Bars im Flirtcheck - Beherrschen wir noch die Kunst des non-digitalen Abenteuers?

FOTO: getty
„Ich wünsche mir mehr Risiko und weniger Filter!“

Im Berliner Nachtleben vermisse ich oft das Gefühl, einen Raum zu betreten und von einer Person völlig verzaubert zu sein. Ich vermisse die Situation, in der aus einer gegenseitigen Anziehung ein Lächeln und schließlich ein Gespräch wird. Ich vermisse einen simplen, aber doch Herzklopfen verursachenden Flirt. Warum ist das denn heutzutage so verdammt schwer?! Seitdem Online Dating über Tinder und Co. schon fast dazugehört wie der Kaffee am Morgen, frage ich mich oft: Wer beherrscht überhaupt noch diese non-digitale Kunst des Flirts, ohne dabei billig oder verzweifelt rüberzukommen?

Selbst wenn man als Frau selbstbewusst genug ist, die Zügel in die Hand zu nehmen und die Initiative zu ergreifen, spuken (zumindest bei mir) die gut gemeinten Ratschläge der Eltern ständig im Kopf herum: „Willst du was gelten, mach dich selten“. Oder: „Der Mann muss die Dame seines Herzens erobern“. Diese ganzen „Do’s and Don’ts“ machen spontane Flirts zu einem seltenen Vergnügen. Ich bin verunsichert. Ich will nichts falsch machen. Ich will keinen Mann einfach ansprechen, denn das könnte aufdringlich oder abschreckend wirken. Das wurde mir zumindest so gesagt. Das Problem ist: Ich gehöre nicht mehr zu der Generation, in der Männer offensiv um Frauen buhlen und sie erobern. Zumindest nicht die Mehrheit. Heißt das im Umkehrschluss, dass der perfekte Flirt nur noch ein Mythos ist, der uns lediglich in romantischen Komödien begegnet?

Um das herauszufinden, war ich auf Flirt-Mission in fünf verschiedenen Bars auf der Torstraße in Berlin-Mitte unterwegs. Mit im Gepäck war meine beste Freundin - vergeben und damit die perfekte Begleitung für mein Experiment. Fragen wie „Werde ich angesprochen? Werde ich angeschaut? Werde ich ignoriert?“ waren ebenfalls mein ständiger Begleiter. Wenn es ums Flirten geht, bieten Bars doch eigentlich die perfekte Ausgangslage: Schummeriges Licht, coole Mucke und das ein oder andere hochprozentige Hilfsmittel - natürlich nur in Maßen zu genießen - als Türöffner für Flirt-Abenteuer.

„Neue Odessa Bar“ (Torstraße 89, 10119 Berlin)
„Es gibt ja ziemlich viele gut aussehende Menschen in Berlin - viele davon sind an einem Samstagabend hier zu finden.” Diese Online-Bewertung ließ meine erste Anlaufstation schon mal ganz vielversprechend klingen. Gutes Aussehen allein sind aber noch lange keine Garantie für einen guten Flirt. Weil ich mich nicht einfach an einen Tisch setzen und, wie die Prinzessin auf der Erbse, auf einen Prinzen warten wollte, ging ich zur Bar und warf einen Blick in die Getränkekarte. Dort wurde ich direkt angesprochen: „Nimm den Moscow Mule, der ist mit Abstand am besten.“ Der Mann, der sich getraut hat, war ein Start-Up Unternehmer. Laut eigener Aussage super erfolgreich und gerade dabei, eine neue Fitness-App für Frauen zu entwickeln. Keine zwei Minuten in der Bar und schon war ich inmitten einer Männer-Gruppe, bestehend aus Unternehmern, einem Anwalt und einem Fitness-Trainer. „Das läuft ja gar nicht schlecht“, dachte ich mir. Die Gesprächsrunde entwickelte sich leider mehr zum Business-Talk als zum Flirt. Der Fitness-Trainer erzählte mir beispielsweise von seinen Erfahrungen aus einem Meditationscamp in Indien: „Ich durfte drei Wochen lang nicht an Frauen und Sex denken und es hat funktioniert.“ Mister Start-Up testete an mir seine Fähigkeiten der Persönlichkeitsanalyse und kam zu dem Ergebnis, dass er mich sofort in seiner Firma einstellen würde. Wow. Was für ein Mitte-Klischee - und ich mittendrin!

„Kitty Cheng Bar“ (Torstraße 99, 10119 Berlin)
Von der selbsternannten Szene-Bar war ich leider etwas enttäuscht, da ich dort das Gefühl hatte, dass es hauptsächlich ums Sehen und Gesehen werden ging. Ich wurde nicht ignoriert, sondern vielmehr von oben bis unten gemustert - was mindestens genau so unangenehm ist! Mit einem (zugegeben, etwas gequälten) Lächeln, versuchte ich, auf der Tanzfläche die (Körper-)Kontaktaufnahme zu starten. Heiße Flirts? Fehlanzeige. Das Problem: Beide Geschlechter standen in getrennten Grüppchen beieinander und musterten sich lieber gegenseitig, statt anzugreifen. Andere waren offensichtlich an nichts anderem interessiert, als ihren Smartphones. Ob dabei wohl parallel die Tinder-Kontaktliste durchforstet wurde? Zumindest stand den Männern der Spruch „Vielleicht treffe ich noch eine bessere“ förmlich ins Gesicht geschrieben. Ein Risiko wollte hier niemand eingehen. Der nächste potentielle Flirt ist ja schließlich nur einen Klick entfernt. Also warum sich überhaupt noch die Mühe geben, eine wildfremde Person anzusprechen und womöglich einen Korb zu kassieren? Flirten mit angezogener Handbremse war in dieser Bar das langweilige Motto. Schade eigentlich, denn kein virtueller Chat dieser Welt kann mir dasselbe schöne Gefühl geben, wie ein charmantes Gespräch mit dem anderen Geschlecht.



