Palme“. Während der gesamten Beziehung unterstützte ich ihn finanziell. Er arbeitete entweder in Jobs, in denen er fast nix verdiente oder gar nicht. Wir standen beide im Mietvertrag der Wohnung also hatte ich keine andere Wahl, als allein die komplette Miete zu zahlen, damit wir nicht rausgeworfen werden. Er hätte eigentlich gesetzliches Krankengeld bekommen müssen, aber durch einen Verwaltungsfehler erhielt er nichts. Das war etwas, worum er sich einfach hätte kümmern müssen, aber er weigerte sich. Danach schlug ich vor, dass er Arbeitslosengeld beantragen soll, weil es besser ist als nichts. Aber auch dagegen weigerte er sich. Ich war damals etwa 25 Jahre alt und verdiente als Berufsanfängerin nicht gerade viel Geld. Es war also nicht leicht für mich, uns beide zu finanzieren. In dieser Zeit war er depressiv und es war sehr schwer mit ihm zusammenzuleben. Oft gab ich ihm einfach Geld, damit er sich etwas kaufen konnte, weil ich wusste, dass ihn das beruhigt. Wenn ich ihm 50 oder 100 Pfund gab und er damit rausging, hatte ich wenigstens etwas Zeit für mich gewonnen. Ich musste für einen Moment keine Angst davor haben, dass er mich wieder bedroht. Statt eine Therapie zu machen oder Medikamente zu nehmen, trank er Alkohol und nahm Drogen, um sich zu beruhigen. Beides war sehr teuer. Es gab Zeiten, in denen er mich nach Geld fragte, damit er in eine Bar gehen oder Drogen kaufen konnte. Ihm das Geld einfach zu geben, schien für mich die einzige Lösung zu sein, denn nur dann konnte ich einen ruhigen Abend Zuhause verbringen und mich sicher fühlen.
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Wenn ich ihm 50 oder 100 Pfund gab und er damit die Wohnung verließ, hatte ich wenigstens etwas Zeit für mich gewonnen. Ich musste für einen Moment keine Angst davor haben, dass er mich wieder bedroht.

Ich finde es gut und wichtig, dass finanzieller Missbrauch endlich als solcher erkannt und benannt wird. Aber die meisten Beispiele, von denen man hört, finden innerhalb von Familien statt: Weil die Frau keinen Job hat oder Kinder im Spiel sind, ist sie abhängig von ihrem Partner und traut sich nicht, ihn zu verlassen. Aber in meiner Beziehung war ich die Hauptverdienerin. Ich finde es wichtig, dass die Menschen erfahren, dass es auch so laufen kann.
Die Auswirkungen meiner Beziehung waren gut und schlecht. Natürlich wäre es mir lieber gewesen, das alles nicht erleben zu müssen. Aber ich fand dadurch erst raus, wie viele Leute wirklich von häuslicher Gewalt betroffen sind. Die Erfahrungen, die ich in der Beziehung gemacht habe, treiben mich dazu an, etwas zu ändern. Es ist traurig, dass das alles geschah als ich noch so jung war. Ich werde dieses Jahr 30, aber manchmal fühle ich mich viel jünger, weil ich diese unbeschwerte Zeit übersprungen habe, in der man einfach nur Spaß hat und das Leben genießt. Ich war immer unglaublich gestresst und machte mir ständig Sorgen darüber, was mich erwartet, wenn ich nach Hause komme. Das beeinflusste jede Entscheidung, die ich traf, aber auch meine Karriere. Mittlerweile arbeite ich als Programmmanagerin bei einem Unternehmen, das Trainings für Aktivist*innen und Kampagnenmacher*innen organisiert, die von einer Welt ohne globale Ungerechtigkeit, Umweltverschmutzung, Diskriminierung und Gewalt träumen. Außerdem bin ich Botschafterin bei Women’s Aid. Davor habe ich in einem komplett anderen Feld gearbeitet und fühlte mich nicht in der Lage, über das, was mir zugestoßen ist zu reden.
Die Beziehung wirkte sich auch auf meinen Umgang mit Geld aus. Ich bin dadurch übertrieben vorsichtig geworden, wenn es um finanzielle Angelegenheiten geht. So hatte ich früher kein Problem damit, mein Geld mit meiner Familie und Partnern zu teilen. Ich dachte, dass man das in Beziehungen so macht. Aber jetzt denke ich, dass ich einfach nur naiv war.
Wenn du selbst betroffen bist oder jemanden kennst, die*der unter häuslicher Gewalt leidet, kannst du dich beispielsweise unter der Nummer 08000 116 016 oder per Online-Beratung an das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ wenden – ein vertrauliches, kostenfreies 24-Stunden-Beratungsangebot, das anonyme, mehrsprachige und barrierefreie Unterstützung bietet. Eine Liste mit weiteren Ansprechpartnern findest du hier.
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