„Mein Haus am See“ (Torstraße 125, 10119 Berlin)
Dieselbe langweilige „Motto-Party“ stand auch in dieser Bar auf dem Programm. Hier scheiterte es leider am Publikum: Große (Touristen-)Gruppen so weit das Auge reicht. Diese unterhielten sich aber lieber miteinander und waren weniger auf der Suche nach neuen Kontakten. Selbst der Raucher-Bereich, der in vielen Fällen das Epizentrum für Small-Talk ist, war für mich eine flirtfreie Zone. Ich saß also an der Bar, weil ich dachte, dass dort vielleicht der Eine oder Andere, beim Warten auf sein Getränk, in Flirtstimmung kommt. Außer ein paar flüchtigen Blicken war da aber nada, niente, nichts. Nur der Barkeeper, der wahrscheinlich Mitleid hatte, versuchte es mit: „Seid ihr öfters hier?“. Nachdem ich das mit einem klaren „nein“ beantwortete, kam von ihm nur: „Schade eigentlich.“

„Schmittz“ (Torstraße 90, 10119 Berlin)
Zugegeben: In dieser Sportbar habe ich mich kurz gefragt, ob ich in einem Hostel gelandet wäre, denn es wurde überall gekickert, Dart und Tischtennis gespielt. Die Mischung unterschiedlichster Menschen machte es mir aber sehr einfach, mich wohl zu fühlen. Beim Betreten der Bar wurde ich angeschaut, aber (zum Glück) nicht angegafft. Die Männer widmeten sich viel lieber ihrem Spiel, als den anwesenden Frauen. Um überhaupt mit irgendjemandem ins Gespräch zu kommen, versuchte ich mein Glück an der Dartscheibe. Was tut Frau nicht alles, um Männer kennenzulernen? Schwuppdiwupp, stand ich inmitten einer Männerrunde, die mir ganz gentlemanlike die perfekte Wurftechnik beibrachte. Zwar traf damit keiner der Männer mitten in mein Herz, aber dafür mein Dartpfeil in die Mitte der Scheibe! Volltreffer!

„Muschi Obermaier“ (Torstraße 151, 10115 Berlin)
Etwas weiter weg vom Trubel am Rosenthaler Platz, ist hier die in „One-Night-Stands-endende-Flirt-Rate" wohl am höchsten. Die Location war voller Typen, die offensichtlich Lust darauf hatten, zu flirten was das Zeug hält. Ich saß - Überraschung - an der Bar und kam direkt ins Gespräch mit einem Schauspieler. Ohne große Spielchen ging er direkt in die Offensive: „Wow, du hast so schöne Augen.“ Er machte auch kein Geheimnis aus seinen sexuellen Vorlieben und seinem Lieblings-Fetisch-Club, in dem er laut eigener Aussage samstags gerne abtaucht. Ob man so etwas unbedingt erzählen muss, noch dazu einem Fremden? Das waren zumindest meine ersten Gedanken, aber nach einer Weile kam ich zu dem Schluss: „Hey, der Typ spricht einfach frei von der Leber weg und kümmert sich nicht um die Meinung anderer.“ Eigentlich bewundernswert. Wenn wir mit uns selbst glücklich und im Reinen sind, was kümmert uns dann das Gerede der anderen? Der Schauspieler mit gewissen Vorlieben war alleine auf Streifzug - aus gutem Grund: „Ich brauche niemanden an meiner Seite, um selbstbewusst zu sein.“ Das nenne ich mal eine Ansage!

Für mich als Single ist das Berliner Nachtleben jedes Mal auf’s Neue wie eine große Wundertüte: Manchmal enttäuschend, manchmal unerwartet gut. Genau so erging es mir in den fünf Bars, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Zwischen Anzugträgern, Touristen, hipper Z-Prominenz und Sex-Geständnissen war mein Flirt-Abenteuer immer wieder überraschend, aber nie langweilig. Was ich gelernt habe? Am Ende des Tages kommt es weniger auf die Location, sondern vielmehr auf die innere Einstellung an. Wenn wir weniger online, sondern mehr im Hier und Jetzt leben würden - einfach risikofreudiger und spontaner wären - dann stünde einem coolen Abend inklusive heißen Flirts nichts mehr im Wege. Wir leben schließlich nur einmal und was hat man denn schon zu verlieren? In diesem Sinne: Mehr Risiko und weniger Filter, bitte!
Werbung

Mehr aus Sex & Relationships

Watch

R29 Originals

Jetzt Ansehen
Fashion
Der Weg des Styles von der Subkultur auf die Weltbühne
Jetzt Ansehen
Queer Voices
Mitglieder der LGBTQIA-Community wenden sich in bewegend ehrlichen Briefen an ihr jüngeres Ich
Jetzt Ansehen
Lifestyle
5 Tage, 1 Experiment – Lifestyle-Redakteurin Lucie Fink stellt ihr Leben 5 Tage am Stück auf den Kopf!
Jetzt Ansehen
Musik
Frech und unkonventionell Musikerinnen.